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Basketball-Finale : Empfang in der Hölle

  • -Aktualisiert am

Zeremonienmeister für einen Feiertag des Bamberger Basketballs Bild: dpa

Es wird heiß sein, es wird laut sein, es wird rot sein: Es geht um die deutsche Meisterschaft, die Finalserie steht eins zu eins. An diesem Samstag fällt die Vorentscheidung, wenn Bamberg und Berlin zum dritten Mal aufeinander treffen.

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          Es wird wahnsinnig laut sein. 6300 Bamberger Zuschauer werden pfeifen und brüllen, sie werden auf ihren Trommeln herumprügeln, über allem wird das monotone Dröhnen der Klatschpappen hängen. Rauch wird in der Luft liegen, Trockeneis und Pyrotechnik, alles wird in das dreckig-rote Bamberger Licht getaucht sein, die Zuschauer ganz in rot, rote T-Shirts, rote Perücken, rot flimmernde Teufelshörner, die Banden werden rot leuchten. Es wird wahnsinnig heiß sein, die Sonne wird auf die Halle knallen, die roten Schweinwerfer werden Wärmelampen sein. Es wird krachen, es wird donnern, der Hallensprecher wird in Extase geraten, wenn die Mannschaften einlaufen. Die 500 mitreisenden Berliner Fans werden sich tapfer wehren, aber die Halle wird sie in Grund und Boden lärmen. Wenn Bamberg einläuft, wird man seine eigenen Gedanken nicht mehr verstehen können. Es geht um die deutsche Meisterschaft, die Finalserie steht eins zu eins, an diesem Samstagabend fällt eine Vorentscheidung. Es geht um fast alles.

          Man kann sich einen solchen Showdown nicht besser ausdenken: Am Ende einer langen Saison stehen sich die zwei Schwergewichte des deutschen Basketballs gegenüber, der Titelverteidiger Brose Baskets Bamberg und Alba Berlin, die Colts schwer in den Hüften, die Finger an den Abzügen. Die Bamberger haben eine Saison lang national alles und jeden geschlagen, der sich ihnen in den Weg gestellt hat, manche wurden regelrecht verprügelt, und auch international haben sie sehr respektabel mitgespielt. Bambergs Mission ist die Verteidigung des Doubles, Pokalsieger sind sie bereits. Alles läuft nach Plan, die Experten halten die Bamberger Mannschaft in einer Best-of-five-Serie für unschlagbar, das Team hat in dieser Saison kein einziges Heimspiel gegen eine deutsche Mannschaft verloren. Bamberg hat Heimrecht, und Bamberger Heimrecht bedeutet in diesem Jahr die Meisterschaft.

          Die Haut auf beiden Seiten wird dünner

          Für die Berliner hingegen ist diese Saison ein langer Ritt durch schwieriges Terrain: das frühe Ausscheiden im Eurocup, überraschende Niederlagen, Beschwerdegesichter bei Fans und Journalisten. Der Tiefpunkt ist die höchste Niederlage der Vereinsgeschichte: ein 52:103-Kugelhagel ausgerechnet in der Bamberger Halle, die Berliner werden aus der Stadt gejagt, Hohn und Spott, Schimpf und Schande.

          Die Hölle ist die „drittgrößte Mehrzweckhalle in Bayern”

          Der Trainer Luka Pavicevic wird durch Muli Katzurin ersetzt, Spieler werden ausgetauscht. Alba scheitert im Pokal, es folgt eine weitere Niederlagenserie. Es geht bergauf, es geht bergab. Es geht aber immer weiter: Alba erreicht die Playoffs, steht nach Siegen über Oldenburg und Frankfurt plötzlich im Finale. In „Freak City“ gegen Bamberg. Das alles klingt wie für Sportromantiker ausgedacht, als wäre es Romanmaterial samt Showdown auf der staubigen Main Street, und Ennio Morricone dirigiert.

          „52:103 - ich war dabei“

          Wir fahren heute zum vierten Mal nach Bamberg. Dieser irrwitzige Saisonverlauf ist nicht erfunden, und in Bamberg dirigiert Gotthilf Fischer eine CD der deutschen Nationalhymne. Ich sage „wir“, weil ich die Mannschaft von Alba Berlin seit dem Trainingslager im vergangenen August begleite und ein Buch über diese verrückte Saison schreibe. Ich habe im Winter meine Objektivität aufgegeben. Beim ersten Mal brach die Krise los. Auf der Rückreise von einem Spiel in Neapel gerieten wir in den schlimmsten Schneesturm des Jahres, alle Flugzeuge blieben am Boden, alle Züge steckten fest, die Spieler standen im T-Shirt im Schnee, es gab Decken vom roten Kreuz und Hagebuttentee, wir stiegen auf offener Strecke in einen Bus, und der Bus blieb mitten in der Nacht in Bamberg stecken. Bamberg lieh uns Zahnbürsten.

          Luka Pavicevic sagte damals, dass diese zehrenden Situationen eine Saison zerstören können. Er hatte Recht. Beim zweiten Mal Bamberg war die Mannschaft ausgezehrt und Bamberg völlig gnadenlos, geliehene Zahnbürsten hin oder her. Die Berliner Mannschaft wurde auseinandergeschraubt, demontiert, säuberlich eingetütet und in Einzelteilen nach Hause geschickt, „52:103 – ich war dabei“ steht jetzt auf den Bamberger T-Shirts. Bislang hat kein Berliner Spieler oder Trainer oder Manager dieses Spiel vergessen.

          Es wird gespielt, bis nur noch einer übrig ist

          Zur dritten Bamberg-Reise zum ersten Finalspiel vor einer Woche hatte der neue Coach Muli Katzurin das Team neu und anders wieder zusammengesetzt. Wir nahmen die gleiche Busroute, wohnten im gleichen Hotel, das gleiche Ritual wie immer. Aber dieses Mal war es ein Spiel mit Bedeutung und auf Augenhöhe. Die Haut auf beiden Seiten wird dünner, die Inszenierung der Bamberger Hölle war verbessert worden.

          In der Gästeumkleide West gab es gewissenhaft angebrachte Anti-Berlin-Schmierereien, die Maschinen der Reinigungskolonne standen unhöflich im Weg, symbolisch hatte man zwei Wäscheständer voller Mehrwegmopps zum Trocknen in die Kabine gestellt, und zur Einschüchterung lagen die Überreste des zuletzt geschlagenen Gegners Artland Dragons, inklusive Playbook, Taktikbrettern und Bananenschalen aus. Der Höllenlärm in der Stechert-Arena sägte schärfer an den Nerven als noch im Winter. Bamberg gewann das Spiel deutlich mit 90:76, aber nicht so deutlich wie erträumt. Das zweite Finalspiel in Berlin am Mittwoch ging mit 80:71 an Alba und bedeutete den ersten Berliner Sieg über Bamberg seit einer gefühlten Ewigkeit.

          Und es geht immer noch weiter, es wird gespielt, bis nur noch einer übrig ist. An diesem Samstag also Spiel drei in Bamberg. Die Hölle ist die „drittgrößte Mehrzweckhalle in Bayern“, wie es auf der Homepage heißt. Niemand würde es aussprechen wollen, aber Berlin weiß, dass Bamberg weiß, dass Berlin dieses Spiel gewinnen kann. Es wird wahnsinnig laut werden und heiß und intensiv. Es wird ein großartiges Basketballspiel werden, so, als hätte es sich jemand ausgedacht. Und wenn wir ehrlich sind, werden wir uns alle – Bamberger und Berliner – wie kleine Kinder freuen, dabei sein zu können.

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