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Basketball : Der Mann, der Dennis Schröder in die NBA brachte

Wankelmütiger Zeitgenosse: Dennis Schröder Bild: dpa

Ohne Liviu Calin hätte es Dennis Schröder nicht bis in die NBA geschafft. Es ist ein traumhafter Aufstieg, den es heute so aber nicht mehr geben würde.

          Harte Hand und lange Leine, so muss man sich das Handwerkszeug von Liviu Calin vorstellen. Der Basketballtrainer fordert, aber er vereinnahmt nicht. Als es vor nun sechs Jahren mit einem gewissen Dennis Schröder nicht weiterging, ließ Calin den Fünfzehnjährigen ziehen. Es hätte ein Abschied des größten Talentes, das ihm in seiner Karriere begegnete, vom Basketball werden können; nur zwei Mal die Woche war Schröder damals noch unterm Korb am Ball.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Er spielte Fußball, und vor allem fuhr er im Prinz-Albrecht-Park der Stadt Braunschweig Skateboard. „Ich habe ihn nicht rausgeworfen“, sagt Calin: „Dennis war sehr frei. Schon mit zehn Jahren blieb er bis elf Uhr abends im Park und ist am nächsten Tag nicht in die Schule gegangen. Niemand hätte ihm sagen können, was er tun und lassen soll.“

          Die Geschichte kennt jeder Basketball-Interessierte in Deutschland: Wie Coach Calin den zehnjährigen Dennis im Park entdeckte, sein phänomenales sportliches Talent erkannte und sich bemühte, beim Basketball das zu kanalisieren, was er heute als „Arroganz, Überheblichkeit und Prägnanz“ beschreibt, „eine starke Persönlichkeit“. Seit zwei Jahren, seit er neunzehn ist, spielt Schröder in der ersten Liga der Welt, der NBA, für die Atlanta Hawks.

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          Ohne Liviu, sagt der wilde Bursche von einst, Sohn eines Braunschweigers und einer Gambierin, ohne diesen Papa wäre er nicht der Basketballspieler geworden, der er ist. Auch weil dieser ihn, als er mit sechzehn in dessen Pro-B-Mannschaft zurückkehren wollte, zappeln ließ. „Gib mir noch eine Chance“, bat Schröder. Der Coach aber nahm sich einen Tag Bedenkzeit. Damit signalisierte er: Ich nehme dich ernst, aber ich nehme dich nur, wenn du das Spiel ernst nimmst.

          „Er war ein Super-Talent“

          „Wenn ich nicht damals schon ehrgeizig gearbeitet hätte“, sagt Schröder, „hätte Liviu mich niemals trainiert.“ Der Junge wollte und er brauchte mehr als Spaß und Ablenkung. Er hatte ein Ziel gefunden. Überraschend war sein Vater gestorben, wenige Tage nachdem der Junge endlich dessen Traum von der NBA auch zu seinem gemacht hatte. Schröder schrieb Calin in einem Brief, dass er, Liviu, nun sein Vater sei. Und begann mit aller Konsequenz daran zu arbeiten, die Erwartungen zu erfüllen, die er mit seinem Potential geweckt hatte, das Versprechen einzulösen, das er seinem Vater gegeben hatte: den Schritt nach Amerika zu schaffen.

          „Er war ein Super-Talent“, sagt Calin. „Er hat Hilfe gebraucht.“ Und so brachte er dem Jungen, dessen Ehrgeiz plötzlich ein Ziel hatte, das kleine und das große Einmaleins des Basketballs bei. Dafür war Calin 1991, vor bald 25 Jahren, aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Wenn Schröder ihn „Papa“ rief, erwiderte er, dass er noch viele andere Kinder habe, die ihn bräuchten: die jungen deutschen Spieler, aus deren Talent er die Basis für eine Profi-Karriere machen wollte. Nur drei Spielzeiten später, als jugendlicher Anführer der Braunschweiger Bundesliga-Mannschaft und bester junger Spieler der Liga, stellte sich der Achtzehnjährige der NBA zur Wahl. An Position 17 des Draft griffen die Hawks zu.

          Keiner für Vereins-Basketball, aber einer mit dem richtigen Riecher: Liviu Calin

          In den zwei Jahren, die Schröder nun in Atlanta spielt, hat Calin ihn nicht einmal besucht. Schon nach der ersten Saison lud der Spieler, dessen Millionen-Dollar-Vertrag gerade verdoppelt wurde, seinen einstigen Trainer ein, zu ihm nach Amerika zu ziehen. Doch Calin belässt es bei Telefongesprächen während der Saison und dem Spruch, er komme, sobald Schröder hundert Millionen auf der hohen Kante habe. Gerade haben beide gemeinsam in Braunschweig trainiert.

          In der Nationalmannschaft wird Calin seinen Besten bei der Basketball-Europameisterschaft aber wohl lediglich in den Vorrundenspielen gegen Island und Serbien sehen; nur für diese Spiele hat er Karten. „Dennis ist nicht Dirk Nowitzki, und ich bin nicht Holger Geschwindner“, sagt der 61-Jährige. „Dennis ist ein Allein-Gänger. Er braucht nicht permanente Betreuung, und er braucht nicht meine Präsenz.“ Schröder steht schon an diesem Freitag im Testspiel in Wetzlar gegen die tschechische Auswahl für Deutschland auf dem Parkett, Nowitzki folgt am Sonntag ins Trainingslager nach Mallorca.

          „In diesem Verein ist fast alles gestorben“

          Schröder ist nicht der einzige Profi aus der Braunschweiger Schule. Auch Daniel Theis, der mit Bamberg Meister wurde und in der Euro-League spielt, Robin Smeulders (Oldenburg) und Dirk Mädrich (Bonn) haben ihr Handwerk bei Calin gelernt, in seinem Pro-B-Team und, nach und nach, in der ersten Mannschaft. Warum er nicht Cheftrainer eines Bundesliga-Teams ist? „Ich habe Stabilität gewählt“, antwortet Calin.

          Doch wenn er heute einen zehn oder sechzehn Jahre alten Schröder entdeckte, wüsste Calin nicht, wohin mit ihm. „In diesem Verein ist fast alles gestorben“, resümiert er. „Das Programm, in dem Dennis und viele andere nach oben gekommen sind, gibt es so nicht mehr. Heute wären diese Spieler ohne Perspektive, ohne Chance.“

          Weil die Braunschweiger ihren Hauptsponsor verloren haben, lagerten sie ihre zweite Mannschaft nach Wolfenbüttel aus, zehn Kilometer nach Süden. Doch den Trainer Calin wollten sie dort nicht. Calin stehe Braunschweig auf die Stirn geschrieben, ließ man dort wissen, er sei den lokalpatriotischen Fans nicht zuzumuten.

          „Zu schnell, in Panik“, urteilt Calin über das Verschwinden seines Pro-B-Teams. „Das beste Nachwuchs-Konzept in Deutschland ist dilettantisch abgeschafft worden.“ Er wird sich als Kotrainer des Erstliga-Teams der individuellen Arbeit mit den Profis widmen. Sie werden es als Auszeichnung empfinden, mit dem Mann zu arbeiten, der Dennis Schröder in die NBA brachte.

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