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Basketball-Superstar : Wie Dirk Nowitzki sich für die EM quält

  • -Aktualisiert am

Sein täglich Brot: In der fränkischen Provinz übt Basketball-Superstar Dirk Nowitzki für die EM Bild: dpa

Basketball-Superstar Dirk Nowitzki spielt erstmals nach langer Pause wieder für das deutsche Nationalteam. Auf die EM im September bereitet er sich einsam in einer grauen Halle vor. Ein Besuch.

          3 Min.

          Nach zehn Minuten entwickelt die Monotonie etwas Meditatives: Ein Dribbling, die Betonung beim Aufsetzen der Füße vor dem Sprungwurf, das Geräusch, wenn der Ball, ohne den Ring zu berühren, durch das Netz des Korbes fällt: dipp, dick, swäsch, immer wieder: dipp, dick, swäsch, 90 Minuten lang, mit kleinen Pausen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Augenlider würden beim Zuschauen schwer. Wenn der große Mann in der großen Halle nicht Dirk Nowitzki wäre. Der Star der Dallas Mavericks beim Wurftraining zur Vorbereitung auf die erste Runde der Basketball-Europameisterschaft in Berlin im September, auf sein Comeback in der nächsten Woche nach vier Jahren Pause in der Nationalmannschaft. Er könnte mit der deutschen Auswahl sogar noch einmal Olympische Sommerspiele erleben, nächstes Jahr in Rio: „Das wäre großartig“, sagt Nowitzki später, draußen auf der Bank, im Schatten einer Buche, geduscht, weißes T-Shirt, karierte Shorts, die großen nackten Füße in Schlappen. Wie vor jeder Saison beginnt die Arbeit an dem perfekten Wurf in der Provinz.

          Drinnen keuscht Nowitzki

          Dienstag, einen Steinwurf von Würzburg entfernt. Die Halle steht am Rande eines Dorfes mit engen Gassen und - gefühlt - mehr Weinstuben als Wohnhäusern. Randersacker, ein Bäcker. Hat Nowitzki hier den Schlüssel für sein Trainingsquartier geholt? Draußen vor dem Fußballplatz warnt ein Schild die Zuschauer: Wer den Schiedsrichter beleidigt oder beschimpft, muss mit Platzverweis rechnen. Die Profis des Drittligaklubs aus Würzburg schwitzen in der Morgensonne.

          Drinnen keucht Nowitzki. Sidesteps im Sprinttempo, die klassische Fußarbeit bei der Verteidigung, unangenehm, spaßfrei. Für einen Mann von 2,13 Meter eine Qual, so schwerfällig, wie es aussieht. Das abrupte Abstoppen nach ein paar Metern, der Richtungswechsel. Nowitzkis Trainingsshirt ist klatschnass geschwitzt. Er geht an seine Grenze. Dann räumt er auf, sammelt die Markierungen ein, unter anderem seine Trinkflasche.

          Allein mit einem grummelnden, älteren Herrn

          Nowitzki hat zuletzt auf Gehalt, auf Millionen Dollar verzichtet, damit Dallas bessere Mitspieler einkaufen kann. Es kostete ihn ein Fingerschnippen, schon stünde ein ganzes Trainerteam in der Halle. Beim Kraft- und Lauftraining ist er zunächst Solist. Um 10:30 Uhr schaut ein älterer Herr in Jeans und kariertem Hemd zur Tür rein. Holger Geschwindner, 69, grummelt, verschwindet und kehrt Minuten später in dunkelgrauen Jogging-Klamotten zurück.

          Bilderstrecke

          Geschwindner ist kein eitler Mensch. Aber diesmal passt das Outfit zur Umgebung: graue Halle an einem Weinberg, ein typischer Schulturnhallen-Boden, mit zahllosen farbigen Linien. Die Basketball-Einzeichnung für die Drei-Punkte-Linie ist veraltet. Nowitzki reicht ein Korb und „Hodge“, wie er Geschwindner ruft. Seinen Mentor, seinen Wurf-Doktor, wenn mal die Feinjustierung nicht mehr stimmt.

          Spielplan, Termine, Zeiten der Basketball-EM 2015 finden Sie hier.

          Aber reicht das? Erst Krafttraining, dann Lauftraining am Limit und schließlich Wurftraining, wenn Koordination gefragt ist. Trainerkandidaten wurde jahrelang die umgekehrte Reihenfolge eingebleut. Die Methodik ist sinnvoll für junge Spieler, die noch an der Technik arbeiten, die Bewegungsschleifen speichern müssen. Sie gilt kaum für einen Nowitzki. Wer 28.000 Punkte in der NBA gemacht hat, wer 1500 Dreier getroffen hat, sollte den Wurf draufhaben.

          Das tägliche Brot

          Er hat mit seiner Treffsicherheit das Spiel verändert und den langen Kerlen neue Perspektiven eröffnet. Als Kind der sechziger Jahre wäre Nowitzki mit seinen Dimensionen als Pennäler an den Korb gestellt worden, als Center fixiert, ein für alle Mal. „Ich hatte Glück“, sagt er: „Mein Jugendtrainer hat zu mir gesagt, dass ich woanders spielen kann und soll.“ Draußen, auf dem Flügel, wo vor 15 Jahren in der NBA ein Riese auftauchte, der sich bewegt wie ein „Kleiner“ und dazu noch treffen kann. Wer blockt einen 2,13-Meter-Mann da draußen? Vielleicht ein Gleichlanger. Der ist aber zu langsam in der Verteidigung, wenn er Nowitzki auf die Pelle rückt. Mit einem Schritt ist der Würzburger vorbei, im Überzahlspiel, beim Zug zum Korb. Wer Abstand hält, wird überworfen.

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          Dipp, dick, swäsch: Ein Ball nach dem anderen saust durchs Netz in der Halle von Randersacker. Nowitzki plaudert dabei mit Geschwindner. Sie haben seinen Wurf und sein Spiel entwickelt in den Jahren, Sommer für Sommer. Am Dienstag scheinen all die Schritte beim Wurftraining wie im Zeitraffer vorbeizufliegen. Würfe auf einem Bein, rechts wie links, Schüsse nach hinten fallend, nach einer Drehung, mit der Linken des Rechtshänders. Immer alle Varianten, keine Einseitigkeit. Seit fünfzehn Jahren spielt Nowitzki damit auf Weltklasseniveau.

          Es ist wie beim Tonleiterüben des Pianisten: tägliches Brot. Der Wettkampfcharakter ist dabei kaum zu erkennen, so locker geht es zu. „Allein gegen die Mafia“, sagt Geschwindner, hätten sie gespielt. Nowitzki sollte hundert Punkte machen - ohne Fehlwurf. Das wären mindestens 34 Dreier oder fünfzig Zwei-Punkte-Würfe. „Hat er heute nicht geschafft.“ Geschwindner winkt ab: eine gefühlte Trefferquote von 90 Prozent im Training ohne Gegner? „Weit weg, da sind wir noch nicht, aber auf gutem Weg.“ 75 waren es bestimmt. Eher mehr.

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