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66:68 gegen Serbien : Spiel verloren, Respekt gewonnen

15 Punkte gelingen Dirk Nowitzki gegen Serbien – es reicht nicht ganz zum Sieg. Bild: AFP

Deutschland bietet im zweiten Spiel der EM eine großartige Leistung, verliert aber kurz vor Schluss gegen Mitfavorit Serbien. Noch erstaunlicher als die Leistung ist aber etwas anderes.

          3 Min.

          Drei Sekunden vor Schluss liegt die deutsche Auswahl noch gleichauf mit der wohl besten Basketball-Mannschaft Europas. Zum 66:66 gegen Serbien hat Heiko Schaffartzik mit einem Distanzwurf ausgeglichen, und das Publikum in der Arena vom Berliner Ostbahnhof rast, als der 21 Jahre alte Dennis Schröder immer wieder Miloš Teodosic, den aufreizend arroganten Spielmacher, daran hindert, den Ball ins Spiel zu bringen. Dann nimmt, in letzter Sekunde, Nemanja Bjelica, der überragende Scorer der Serben (12 Punkte), an der Seitenlinie den Ball, zieht gegen den deutschen Center Tibor Pleiß davon, und wirft die Kugel in einem hohem Bogen in die Luft – und trifft.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Wer hätte das erwartet, dass die deutsche Mannschaft sich dem Weltmeisterschafts-Finalteilnehmer bei der Basketball-Europameisterschaft erst wenige Zehntelsekunden vor der Schlusssirene 66:68 geschlagen geben muss, dass sie vor 13000 Zuschauern nicht nur kurz vor der Verlängerung stand, sondern sogar den Sieg verschenkte? „Wir haben allen gezeigt, dass wir jeden schlagen können“, sagte der junge Paul Zipser anschließend.

          „Es ist schwer, das direkt danach zu sagen, aber eigentlich können wir sehr zufrieden sein.“ 26 Minuten lang stand er am Sonntag auf dem Feld, und die zwei Punkte, die er erzielte, und sechs Rebounds, beschreiben nicht annähernd seine Leistung in der Verteidigung gegen die serbischen Stars. Nur Dirk Nowitzki und Schröder, die Spieler aus der NBA, waren am Sonntag länger im Einsatz als der Spieler aus München.

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          Fast noch erstaunlicher als die Leistung der Nationalmannschaft war ihre Zuversicht. Er sei nicht überrascht, sagte Zipser, sondern habe vorher gewusst, dass sie mithalten konnten. Schröder, der die Mannschaft mit der Gelassenheit eines Veteranen und den Antritten eines geborenen Sprinters führte, sagte im Fernsehen: „Was wir für eine Leistung gebracht haben, ist unglaublich. Wir können auf jeden Fall noch mehrere Siege holen.“ Der Aufbauspieler der Atlanta Hawks kam wie Schaffartzik auf elf Punkte. Nowitzki, mit 37 Jahren der Älteste im Team, erzielte ebenso wie der 25 Jahre alte Tibor Pleiß, 15 Punkte.

          Auch Fußballtrainer Jürgen Klopp fieberte auf der Tribüne mit.
          Auch Fußballtrainer Jürgen Klopp fieberte auf der Tribüne mit. : Bild: dpa

          „Es war ein phantastischer Basketball-Nachmittag“, resümierte er. Doch nicht die großartige Stimmung entschied das Spiel, sondern „zehn, elf Offensiv-Rebounds, die wir in der ersten Halbzeit verpasst haben“, wie Nowitzki urteilte. „Das war der Killer.“ Kaum hatten die deutschen Spieler die Abpraller im Griff, trafen sie nicht mehr so gut aus der Distanz. Bundestrainer Chris Fleming machte aus seiner Enttäuschung kein Hehl. „Das ist ganz bitter, auf diese Art und Weise zu verlieren“, sagte er. „Wir wussten, dass wir mit den großen Mannschaften mithalten können. Es hätte auch für uns ausgehen können.

          Tatsächlich dürfte sich die deutsche Auswahl mit dem NBA-Trio Nowitzki, Pleiß und Schröder großen Respekt erspielt – und die kommenden Gegner gewarnt haben. Das werden, nach der Pause an diesem Montag, von Dienstag an die Türkei, Italien (Mittwoch) und Spanien (Donnerstag) sein; vier aus der Gruppe B in Berlin qualifizieren sich für das Achtelfinale des Turniers in der französischen Stadt Lille.

          Bundestrainer Chris Fleming trieb die Spieler wie Dennis Schröder immer wieder an.
          Bundestrainer Chris Fleming trieb die Spieler wie Dennis Schröder immer wieder an. : Bild: dpa

          Die Serben, die am Vorabend die spanische Auswahl niedergerungen und 80:70 besiegt hatten, warfen zu Beginn extrem unsicher. Die deutsche Mannschaft trug schwarze Trikots, den rabenschwarzen Auftakt hatten die Serben erwischt: fünfzehn ihrer zwanzig Schüssen in den ersten zehn Minuten gingen daneben, während die Deutschen immerhin bei jeden zweiten Schuss trafen. Die bemerkenswerteste Quote hatte Pleiß, der aus dem Feld fünf von sechs Versuchen verwertet, fünf Freiwürfe zu fünf Punkten nutzte, zwei serbische Würfe spektakulär blockte und mit sieben Rebounds in seinem Teams hinter Nowitzki (10) in dieser Kategorie am meisten auffiel.

          Zu den guten Aussichten, die sich das deutsche Team am Sonntag erspielte, passt die Prognose von Robin Benzing. Beim 71:65 gegen Island auf einem Bein vom Feld gehüpft, hatte seine Verletzung einen Bänderriss und damit den nächsten Ausfall auf der Nationalmannschaft befürchten lassen. „Es ist wirklich gefährlich, Spieler auf der Position vier zu sein und für Deutschland zu spielen“, hatte Trainer Fleming mit Galgenhumor gescherzt.

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          Ausgerechnet auf der Position von Nowitzki, ausgerechnet auf dem Flügel, wo die neue Generation von Power Forwards den Altmeister entlasten sollte, grassiert das Verletzungspech: Maxi Kleber, Daniel Theis, Elias Harris sind schon ausgefallen, zusätzlich zu den Centern Maik Zirbes und Danilo Barthel. Als sei dem erstaunlichen Spiel eine Wunder-Heilung vorausgegangen, spazierte Benzing am Sonntag ohne sichtbare Einschränkung durch die Halle und gab sich plötzlich optimistisch, an diesem Dienstag im Spiel gegen die Türkei wieder dabei zu sein.

          Der mühsame Sieg über Island zum Auftakt der Europameisterschaft hatte Zweifel an den deutschen Aussichten genährt. „Wenn wir uns nicht um 180 Grad drehen“, warnte da Schaffartzik, nachdem seinem Team die Partie im vierten Viertel entglitten war und es einen Vorsprung von 18 Punkten fast verspielt hatte, wenn also nicht alles anders werde, „haben wir im Spiel gegen Serbien keine Chance“. Es wurde alles anders.

          Serbien - Deutschland 68:66 (39:38)

          Serbien: Teodosic 8, Simonovic 5, Kuzmic 4, Bogdanovic 9, Bjelica 12, Markovic 2, Kalinic 6, Nedovic 6, Milosavljevic, Raduljica 7, Erceg 9, Milutinov

          Deutschland: Gavel (Bayern München) 4, Giffey (Alba Berlin) 3, King (Alba Berlin), Lo (Columbia University), Nowitzki (Dallas Mavericks) 15, Pleiß (Utah Jazz) 15, Schaffartzik (vereinslos) 11, Schröder (Atlanta Hawks) 11, Tadda (Brose Baskets Bamberg), Voigtmann (Skyliners Frankfurt) 5, Zipser (Bayern München) 2  

          Zuschauer: 13.050 (ausverkauft)

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