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Basketball-EM : Geblockt vom eigenen Team

Abschiedstournee? Schon in einer Woche könnte Dirk Nowitzkis Nationalmannschaftskarriere beendet sein Bild: dapd

Bei der Niederlage gegen Serbien attackiert Nowitzki indisponierte Mitspieler. Am Ende dieser Woche könnte seine Ära in der Basketball-Auswahl Geschichte sein. Immerhin: Gegen Lettland gelingt ein Sieg.

          3 Min.

          Tim Ohlbrecht war Pechvogel und Sündenbock zugleich. Eingewechselt nach dem fünften Foul des riesigen Centers Chris Kaman, stand der junge Basketball-Nationalspieler wie unbeteiligt neben Dusko Savanovic. Der stoppte mit einem Korbleger und einem Distanzwurf den Lauf der deutschen Nationalmannschaft, nein: den Lauf von Dirk Nowitzki im Europameisterschaftsspiel gegen Serbien.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Den Rückstand von 16 Punkten hatte Nowitzki, der überragende Profi im deutschen Team, mehr oder weniger allein bis auf fünf abgearbeitet, zwei Minuten vor Schluss. Ausgleich und Verlängerung schienen zum Greifen nah. 24 Punkte erzielte der NBA-Champion mit 22 Schüssen – so angriffslustig und so treffsicher war kein anderer auf dem Feld. Just in diesem Moment aber musste der Würzburger erkennen, dass es nicht nur die gegnerischen Spieler waren, die ihn am Sieg hinderten.

          „Timmi muss endlich aufwachen“, hatte Kaman vor der Partie von seinem 23 Jahre alten Mannschaftskameraden Ohlbrecht verlangt. Nowitzki reagierte heftiger auf die Traumtänzerei des 2,11 Meter langen Talents, das in der kommenden Bundesligasaison für die Skyliners Frankfurt spielen wird. Ungehalten gestikulierte Nowitzki zu Bundestrainer Dirk Bauermann und verlangte wütend die Auswechslung des überforderten Centers. Der Vorgang war ungeheuerlich, und Bauermann setzte noch eins drauf: Handfest stieß er Ohlbrecht zurück in die Reserve. Die Partie war verloren. Einen Freiwurf und einen Fehlwurf später, 43 Sekunden vor Schluss, ging Nowitzki vom Parkett.

          Schwieriger Weg: Chris Kaman gegen Lettland
          Schwieriger Weg: Chris Kaman gegen Lettland : Bild: dapd

          An diesem Mittwoch beginnt bei der EM in Litauen die Zwischenrunde. In der deutschen Nationalmannschaft allerdings scheint Abschiedsstimmung aufzuziehen. Die Mannschaft um Nowitzki, den erfolgreichsten Spieler dieser NBA-Saison und Meister mit den Dallas Mavericks, hat zwar noch eine Chance, nach der bedeutungslosen Partie gegen Lettland am Montag in Siauliai die Finalrunden und die Qualifikation für die Olympischen Spiele zu erreichen. Dazu aber muss sie von den bevorstehenden Partien gegen Europameister Spanien, Gastgeber Litauen und die Türkei zwei gewinnen. Immerhin: Gegen Lettland gelang in letzter Sekunde ein 81:80 - etwas Aufschwung für die angeschlagene Moral.

          Trotzdem: Das ernüchternde 64:75 gegen Serbien erinnert daran, dass die Zukunft dieses Teams allein in London 2012 liegt. Nur wegen dieser Perspektive übernahm Nowitzki die Führung der Auswahl. „Es ist schwer, gerade für junge Spieler, wenn man neben so einem Basketballer spielt, zu entscheiden, wann man Verantwortung übernimmt und wann man ihm den Ball geben soll“, gestand Aufbauspieler Heiko Schaffartzik. Er war noch der mutigste von allen, zog zum Korb, schoss furchtlos und erzielte bei elf Versuchen vier Treffer (11 Punkte). Jörg Nowitzki, der Vater des Stars, beklagte, die Mannschaft habe schon bei der Niederlage gegen Frankreich zugelassen, dass sein Sohn vorgeführt wird.

          Kampf um ein kraftvolles Finale

          Falls London außer Reichweite rückt, folgt der große Umbruch in der Nationalmannschaft. Denn indem sie sich hinter ihm verstecken, statt sich anstecken zu lassen von seinem Ehrgeiz, dürften hoch gelobte Spieler wie Robin Benzing, Tibor Pleiß und Ohlbrecht den 33 Jahre alten Nowitzki darin bestärken, sein kraft- und nervenzehrendes Engagement in der Auswahl zu beenden.

          Sobald der Franke nicht mehr für Deutschland spielt, nimmt wohl auch Chris Kaman, der eingebürgerte Center der Los Angeles Clippers, Abschied von seiner Karriere im Kreis der Deutschen. Dirk Bauermann wird sich auf die Meisterschaftsambitionen von Bayern München in der Basketball-Bundesliga konzentrieren müssen. Sie alle kämpfen um ein kraftvolles Finale ihrer Zeit mit der Nationalmannschaft. Schon am kommenden Sonntag könnte ihr letztes Spiel gekommen sein.

          Meeting nach dem Abendessen

          „Der Superstar hat sein Herz auf den Boden geworfen und mehr gekämpft als der ein oder andere“, schimpfte Bauermann: „Wenn er mit so einem Beispiel vorangeht, dann muss es doch ein Leichtes sein, mit der gleichen Energie wie er zu spielen.“ Sven Schultze, der erfahrenste Spieler nach Nowitzki, widersprach: „Ich finde nicht, dass wir Dirk haben hängen lassen.“ Da hatte der hauptsächlich Betroffene eine andere Wahrnehmung. „Dass er mich angemacht hat, war zu Recht“, räumte Ohlbrecht ein. Die Forderung, ihn auszuwechseln? „Klar, verständlich.“

          Dann erzählte er von Nowitzki: „Wir hatten ein Meeting nach dem Abendessen, da hat er sich vor der Mannschaft entschuldigt und gesagt: ,Tut mir leid, ich bin ein bisschen ausfallend geworden.‘“ Diese Art der Indiskretion dürfte der nächste Fehler von Ohlbrecht gewesen sein. Hatte sich Nowitzki doch, aufgewühlt von der Niederlage, vor sein Team gestellt und mannhaft gesagt: „Ich nehme einen Teil der Schuld auf mich.“ Das war nicht nur ehrenhaft, es sprach auch Bände. Ein Spieler, der 25 Punkte erzielt und sich Vorwürfe macht, dass es nicht mindestens elf mehr waren, erwartet nicht viel von seiner Mannschaft.

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