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Basketball : Ein Feldwebel für Alba

Nicht zum Spaß nach Berlin gekommen: Trainer Shamuel Katzurin Bild: dapd

Nach einem Kontrollfreak hat nun ein Feldwebel das Kommando bei Alba Berlin übernommen. Shamuel Katzurin sagt, er sei nicht zum Spaß nach Berlin gekommen. Seine Spieler freuen sich, dass sie wieder rennen dürfen.

          3 Min.

          „Feldwebel“ - wem das nachgerufen wird, der werde das nie wieder los, klagt Shamuel Katzurin. Feldwebel - das riefen ihm einige Spieler und die Zeitung Haaretz nach, als seine Zeit nach sieben Jahren als israelischer Nationaltrainer mit einer Machtprobe zu Ende ging. Das war 2004. Weitere sieben Jahre später hat der „Sergeant Muli“ von damals wieder hingeschmissen beim israelischen Verband. Diesmal dauerte es weniger als ein halbes Jahr, bis er seine Arbeit satt hatte, diesmal die als Sportdirektor. Das war in der vergangenen Woche. Seit Montag ist der Siebenundfünfzigjährige wieder Trainer; er hat bei Alba Berlin die Nachfolge von Luka Pavicevic angetreten.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Ich bin stolz auf das, was ich tue, und nehme meinen Beruf ernst“, sagte er am Dienstag, als er sich der Öffentlichkeit vorstellte. Im Flugzeug hatte er am Tag zuvor bereits Videos seiner neuen Mannschaft studiert, noch am Abend bat er zum Training. Sie seien sehr viel gerannt, berichtete Center und Mannschaftskapitän Patrick Femerling hinterher. Katzurin habe dem Team gesagt, dass er nicht zum Spaß nach Berlin gekommen sei.

          Schnelle Gegenstöße als Befreiung

          Weder das noch das Wort vom Feldwebel schreckt die Basketballprofis. Sie hatten sie es in Luka Pavicevic mit einem Kontroll-Freak zu tun, der von ihnen verlangte, feste Rollen in seinem perfektionierten System zu spielen. Noch in den wichtigsten Partien maßregelte er sie für Fehler in der Interpretation, und talentierter Nachwuchs schaffte es kaum von der Bank ins Spiel. Rennen war in den drei Jahren Pavicevic nicht vorgesehen, stand es doch für das Risiko des Ballverlustes. Als erstes schnelle Gegenstöße zu trainieren, empfinden die Berliner Spieler als Befreiung.

          „Er hat so etwas wie eine Festanstellung zugunsten von Alba aufgegeben“, freute sich Manager und Vizepräsident Marco Baldi. „Das bedarf natürlich einiger Gespräche.“ Damit machte er deutlich, dass es kein Zufall war, dass einerseits Katzurin in der vergangenen Woche den für ihn geschaffenen Posten des Sportdirektors in Tel Aviv und den damit verbundenen Fünfjahresvertrag aufgab und andererseits Alba fünf Wochen nach der 52:103-Niederlage in Bamberg, dem Tiefpunkt der Ära Pavicevic, über Nacht eine Vakanz schuf. „Wäre es besser gewesen, zwei Wochen zwischen Kündigung und neuem Job vergehen zu lassen?“ erwiderte Katzurin auf die Frage, ob er nicht schon vor der Beurlaubung seines Vorgängers Kontakt mit den Berlinern hatte. „Ich will keine Zeit verschwenden.“

          Eine bemerkenswert kurze Vertragslaufzeit für Katzurin

          Katzurin macht kein Geheimnis daraus, dass Spitzensport auch doppelbödig ist. Er verfüge bei Alba über exzellente Spieler, lobte er und fuhr fort: „Wenn ich Klagen hätte, würden Sie sie nicht zu hören bekommen.“

          Katzurin hat sich für eine bemerkenswert kurze Vertragslaufzeit von, je nach Abschneiden in der Play-off-Runde, vier bis fünf Monaten entschieden. „Wir wollen alles, was wir tun, auf den Punkt jetzt konzentrieren“, sagte Baldi zur Erklärung. Katzurin stieß ins gleiche Horn. „Über die Saison hinaus zu denken, wäre in der jetzigen Situation ein Fehler“, behauptete er.

          Alba hat Pavicevic für noch eineinhalb Spielzeiten abzufinden

          Die Wirklichkeit mag profaner sein. Alba hat Pavicevic für noch eineinhalb Spielzeiten abzufinden, das ist kein Pappenstiel. Katzurins Ruhm als Meistermacher mit Maccabi Tel Aviv aus den neunziger Jahren ist ein wenig angestaubt. Zuletzt war er eher unspektakulär mit Wroclaw (Breslau) und Nymburk (Nimburg an der Elbe) in polnischer und tschechischer Liga sowie als Trainer der polnischen Nationalmannschaft in Europa unterwegs. Er hat nun die Chance, mit dem zumindest bei den Zuschauern erfolgreichsten Team Europas zu reüssieren. Seinen Einstand gibt er am Donnerstag beim EuroCup-Spiel gegen Panellinios Athen. Auf die deutsche Meisterschaft, sagt er, habe jedes Team eine Chance, die es in die Play-offs schaffe. Er freue sich auf die Herausforderung. „Basketball ist ein sehr einfaches Spiel“, behauptet Katzurin. „Die einzigen, die es kompliziert machen, sind Trainer und Schiedsrichter.“

          Katzurin pokert um einen hohen Einsatz. Scheitert er, hat es Alba leicht, sich von ihm zu trennen. Spielt sein Team erfolgreich, kann Katzurin im Sommer aus einer Position der Stärke seinen Anschlussvertrag verhandeln. „Wenn mich jemand Feldwebel nennt“, scherzte er am Dienstag, „werde ich ihn bitten, mich zum Offizier zu befördern.“

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