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Basketball : Der NBA-Clown hat nichts mehr zu lachen

  • -Aktualisiert am

Der Ursprung allen Übels: Pistolero Gilbert Arenas trifft sich mit seiner Geste selbst Bild: NBAE/Getty Images

Weil Basketballprofi Gilbert Arenas kurz vor einem NBA-Spiel mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole andeutete, wurde er gesperrt. Jede verpasste Begegnung kostet den größten Clown der Liga 200.000 Dollar.

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          Beim Aufwärmen vor dem Spiel in Philadelphia versammelten sich die Basketballprofis der Washington Wizards kurz in einem losen Kreis. Alle lachten, als ihr bester Mann mit ausgestreckten Zeigefingern und hochgezogenen Daumen jenes Handzeichen machte, mit der Schauspieler oder Kinder so tun, als ob sie eine Pistole in der Hand hätten. Der Jux, den sich der 27 Jahre alte Gilbert Arenas gönnte, passt zu seinem Persönlichkeitsprofil. Arenas, Spitzname „Agent Zero“, ist ein selbstironischer Typ, der sogar nichts dagegen hat, sich in Werbespots der mit ihm verbandelten Schuhfirma auf den Arm nehmen zu lassen.

          Die Geste auf dem Spielfeld aber kam nicht gut an. Einen Tag später, als das Foto von der kurzen Schauspieleinlage die Runde machte, hatte der Aufbauspieler der Wizards mit dem unwiderstehlichen Distanzwurf nichts mehr zu lachen. Da erklärte David Stern, der Chef der NBA, den größten Clown der Liga zur Persona non grata und verhängte eine unbegrenzte Sperre.

          Was Arenas, vor zwei Jahren mit einem Sechsjahresvertrag im Wert von 111 Millionen Dollar ausgestattet, nicht bedacht hatte: Sein kleines Cowboy-Spiel machte eine gegen ihn laufende interne Untersuchung lächerlich. Sie sollte klären, weshalb er im Dezember seine Sammlung von Pistolen in der Umkleidekabine seines Klubs verstaut und eine davon Berichten zufolge in einer Auseinandersetzung über unbezahlte Wettschulden auf einen Mitspieler richtete, der ebenfalls eine Waffe in der Hand trug.

          Teamkollege Antawn Jamison bat die Zuschauer vor dem Spiel gegen Orlando Magic um Solidarität für Arenas

          Die NBA versteht in solchen Dingen keinen Spaß. Seit der Profi Chris Mills 2005 eine Pistole auf den Bus der Portland Trail Blazers richtete und im gleichen Jahr ein Profi eine geladene Waffe mit ins Flugzeug seines Teams nahm, steht im Tarifvertrag Folgendes: Egal ob in der Halle oder auf offiziellen Reisen unterwegs - Waffen sind nicht erlaubt. Die scharfe Reaktion des Liga-Chefs Stern, Arenas drohe „womöglich Schlimmeres“ als nur eine längere Sperre, wirkt drastisch. Schließlich ist niemandem ein körperlicher oder seelischer Schaden entstanden.

          Streetball-Kultur und Gangster-Glamour

          Doch Stern ist in solchen Dingen rigoros. Er hatte in den achtziger Jahren den Posten des Chefmanagers übernommen, als die Liga schlechte Einschaltquoten und ein schlechtes Image besaß. Mit Hilfe von überragenden Spielern wie Michael Jordan, Magic Johnson und Larry Bird machte er die NBA zunächst in den Vereinigten Staaten und dann auch im Rest der Welt zu einem der ertragreichsten Sportunternehmen. Der Erfolg ließ in den Glanzzeiten den Schluss zu, dass die Klischees überwunden seien, mit denen eine Liga in den Vereinigten Staaten unweigerlich zu kämpfen hat: Die NBA-Spieler sind fast ausschließlich schwarz, das zahlungskräftige Publikum ist überwiegend weiß.

          Tatsächlich konnte die NBA den Rassismus-Vorwurf nie ganz abschütteln. Auch deshalb nicht, weil das Bild der Liga heute unter anderem von einer Streetball-Kultur aus den Gettos der Großstädte und dem Gangster-Glamour der Hip-Hop-Musik des schwarzen Amerika geprägt wird. Zu den Begleitumständen gehören mit Tätowierungen übersäte hochbezahlte Profis. Sie leben ihre Individualität oft genug mit einer Haltung aus, die Lücken demonstriert: Selbst die Besten scheinen oft nicht zu kapieren, in welchem wirtschaftlichen Umfeld sie ihre Millionen verdienen. So protestierte Allen Iverson, der als Teenager im Gefängnis saß und sich später ein Ermittlungsverfahren wegen illegalen Waffenbesitzes einhandelte, gegen eine von Stern verhängte Kleiderordnung. Sie lehnt sich an die Regeln der Geschäftswelt an. Iverson jammerte: „Jeder hat seinen eigenen Stil. Es ist einfach unfair, wenn man das jemandem nimmt. Stecke einen Mörder in einen Anzug - und er ist immer noch ein Mörder.“

          Die Zeit der symbolischen Strafen ist vorbei

          Tatsächlich dokumentierte der amerikanische Anwalt und Autor Jeff Benedict vor ein paar Jahren in seinem Buch „Out of Bounds - Inside the NBA's Culture of Rape, Violence and Crime“, dass viele Profis alles andere als harmlose Milchbubis sind. Er hatte sich die Akten von insgesamt 177 Spielern vorgenommen, die während der Saison 2001/2002 in die Fänge der Ermittlungsbehörden geraten waren. In 40 Prozent der Fälle war es zu einer Anklage oder gar zu einer Verurteilung gekommen.

          Nur wenige Biographien sind so unterhaltsam wie die Eskapaden des ehemaligen Profis Dennis Rodman, der sich zu seiner besten Zeit einer Affäre mit der Sängerin Madonna rühmte, sich als Transvestit fotografieren ließ und eines Nachts mit einer geladenen Schusswaffe auf dem Schoß vor der Halle der Detroit Pistons angetroffen wurde. Auch Arenas hat Erfahrungen mit der Polizei gesammelt. Die fand 2003 bei einer Verkehrskontrolle in Kalifornien eine Pistole bei ihm, die er nicht angemeldet hatte. Die Strafe der NBA dafür wirkte eher symbolisch. Der All-Star musste eine Begegnung lang zuschauen. Der neuerliche Zwischenfall wird ihn sehr viel teurer zu stehen kommen. Denn in der Liga hat eine Sperre herbe finanzielle Konsequenzen. Wer aussetzen muss, bekommt kein Gehalt. „Agent Zero“ muss wegen seines imaginären Pistolenspiels einen herben Abzug hinnehmen: Die Sperre kostet ihn rund 200.000 Dollar pro verpasstes Spiel.

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