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Basketball : „Da kann sich ja jeder seinen Teil denken“

  • -Aktualisiert am

Nicht mehr Dirigent: Murat Didin muss das Feld bei den Skyliners räumen Bild: Wonge Bergmann

Viel geben, viel nehmen: Nur einen Tag nach der Niederlage im Pokalfinale ist Murat Didin entlassen worden. Der Basketball-Coach dürfte beim Bundesligaklub Frankfurt Skyliners vor allem an seiner Emotionalität und seinen hohen Erwartungen gescheitert sein.

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          Es muss eine schwierige Umgebung sein für Murat Didin. Das Nordwest-Zentrum in Frankfurt ist seit fast drei Jahren die Heimat für den Basketballtrainer und seine Familie. In der von der Zweckarchitektur des Shopping-Centers dominierten Umgebung haben sich er, seine Frau Sibel und sein Sohn Ahmet gut aufgehoben gefühlt. Kurze Wege zum Einkaufen, gute Verkehrsanbindung und die direkte Nachbarschaft zum Arbeitgeber, den Frankfurt Skyliners, waren attraktive Gründe, hier Quartier zu beziehen. Gerade diese räumliche Nähe dürfte in den kommenden Wochen und vielleicht Monaten ein emotionales Problem werden für Didin. Denn die Skyliners beurlaubten am Montagabend den türkischen Headcoach und stellten schon am Dienstag den Kanadier Gordon Herbert als dessen Nachfolger vor, mit dem der Frankfurter Profiklub 2004 die deutsche Meisterschaft gewann.

          Didin will vorerst bleiben, da sein 12 Jahre alter Sohn das Jahr in einer Schule beenden soll, in der er sich überaus wohl fühlt. Doch damit ist spätestens im Sommer Schluss. Und Didin wird im Nordwest-Zentrum wohl immer wieder seinen bisherigen Spielern begegnen, wenn sie auf dem Weg zum Training in der „Basketball-City“ sind, das ohne ihn stattfindet.

          Überraschender Zeitpunkt

          Vor allem der Zeitpunkt der Entscheidung, beim Schlussspurt der Basketball-Bundesliga nicht mehr auf den gut vernetzten Türken zu setzen, erstaunte. Nur einen Tag nachdem die Skyliners in der Frankfurter Ballsporthalle im Finale um den Pokal der Basketball-Bundesliga Bamberg mit einem Punkt Unterschied unterlegen waren, teilte Geschäftsführer Gunnar Wöbke seinem Trainer mit, dass er die Zusammenarbeit beenden wolle. Didin hatte mit dieser Nachricht sicher nicht gerechnet. Zumal er kurz vor dem Pokalfinale in einem Interview erläutert hatte, wie wertvoll er doch für den Klub sei. Tatsächlich hatte Didin vor dieser Saison einen Handel mit einem türkischen Hersteller von Haushaltsgeräten (Beko) eingefädelt, der nun als Ligasponsor auftritt.

          Ausgespielt: Die Skyliners haben sich nur einen Tag nach dem Pokalfinale von Didin getrennt
          Ausgespielt: Die Skyliners haben sich nur einen Tag nach dem Pokalfinale von Didin getrennt : Bild: Wonge Bergmann

          Die Skyliners profitierten unmittelbar von diesem Deal, der ihnen eine sechsstellige Summe in die Kasse spülte. Schon vor Saisonbeginn gab es deshalb leichte Differenzen, denn Didin, der nimmermüde Vermittler und Kontaktknüpfer, fühlte seine Rolle als Initiator des Handels nicht entsprechend gewürdigt. Man kann „Baba“, wie sich der im März 55 Jahre alt gewordene Trainer gerne nennen lässt, nicht vorwerfen, er habe vieles falsch gemacht. Didin ist ein harter Arbeiter und ein ausgewiesener Basketball-Fachmann, der in der europäischen Szene hohes Ansehen genießt. Er hat vor Saisonbeginn einer Mannschaft zusammengestellt, in der viele positive Überraschungen steckten. Bei der Auswahl der Profis hatte Didin ein ausgesprochen gutes Gespür, denn Spieler wie die Amerikaner Seth Doliboa und Grayson Moyer waren zuvor in Europa völlig unbekannt. Bei Didins Skyliners haben sie es in Windeseile zu herausragenden Akteuren geschafft.

          Didins Problem: Emotionalität und Mentalität

          Den Sprung ins Play-off werden die Skyliners wohl schaffen – und es ist eine spannende Frage, ob der hessische Klub den Trainer gewechselt hätte, wenn Didins Team am Sonntag das Pokalfinale gegen Bamberg gewonnen hätte. Nur zwei Punkte fehlten. Geschäftsführer Wöbke mochte darauf nicht antworten, aber Skyliners-Sportdirektor Kamil Novak erklärte, dass die eigentliche Entscheidung schon eine Woche zuvor gefallen war. „Da kann sich ja jeder seinen Teil denken“, sagte Wöbke lapidar.

          Didins Problem waren sicher seine Emotionalität und seine Mentalität. Geben und Nehmen – das Prinzip wurde immer wieder von ihm kultiviert. Er gab viel, erwartete aber auch einiges: eine frühe Vertragsverlängerung beispielsweise, die er vielleicht ein wenig erzwingen wollte. Plötzlich umgaben türkische Reporter den Headcoach, es war die Rede von Angeboten türkischer Spitzenklubs wie Efes Pilsen oder Ankara. Man spürte förmlich, wie die Unruhe wuchs – und dies ausgerechnet in der wichtigsten Phase der Saison. Gut möglich auch, dass Sponsoren ihren Unmut darüber geäußert hatten. Wöbke ist sehr sensibel in dieser Beziehung, da die Skyliners immer noch auf die Entscheidung ihres Hauptsponsors, der Deutschen Bank, warten, ob der Vertrag über die bevorstehende Saison hinaus verlängert wird. Eine Trainerdiskussion, egal ob sie von Didin gewollt war oder nicht, konnte der Klub da überhaupt nicht brauchen.

          Nun bricht eine neue Ära an im Frankfurter Profibasketball. Der quirlige Didin, der das Herz oft auf der Zunge trägt, geht. Und der stille Gordon Herbert, ein trockener Analytiker und Stratege, kommt – ein abrupter Wechsel, der fast schon ein Basketball-Kulturschock ist.

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