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Basketball beim FC Bayern : Münchner Meisterstück

So sehen Sieger aus – wirklich: Die Basketballspieler des FC Bayern haben in Europa ein Ausrufezeichen gesetzt. Bild: dpa

In einem dramatischen Spiel scheidet der FC Bayern aus der Euroleague aus. Es bleibt die Frage: Was wird aus denen, die das Außergewöhnliche möglich machten?

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          Als Wade Baldwin IV mit dem Ball in der Hand zum Korb sprintete, um ein Spiel zu retten, von dem 49 Sekunden davor eigentlich keiner geglaubt hatte, dass es noch zu retten wäre, sah er einen Mann vor sich, den er dort sicher nicht sehen wollte. Es waren weniger als zehn Sekunden übrig im entscheidenden fünften Viertelfinalspiel zwischen Armani Mailand und dem FC Bayern. In der Halle der Italiener mussten die Münchner aufholen. Es stand 89:91.

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          Als Baldwin, ihr Spielmacher, zum Korb sprintete, brauchten sie mindestens zwei Punkte, um das Spiel noch gewinnen zu können – und damit auch den großen Preis: einen Platz im Final Four der Euroleague, der größten Bühne des europäischen Vereinsbasketballs. An seinem ersten Gegenspieler sprintete Baldwin vorbei. Dann sah er Kyle Hines.

          Wenn Hines, 34 Jahre alt und 1,98 Meter groß, sich ins Scheinwerferlicht der Halle stellt, sieht man meistens viel Schatten. Und viel Erfolg. Er hat mit seinen Mannschaften achtmal hintereinander das Final Four erreicht. Er hat die Euroleague viermal gewonnen. Er ist zweimal zum besten Verteidiger gewählt worden. Anders gesagt: Er ist ein Spieler, den sich München nicht leisten kann.

          Als Hines sich acht Sekunden vor dem Ende mit zwei schnellen Schritten vor Baldwin und den Korb bewegte, sprangen sie beide in die Luft – und als sie wieder auf dem Boden landeten, war der Ball nicht oben am Korb, sondern unten in den Händen von Baldwin und Hines, die an ihm zerrten. Der Schiedsrichter pfiff. Seine Entscheidung: Sprungball. Hines eroberte den Ball. Am Ende verwandelte der Mailänder Shavon Shields noch einen Freiwurf. 92:89. Das war’s.

          49 unglaubliche Sekunden

          Es gibt zu viele Basketballspiele, die als dramatisch und spektakulär beschrieben werden, aber dieses Mal war das nicht übertrieben, im Gegenteil. Am Dienstagabend hätten die Bayern im wohl größten Spiel ihrer Vereinsgeschichte fast etwas Unglaubliches geschafft. Sie konnten lange nur mühsam mit Mailand mithalten. Das lag an deren Spielmachern Sergio Rodríguez und Malcolm Delaney, vor allem aber an Shields, dem früheren Frankfurter, der nur vier Würfe verfehlte und 34 Punkte sammelte. Als 64 Sekunden verblieben waren, führte Mailand 91:79. Dann holten die Bayern auf.

          Ein Dreipunktewurf von Vladimir Lučić. Ein Dunk und Dreipunktewurf von Jalen Reynolds. Ein Ballklau von Lučić und ein Korbleger von Baldwin. Ein Offensivfoul von Shields, provoziert von Lučić. Das alles in 49 Sekunden. Jetzt konnten die Bayern ausgleichen, vielleicht sogar in Führung gehen. Der Ball war in Baldwins Händen – bis Hines ihn blockte. Später sagte Andrea Trinchieri, der Trainer der Bayern: „Wir hatten die Chance, das Spiel zu gewinnen.“ Und auch wenn Trinchieri es sicher nicht hören wollte, war das viel mehr, als man im vergangenen Oktober erwarten durfte.

          Präsident Hainer spricht von einem „Meilenstein“

          Es ist sieben Monate her, seit die Bayern und ihr neuer Trainer mit einem Heimspiel gegen Mailand in die Hauptrunde der Euroleague eingestiegen sind. Sie verloren damals in der Verlängerung, aber es war der Anfang eines Abenteuers, das Herbert Hainer, der Präsident des Vereins, noch am Dienstagabend einen „Meilenstein“ nannte. Sie gewannen danach nämlich 21 von 33 Spielen, 13 mehr als in der Vorsaison, als von 18 Teams nur eines schlechter war.

          Sie schlugen den FC Barcelona, ZSKA Moskau und Anadolu Efes Istanbul, die vermutlich drei besten Mannschaften in Europa, die am letzten Maiwochenende zusammen mit Mailand das Final Four in Köln ausspielen. Sie zogen als erste deutsche Mannschaft in diesem Format in die Play-offs ein. Sie überlisteten Mailand, den großen Favoriten, dort gleich zweimal. Sie haben in der anstrengenden Corona-Saison etwas Außergewöhnliches geleistet – und stehen nun vor einer entscheidenden Frage: Können sie das Außergewöhnliche gewöhnlich machen?

          Was machen Baiesi und Trinchieri?

          Auf diese Frage sollen in München zwei italienische Namen die Lösung sein: Daniele Baiesi und Andrea Trinchieri, der Sportdirektor und der Trainer. Sie führten schon in Bamberg ein Team an, das finanziell, aber nicht sportlich unterlegen war. Bis sie sich zerstritten. In München arbeiten sie seit dem vergangenen Sommer wieder zusammen – und haben sofort ihr Meisterstück geschaffen. Der Sportdirektor Baiesi verpflichtete unter anderem Wade Baldwin und Jalen Reynolds, die in anderen Euroleague-Mannschaften gescheitert waren. Der Trainer Trinchieri holte das Beste aus ihnen heraus. Doch ehe man sich fragt, wo Baldwin und Reynolds, mittlerweile wieder begehrt, in der nächsten Saison spielen, sollte man sich fragen: Wo arbeiten Baiesi und Trinchieri?

          Am Ende der Saison laufen ihre Verträge aus. Der Verein, so hat es Geschäftsführer Marko Pesic neulich gesagt, möchte mit ihnen weitermachen. Im Mai soll eine Entscheidung fallen. In der Zwischenzeit bereiten sich Baiesi und Trinchieri auf die finale Phase der Saison vor – in der es für sie eine wesentliche Umstellung gibt: In der Euroleague wurde von ihnen kein Titel erwartet. In der Bundesliga und im Pokal ist das anders.

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