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Basketball : Amerikaner gewinnen und lernen von Deutschland

Nicht drängeln: Deutsche und Amerikaner unterm Korb Bild: dpa/dpaweb

Ein „Riesenspiel“ mit bester Werbung für den Basketball. Der Verzweiflungswurf eine Däumlings sorgt in Köln für das Ausrufungszeichen.

          3 Min.

          Die 18500 Zuschauer in der ausverkauften Kölnarena waren vor Begeisterung aufgesprungen, die deutschen Ersatzspieler ebenso. Gerade hatte Dirk Nowitzki, wer sonst, den vermeintlichen Schlußpunkt in der regulären Spielzeit einer mitreißenden Basketballpartie gesetzt. Sein Dreipunktewurf war unter dem Jubel der Fans Sekunden vor Schluß in hohem Bogen zum 77:77 in den Korb geflogen. Ein paar Wimpernschläge später aber stürmten plötzlich alle amerikanischen Profis so ausgelassen auf das Spielfeld, als hätten sie soeben die olympische Goldmedaille schon gewonnen. Um Allen Iverson, mit "nur" 1,83 Meter Körpergröße eher ein Däumling unter lauter Riesen, mußte man sich einen kurzen Moment sorgen, ob er seinen Coup unbeschadet überstehen würde. Bis knapp hinter die Mittellinie hatte er es ein paar Momente zuvor geschafft, und als die Schlußsirene ertönte, war sein Verzweiflungswurf schon unterwegs. Es wurde ein Kunstschuß: Iverson traf zum 80:77, und das amerikanische Olympiateam hatte einen Tag nach der Niederlage gegen Italien eine weitere Blamage so eben vermieden.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Mit Trainer Bauermann soll es aufwärts gehen

          Wie Verlierer mußten sich die deutschen Spieler trotzdem nicht fühlen. Sie hatten die aus lauter Profis der nordamerikanischen Profiliga besetzte amerikanische Mannschaft so dicht an den Rand einer Niederlage gebracht, wie es nur ging. Denn die nach der Niederlage gegen Italien wesentlich wacher und konzentrierter wirkenden Amerikaner benötigten neben Iversons spektakulären Schlußauftritt auch die Hilfe der deutschen Spieler, die einige leicht anmutende Korbleger im Schlußviertel verpaßten. "Das war ein Riesenspiel und beste Werbung für den Basketball", befand der nicht nur wegen seiner 32 Punkte und zwölf Rebounds überragende Nowitzki. "Man hat gesehen, was alles möglich sein kann", sagte der Star der Dallas Mavericks.

          Nur demnächst in Athen eben nicht, und der verpaßten Olympiaqualifikation trauert Nowitzki noch immer nach. Daß es mit dem neuen Bundestrainer Dirk Bauermann aufwärts gehen wird, daran läßt die deutsche Lichtgestalt keinen Zweifel. "Wir haben jetzt wieder eine klare Linie, vorher haben alle mitdiskutiert." Bei allem Respekt vor dem Wunsch nach einem mündigen Athleten ist Nowitzki so etwas aus der NBA nicht gewohnt. "Wer nicht mitzieht, muß nach Hause gehen", sagt Nowitzki, aber solange er dabei ist, bleibt diese Gefahr wohl gering. "Als älterer Spieler fragt man sich schon manchmal, ob das alles noch Sinn macht", sagte der 31 Jahre Denis Wucherer, den Bauermann nach fünf Jahren unfreiwillliger Abstinenz wieder ins Nationalteam geholt hatte. Die Antwort gab der Rückkehrer gleich selber: "Wenn Dirk Nowitzki dabei ist, macht es immer Sinn."

          „Diese Amerikaner sind in Athen schlagbar“

          Einen vom Kaliber Nowitzki hätte auch Larry Brown gerne in seinem Team, aber der amerikanische Cheftrainer muß nach einer Flut von Absagen versuchen, mit der jüngsten amerikanischen Auswahl seit 1988 in Seoul die Schmach von 2002 auszumerzen. Bei der WM in Indianapolis waren die Amerikaner ausgerechnet im eigenen Land abgestürzt. "Die olympische Goldmedaille war das größte Erlebnis in meiner Spielerkarriere", sagt Brown, und das will der Olympiasieger von 1964 seinen Spielern nun auch vermitteln. Zumindest bei seinen prominentesten Wunschakteuren fand der Coach des NBA-Champions Detroit Pistons dabei aber offenbar kein Gehör. "Bei der Olympia-Qualifikation vor einem Jahr in Puerto Rico hatten wir eine phänomenale Mannschaft", sagt Brown.

          Nun aber muß er sich mit dem beschäftigen, was er hat, und nicht mit dem, was ihm fehlt. Bis auf Tim Duncan und Iverson ist das Team runderneuert, und Brown sieht sich in Athen nicht als Favorit. "Wenn man sieht, wer da alles zu Hause geblieben ist, bin ich gespannt, wie sie abschneiden", sagt Nowitzki. "Wir haben viel gelernt in diesen beiden Spielen", behauptet Brown, was sich trotz der für Amerikaner ungewohnten Zonenabwehr einigermaßen witzig anhört. Die Profis aus der Liga, die das Maß aller Dinge ist, lernen etwas in Partien gegen Italien und Deutschland? Womöglich müssen sie sogar schnell lernen: "Diese Amerikaner sind schlagbar", sagt Nowitzki.

          Nowitzkis Traum: Peking 2008

          Den Ton aber gibt das Basketball-Mutterland trotzdem an. Der Vertrag, der den Auftritt der NBA-Auswahl, die niemand mehr wie einst 1992 oder 1996 als "Dream Team" bezeichnet, regelte, hatte den Umfang eines kleinen Buches. So mußte die deutsche Mannschaft in alten Trikots antreten, auf denen die Namen der Spieler fehlten. Denn auf den aktuellen Jerseys wirbt der Trikotsponsor mit dem internationalen Ableger, der mit dem amerikanischen Sponsor konkurriert. So fehlte auch die Bandenwerbung, so war fast alles vorgeschrieben. Nicht festgelegt war, daß das deutsche Fernsehen die Partie erst zeitversetzt um 23 Uhr ausstrahlte und eine Liveübertragung besonderer Güteklasse verpaßte. Selbst das Mitwirken eines der wenigen Weltstars, die Deutschland im Sport besitzt, besitzt offenbar noch nicht genügend Strahlkraft.

          Was nicht ist, kann ja noch werden. Nowitzki, schon vor dem Spiel begeistert gefeiert und nach seinem Gala-Auftritt erst recht, scheint die Nationalmannschaft eine echte Herzensangelegenheit zu sein. Wenn sein Verein ihn freigibt, wird er auch künftig das deutsche Trikot anziehen. Sein Traum ist Peking 2008, und Bauermann soll helfen, ihn zu verwirklichen. "Die Intensität im Training war unheimlich gut. Ich hoffe auf eine lange und erfolgreiche Zusammenarbeit", sagt Nowitzki. Auch Bauermann war überaus angetan von dem, was seine Mannschaft in den Kölner Tagen gezeigt hatte: "Jetzt müssen wir versuchen, die Motivation und Qualität in die nächsten Spiele mitzunehmen." Vor allem aber müssen sie wohl versuchen, Nowitzki mitzunehmen.

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