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Niels Giffey : Der große Hoffnungsträger von Alba Berlin

Anführer auf dem Platz: Niels Giffey ist schnell an seinen Aufgaben gewachsen. Bild: Picture-Alliance

In Berlin sehen sie ihn schon in der Reihe der Größten: Neuling Niels Giffey prägt den Basketball von Hauptstadtklub Alba. Im Playoff-Halbfinale gegen Bayern München am Donnerstag ist er auch als bissiger Verteidiger gefordert.

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          Nach dem Spiel gibt es Momente, da muss Niels Giffey erst einmal zu sich kommen. Ein Reporter ruft im Getöse: „Was war der Schlüssel zum Sieg?“ Ein halbes Dutzend Mikrofone reckt sich ihm entgegen, und der zwei Meter lange Basketball-Profi schaut über alle Köpfe hinweg aus dem Kabinengang zurück in die große Halle. Publikum und Stimmung weichen, und Giffey schweigt. Sekundenlang. In der Hektik des gerade vergangenen Spiels von Alba Berlin wirkt die Denkpause wie eine Ewigkeit.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Erstaunlich ist nicht, dass Giffey Zeit braucht, um Distanz zu finden, um aufzutauchen aus der Konzentration, mit der er sich ins Spiel vertieft. Beeindruckend ist, mit welcher Selbstverständlichkeit er sie sich nimmt. Vor einem Jahr mit zwei Titeln der amerikanischen College-Meisterschaft von der University of Connecticut nach Berlin zurückgekehrt, geht Giffey auf die Zielgerade seiner ersten Saison als Profi. Elf Punkte hat er zum 81:55 über Meister Bayern München im ersten Halbfinalspiel der Playoffs beigetragen, gut 22 Minuten setzte ihn Trainer Sasa Obradovic ein.

          „Teil des Ganzen“ seien seine Treffer gewesen, sagt der 24 Jahre alte Giffey. Ein Offensiv-Rebound, ein Dreier und ein Steal, mit denen er früh für „ein bisschen Aufruhr“ sorgte, seien ebenso wichtig gewesen. Marco Baldi, der Manager seines Klubs, lobt, dass Giffey gegen Vasilije Micic, den serbischen Aufbauspieler der Bayern, brillant verteidigt habe. „Dass Niels jeden Wurf treffen kann, darüber brauchen wir nicht zu sprechen“, sagt er. „Aber wie er sich defensiv reinbeißt, das ist eindrucksvoll.“ An diesem Mittwoch (19.30 Uhr / Sport1) wollen sich Giffey und Alba Berlin im zweiten Spiel des Halbfinales in München durchbeißen.

          Distanz war für Giffey wohl das beste Mittel, die neun Monate seit seiner Heimkehr nach Berlin zu bestehen. Was ihn hier erwartet hat, was von ihm erwartet wird, illustriert nichts besser als das Poster, auf dem Alba Berlin die größten Spieler seiner inzwischen 25 Jahre währenden Geschichte abbildet: Aufbauspieler Obradovic, Wendell Alexis und Hennig Harnisch, Hendrik Rödl, Mithat Demirel, alle im vollen Lauf - und Giffey.

          Die ältesten von ihnen hat Giffey als Kind bewundert. Mehr die Erwartungen als seine Verdienste haben den Berliner Jungen auf dieses Bild gebracht: die Mission, Gesicht der Mannschaft zu werden. „Man hat immer ganz unschuldig von einer Aufbausaison gesprochen“, realisiert er nun. „Aber diese Erwartungen haben wir deutlich übertroffen.“ Aus dem Höhenflug in die Top 16 der Euroleague und der wochenlangen Führung in der Bundesliga ist noch kein Titel geworden. „Jeder weiß, dass wir richtig gut Basketball gespielt haben“, sagt Giffey. „Jetzt wollen wir zeigen, dass wir nicht im entscheidenden Moment die Nerven verlieren.“

          Beeindruckende Kulisse: Das Berliner Publikum hofft auf den Meistertitel für Alba.

          Bayern kann allein mit dem Titelgewinn seine verkorkste Saison retten. Muss aber nicht auch Berlin beweisen, dass alle Erfolge dieser Spielzeit etwas wert sind? „Ganz ehrlich: Ich verspüre keinen Druck“, erwidert Giffey. „Ich habe Druck gespürt, als wir gegen Makkabi aus der Euroleague geflogen sind und zwei Tage später den Pokal nicht gewonnen haben. Aber jetzt? Ich bin ganz ruhig.“

          Der Neuling hat nicht den Bonus des Rookies in Anspruch genommen, die Erlaubnis, Anfängerfehler zu machen, aber im entscheidenden Moment auf der Bank zu sitzen. Dafür hat er nicht vor 80.000 Zuschauern mit heutigen NBA-Profis um die College-Meisterschaft gespielt, dafür ist er nicht nach beiden Erfolgen zum Empfang ins Weiße Haus geflogen und hat in der NBA bei dem einen oder anderen Team mittrainiert. So hart trainiert er, dass man glaubt, seiner hageren Figur die Anstrengung abzulesen. Wenn er kann, schießt er, und wenn er trifft, zwingt er sich zur Ruhe. Giffey ist zu klug, Spiele allein entscheiden zu wollen.

          Mehr noch als in Amerika, das hat er gelernt, ist Basketball in Europa komplexes Zusammenspiel eines großen Teams. „Es ist eine riesige Umstellung, sich in der Defense vom Trainer so gut vorbereiten zu lassen, dass du individuell auf deinen Gegenspieler und auf die Taktik der Mannschaft reagieren kannst“, sagt er. „Du weißt in jeder Situation im Voraus, was passiert.“ Erklärt das den Triumph über die Bayern, den vierten im fünften Spiel der Saison? Schließlich röntgen auch die Münchner das Spiel und die Spieler der Berliner. „Wir haben intensiver gespielt“, sagt Giffey. Der Wille, etwas zu erreichen, ist wohl der große Unterschied zwischen dem Spiel an den Hochschule und dem der Profis. „Auf dem College ist der Weg das Ziel“, sagte er kürzlich im Interview. „Hier ist das Ziel das Ziel.“ Welches, darüber muss er nicht nachdenken.

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