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Corona-Ausbruch im Baseball : „Ich habe Angst. Ich habe wirklich Angst“

  • -Aktualisiert am

Vom Virus ausgebremst: Die Miami Marlins (hier Isan Diaz, links, und Miguel Rojas) siegten zweimal, jetzt sind zwölf Spieler und zwei Trainer mit Covid-19 infiziert. Bild: AFP

Seit sechs Tagen läuft die Baseball-Liga MLB wieder, doch schon gibt es zahlreiche Corona-Fälle und erste Spielabsagen. Die Kritik ist groß. Ein Spieler verzichtet schon freiwillig auf die Spiele.

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          Die Tradition begann an einem Nachmittag im April 1910 mit einem der ersten prominenten Politiker mit einem Herz für die Lieblingssportart des Landes. Da stand William Howard Taft, ein korpulenter Herr mit weißem Schnurrbart, Krawatte und Hut, in seiner Loge im Stadion der Washington Nationals auf, ließ sich einen Baseball geben und warf ihn schwungvoll auf den Platz. Seitdem ist so gut wie jeder Präsident der Vereinigten Staaten wenigstens einmal in seiner Amtszeit zu diesem Zeremoniell zur Eröffnung der neuen Saison angetreten, um auf diese Weise den besonderen sentimentalen Stellenwert des Spiels in der amerikanischen Gesellschaft zu würdigen. Und um sich selbst als Liebling der Massen zu inszenieren.

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          Ausgerechnet Donald Trump, der gerne behauptet, dass sich in seiner Teenagerzeit ein Profi-Klub für ihn und seine Baseball-Künste interessiert habe, hat überraschenderweise in den drei Jahren seiner Amtszeit auf einen solchen publikumswirksamen Auftritt verzichtet. Doch am Donnerstag, als er bei einer Pressekonferenz über das Coronavirus und die sukzessive Wiederaufnahme des Spielbetriebs in den großen Ligen fabulierte, signalisierte er einen Sinneswandel. Der Chef der New York Yankees, „ein enger Freund“, hätte ihn nämlich zu einer solchen Gastvorstellung eingeladen. Ein Termin stehe ebenfalls fest: der 15. August. Am Sonntag machte Trump einen Rückzieher und verkündete auf Twitter, dass er leider absagen müsse. Das Virus verlange seinen höchste Konzentration. Er müsse Gespräche wegen eines Impfstoffs führen. Und er versicherte der Nation: „Wir werden das im Laufe der Saison nachholen.“

          Ob Major League Baseball den Spielplan, der in der vergangenen Woche mit drei Monaten Verspätung aufgenommen wurde, inmitten der Covid-Pandemie allerdings überhaupt wie geplant durchziehen kann, ist mittlerweile allerdings eher fraglich. Am Montag wurde bekannt, dass zwölf Spieler und zwei Trainer der Miami Marlins mit dem Coronavirus infiziert wurden. Und dass die Mannschaft bei den Philadelphia Phillies angetreten war, obwohl intern bereits vier Ansteckungsfälle bekannt waren. Ansetzungen der beiden Teams wurden sicherheitshalber abgesagt.

          Zwar schwächte MLB-Commissioner Rob Manfred ab („Ich sehe das nicht als Albtraum an. Ich bin weiterhin optimistisch, dass wir auch bei einem solchen Ausbruch weiter spielen und unsere Saison beenden können“), aber das Projekt steht auf wackligen Beinen. Und zwar im deutlichen Kontrast zu den Experimenten im Basketball und Fußball, wo die Spiele an gezielt ausgewählten Orten wie etwa dem Vergnügungspark Walt Disney World in Florida und unter konsequent abgeschirmten Bedingungen ausgetragen werden, von wo keine Infektionen gemeldet wurden.

          Die Baseball-Liga zog es hingegen vor, ihr Programm in den Stadien der über die gesamten Kontinent verstreuten 30 Klubs auszutragen. Nur für die einzige kanadische Mannschaft – die Toronto Blue Jays – wurde eine Speziallösung gefunden, weil die Grenzen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Nachbarn im Norden geschlossen sind und für alle Ausnahmefälle eine Reihe von Quarantäneauflagen existieren. Das Team wurde nach Buffalo umgetopft.

          Um das Ansteckungsrisiko massiv zu reduzieren, hatten die Liga-Verantwortlichen ein über hundert Seiten langes Papier erstellt, in dem alle Regularien und Auflagen für das Verhalten der Profis festgeschrieben wurden. Das Dokument steht jedoch längst nicht mehr für ein solides Vorgehen. Spieler und Trainer sind angesichts der positiven Tests nervös geworden. „Ich will ehrlich sein, ich habe Angst. Ich habe wirklich Angst“, sagte Manager Dave Martinez von den Washington Nationals, bei denen am Donnerstag der Epidemiologe Dr. Anthony Fauci, der 79 Jahre alte Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten, mit einem verunglückten Wurf feierlich die Saison eröffnet hatte. „Man sieht, wie sich ein halbes Team infiziert und von Stadt zu Stadt reist. Ich habe Freunde in dem Miami-Team, das stinkt wirklich.“

          Der vielbeachtete Auftritt von Fauci schien übrigens erst Trump auf seine spontane Idee gebracht zu haben, den Ausflug zu den New York Yankees anzukündigen. Es handelte sich wohl um ein Publicity-manöver, um dem Mann die Show zu stehlen, der hinter den Kulissen angesichts von mittlerweile mehr als 150.000 amerikanischen Corona-Toten vor einer Politik der Lockerungen warnt und in der Öffentlichkeit wie ein ernstzunehmender Gegenspieler zu Trumps planlosem Handeln wirkt. Die eigentliche Pointe erfuhr die Öffentlichkeit am Montag von der „New York Times“: Demnach hatte es gar keine Einladung des Klubs gegeben. Die Episode muss statt dessen in die Liste der mehr als 20.000 falschen oder bewusst irreführenden Aussagen eingereiht werden, über die die „Washington Post“ seit Beginn seiner Amtszeit Anfang 2017 Buch führt.

          „Baseball steckt in großen Schwierigkeiten“

          Für die Liga geht es um mehr. Und zwar auch deshalb, weil der wirtschaftliche Schaden, der ohne Zuschauer in den Arenen auf ein Minus von mehr als 600.000 Dollar (511.440 Euro) pro Spiel hochgerechnet wird und sich auf einen Gesamtverlust von vier Milliarden Dollar (3,41 Milliarden Euro) belaufen könnte, noch wachsen dürfte. „Baseball steckt in großen Schwierigkeiten“, sagt derweil Andrew Morris, Professor für Infektionskrankheiten an der Universität von Toronto. „Ich frage mich, ob sie auf den Rat von Experten hören oder ob ihre Experten ihnen gute Ratschläge geben. Dies war kein Plan, den sich jemand ausgedacht hätte, der weiß, wovon er spricht.“

          Pitcher David Price von den Los Angeles Dodgers hatte wegen der Unsicherheiten entschieden, auf die Saison zu verzichten und nicht zu spielen. Die ersten Nachrichten betrauerten ihn in seiner Sorge: „Jetzt werden wir wirklich sehen, ob Major League Baseball die Gesundheit der Spieler an die erste Stelle setzt.“

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