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Baseball : Die heilige Kuh

  • -Aktualisiert am

Nichtssagend, auch unter Eid: Mark McGwire Bild: REUTERS

Der Anabolika-Mißbrauch unter Amerikas Spitzensportlern wird nicht entscheidend unterbunden. Das zeigt der aktuelle Doping-Fall des Baseball-Profis Mark McGwire. Die Illusion des sauberen Sports lebt weiter.

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          Die Gebrauchsanweisung bestand aus einer langen Liste von Hormonen und Anabolika, sie enthielt genaue Hinweise über die Dosis, die Zeitabstände für das routinemäßige Spritzen und die Körperbereiche, in die der Stoff injiziert werden sollte.

          Sie zirkulierte Anfang der neunziger Jahre in kalifornischen Fitness-Centern, wo ein junger Baseball-Profi namens Mark McGwire intensiv Bekanntschaft mit der Muskelmast aus den Laboren der Pharmaindustrie machte. Am Donnerstag saß McGwire in Washington in einem großen Sitzungssaal des Repräsentantenhauses, wo sich die Mitglieder des Ausschusses für Regierungs- und Gesetzesreform zum ersten Mal darum bemühten, dem jahrelangen Anabolika-Mißbrauch unter Amerikas Spitzensportlern auf die Schliche zu kommen. Ein Ereignis, das so viele Reporter in die Gänge des Kongresses lockte wie zuletzt beim Amtsenthebungsverfahren gegen den ehemaligen Präsidenten Bill Clinton Ende der neunziger Jahre.

          „McGwires Erfolge sind hiermit eindeutig verdorben"

          Doch McGwire, der 41 Jahre alte ehemalige Outfielder, hielt nichts davon, den Politikern die Arbeit zu erleichtern. Weder in seiner Stellungnahme, die er - den Tränen nahe - vom Blatt ablas, noch auf eindringliches Befragen von Kongreßabgeordneten hin wich der einstige Starspieler von seiner Linie ab. Er sei in die Hauptstadt gekommen, um über die Zukunft zu sprechen und nicht über die Vergangenheit, erklärte er mehr als zehnmal wie ein von einem Rechtsanwalt programmierter Roboter. Selbst auf eine Frage wie „Ist die Einnahme von Anabolika Ihrer Ansicht eine Form von Betrug, ja oder nein?“ gab er eine nichtssagende Antwort: „Das habe ich nicht zu entscheiden.

          Die Vorstellung erinnerte den alten kalifornischen Parlamentarier Tom Lantos, der in dem Wahlbezirk zu Hause ist, in dem der wegen der Verbreitung von Dopingmitteln angeklagte Balco-Inhaber Victor Conte seine Geschäfte betrieb, an „absurdes Theater“. Und sie verschlug seinem Kollegen William Lacy Clay aus Missouri, wo Mark McGwire in den letzten Jahren seiner Karriere für die St. Louis Cardinals gespielt hatte und ein Autobahnabschnitt nach ihm benannt ist, die Sprache. Aber sie vermittelte gleichzeitig Millionen von amerikanischen Sportanhängern, die das Hearing im Fernsehen verfolgten, eine verblüffende Erkenntnis: Der strahlende Home-Run-Held der Saison 1998 ist ein Mann, der sich ängstlich hinter Ausflüchten verschanzt, wenn er unter Eid aussagen soll. „McGwires Erfolge sind hiermit eindeutig verdorben , sagte der ehemalige Baseball-Commissioner Fay Vincent anschließend. Daß McGwire nichts dementierte, ließ nur einen Schluß zu: Der Outfielder hatte sich mit Steroiden vollgepumpt, was in den Vereinigten Staaten gesetzlich verboten ist. Er bemühte sich gar nicht erst darum, die Vorwürfe seines ehemaligen Mannschaftskollegen Jose Canseco zu entkräften. Der saß am selben Tisch und hatte vor kurzem in seinem Buch „Juiced - Wild Times, Rampant 'Roids, Smash Hits, and How Baseball Got Big beschrieben, wie er McGwire auf der Toilette in der Umkleidekabine der Oakland Athletics den Stoff ins Gesäß injiziert hatte.

          „Baseball ist mit anderen Sportarten nicht zu vergleichen“

          Elf Stunden dauerte die Sitzung, an der sechs Baseball-Profis, mehrere Liga-Verantwortliche, Anti-Doping-Experten wie Professor Gary I. Wadler aus New York, der Berater der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), und Eltern von Schülern als Zeugen teilnahmen, die nach dem Absetzen von anabolen Steroiden in Depressionen verfallen waren und sich das Leben genommen hatten. Doch außer Ausschußmitglied Henry Waxman, der in den neunziger Jahren die Praktiken der Tabakindustrie bloßgestellt hatte, mochte sich niemand für den Reformvorschlag erwärmen, den Wadler ins Gespräch gebracht hatte: Alle Profiligen sollten das strenge Test-Reglement und den Strafenkatalog der internationalen Sportbewegung übernehmen.

          Am allerwenigsten wollte Baseball-Commissioner Bud Selig davon wissen. Er verteidigte die erst vor wenigen Wochen eingeführte Praxis, bei der ein erstmals ertappter Dopingsünder allenfalls zehn Tage gesperrt wird. Seine Begründung: Baseball sei mit anderen Sportarten nicht zu vergleichen. Man habe schließlich eine Saison mit 162 Spielen. Donald Fehr, der Geschäftsführer der Spielergewerkschaft, die sich jahrelang gegen jede Art von Tests gesperrt hatte, sieht ebenfalls keinen Handlungsbedarf: „Unser Job ist es nicht, die Karriere von Spielern zu zerstören.

          Vom anderen Stern

          Der Job der vierzig Ausschußmitglieder scheint dies ebenfalls nicht zu sein. Während manche murrten oder mit restriktiven Gesetzentwürfen drohten und sich über die Arroganz der Liga-Verantwortlichen beklagten, die mit ihrer Blockadetaktik im Vorfeld eine seltene Einheit zwischen der streitbaren republikanischen Mehrheit und der demokratischen Minderheit im Ausschuß zustande gebracht hatten, sonnten sich andere in dem vermeintlichen Glanz der Stars. So wie die Exil-Kubanerin Ileana Ros-Lehtinen aus Miami, die ihre Fragezeit mit einer Eloge auf die vorgeladenen lateinamerikanischen Spieler Rafael Palmeiro und Sammy Sosa vertat. Oder der aus Puerto Rico stammende Abgeordnete Jose Serrano. Der versicherte McGwire, daß er, nachdem er dessen Laufbahn voller Hochachtung verfolgt habe, aller Anwürfe zum Trotz die Sammelkarte mit seinem Abbild behalten und an seine Kinder vererben werde.

          Die Illusion einer Sportart, die sich gerne als Amerikas liebste Freizeitbeschäftigung charakterisieren und behandeln läßt wie eine heilige Kuh, besteht vorerst weiter. Das gilt allerdings auch für die Einschätzung von Richard Pound, dem Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur: „Wenn irgend jemand ernsthaft glaubt, daß das Doping-Testprogramm im Baseball in seiner jetzigen Form den Gebrauch von leistungsfördernden Substanzen ausrottet, der kommt von einem Planeten, auf dem der Himmel nicht blau ist.

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