https://www.faz.net/-gtl-pzvl

Baseball : Aussagen unter Eid über das geheime Muskelspiel

  • -Aktualisiert am

Baseball-Star und Bush-Wahlkämpfer: Curt Schilling Bild: AP

Der Anabolikamißbrauch unter Amerikas Spitzensportlern ist seit Jahren bekannt, doch die Profiligen bekämpfen Doping allenfalls halbherzig. Nun beschäftigt sich ein Ausschuß des Repräsentantenhauses mit der Baseball-Liga.

          3 Min.

          Der Baseball-Profi Curt Schilling von den Boston Red Sox gilt im allgemeinen als hart im Nehmen. Das bewies er zum Beispiel mit seinem Einsatz im letzten Herbst im Rahmen der Endspiel-Serie gegen die St. Louis Cardinals. Da trat der Mann mit dem enormem Wurfarm und dem Sinn für knackige Statements kurz nach einer Operation an seinem verletzten Knöchel an, obwohl noch Blut aus der Wunde tröpfelte.

          Vor wenigen Wochen wurde der "Pitcher des Jahres 2004" denn auch gebührend gewürdigt: Er selbst flog ins Weiße Haus zu George W. Bush, für den Schilling im Wahlkampf die Trommel gerührt hatte. Die blutige rote Socke landete in der Baseball Hall of Fame in Cooperstown, einem Sportmuseum, das mit tausenderlei Memorabilia die Erinnerung an Amerikas mythische Sportart wach hält.

          In Sachen Dopings "nichts" zu bieten

          Am Donnerstag wird Schilling abermals in Washington erwartet, und zwar als Zeuge in einem Ausschuß des Repräsentantenhauses, der sich um Fragen von Regierungs- und Gesetzesreformen kümmert und sich zum ersten Mal mit dem jahrelangen Anabolika-Mißbrauch unter Amerikas Spitzensportlern beschäftigt. Zunächst hatte der 38jährige Profi, der pro Saison 12 Millionen Dollar verdient, die Vorladung als politische Repressalie gewertet und mit der Kommunistenhatz der McCarthy-Ära verglichen, in deren Rahmen hunderte von Literaten sowie Film- und Fernsehschaffende auf schwarze Listen gerieten und boykottiert wurden. Doch dann besann er sich eines besseren: "Ich weiß noch immer nicht, weshalb ich in diese Gruppe gesteckt wurde und andere Spieler nicht", erklärte er in Florida, wo sich seine Mannschaft im Trainingslager auf die im nächsten Monat beginnende Saison vorbereitet. Er habe den Parlamentariern in Sachen Dopings "nichts" zu bieten.

          Ex-Profi Jose Canseco schrieb über seinen Anabiolikakonsum

          Diese pauschale Aussage wird der Pitcher beim Hearing im Kongreß unter Eid und vor den Live-Kameras des amerikanischen Fernsehens voraussichtlich etwas genauer ausführen müssen. Denn die Politiker gehen nicht unvorbereitet in ihre Untersuchungen. So haben sie nicht nur den ehemaligen Profi Jose Canseco vorgeladen, der unlängst in einem Buch (Titel: "Juiced - Wild Times, Rampant Roids, Smash Hits, and How Baseball Got Big") ausgiebig über die lange Zeit ignorierte Epidemie und seine eigene Rolle in dem Muskelspiel geplaudert hatte. Ebenfalls aussagen soll Rafael Palmeiro von den Baltimore Orioles, der bereits angedroht hat, Canseco zu verklagen. Dieser hatte in seinem 300 Seiten starken Enthüllungswälzer behauptet, dem schnauzbärtigen Kubaner Anfang der neunziger Jahre höchstpersönlich Anabolika gespritzt zu haben.

          Auch Doping-Dealer Conte ist verwickelt

          Weitere Zeugen sind der inzwischen pensionierte Mark McGwire und sein einstiger Gegenspieler Sammy Sosa, die sich in den neunziger Jahren ein Home-Run-Rekord-Duell geliefert hatten, und die beide schon damals im Verdacht standen, sich mit in den Vereinigten Staaten verbotenen Steroiden zu mästen. Ebenfalls aussagen soll Jason Giambi von den New York Yankees. Der ehemalige Outfielder der Oakland A's ist in den Prozeß gegen den geständigen Doping-Dealer Victor Conte verwickelt und hatte sich vor wenigen Wochen in einer Pressekonferenz dreimal pauschal entschuldigt und fünfmal explizit gesagt, daß es ihm leid tue. Aber wofür, warum, weshalb - das ließ er lieber offen. "Wegen all der juristischen Fragen kann ich zur Zeit nicht auf die Einzelheiten eingehen."

          Eine solche Taktik wird den Spielern im Kongreß nichts nützen. Untersuchungsausschüsse sind mit dem Arsenal staatsanwaltlicher Befugnisse ausgestattet und stellen unwillige Bürger gewöhnlich vor eine schwierige Wahl: Entweder sie kommen und sagen aus (und riskieren im Fall einer Lüge später wegen Meineids angeklagt zu werden). Oder sie beanspruchen das verfassungsmäßige Recht auf eine pauschale Aussageverweigerung, weil sie sich selbst nicht belasten wollen. Auf diese Weise setzen sie sich jedoch erst recht dem Verdacht aus, amerikanische Gesetze gebrochen zu haben.

          Todesfälle unter Schülern

          Um so dubioser ist das Verhalten der ebenfalls vorgeladenen Spitzenmanager der Baseball-Liga. Commissioner Bud Selig, der vor einer Woche die eigenen Dopingtests gepriesen hatte, weil sie seiner Meinung nach zeigen, daß die Anabolika-Einnahme zurückgeht, ziert sich. Sein Stellvertreter Rob Manfred versucht, die Vorladung abzuwenden. Sein Anwalt verurteilte die Initiative der Politiker in Washington als "exzessiven Mißbrauch der Macht des Kongresses", für den es kein Vorbild gebe. Die Kritik bezieht sich vor allem auf das Begehr der Ausschußmitglieder, präzise Einsicht in die Testresultate der vergangenen Jahre zu nehmen.

          Tatsächlich geht es bei den Untersuchungen um mehr als nur die verschleierte permanente Dopingaffäre im Profisport. Anabolika-Mißbrauch zieht inzwischen immer weitere Kreise. Nach Angaben einer Studie beläuft sich der Anteil von Schulabsolventen mit Anabolika-Erfahrung auf 3,4 Prozent. Es mehren sich Todesfälle unter Schülern, die sich direkt oder indirekt auf die leistungssteigernden Mittel zurückführen lassen. Dies ist der Grund, weshalb am Donnerstag beim Hearing auch betroffene Eltern aussagen werden.

          Der republikanische Ausschußvorsitzende Tom Davis verteidigte die Vorgehensweise, nachdem sein demokratischer Gegenpart Henry Waxman, der sich einst als Schrecken der Tabakindustrie entpuppt hatte, die Reaktion der Ligaführung als "nicht zufriedenstellend" kritisiert hatte. "Es ist wichtig, daß wir das Ausmaß des Anabolika-Problems herausfinden. Und zwar landesweit."

          Weitere Themen

          Bulgarische Fußball-Fans festgenommen

          Rassismus-Vorfälle : Bulgarische Fußball-Fans festgenommen

          Konsequenzen aus den Vorfällen in den EM-Qualifikationsspielen: In Bulgarien werden Fans festgenommen, die an den rassistischen Vorfällen beteiligt gewesen sein sollen. Die Uefa setzt wegen der Salutgrüße der Türken einen Inspektor ein.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.