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Barry Bonds : Mysteriöse Bluttests im Balco-Büro

  • -Aktualisiert am

Bonds mit seiner Frau vor dem Gerichtsgebäude Bild: AP

Der Baseballprofi Barry Bonds muss sich wegen mehrfachen Meineids vor Gericht verantworten. Bonds soll bei den Ermittlungen gegen die Firma Balco und ihren Besitzer Victor Conte die Staatsanwälte angelogen haben.

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          Es gehört nicht zu den regulären Tätigkeiten eines Facharztes für Orthopädie, sich an einem Samstag ins Auto zu setzen und in das Büro einer Firma zu fahren, um dort das Blut von einem Patienten zu entnehmen. Doch solche Umstände haben Dr. Arthur Ting noch nie gestört. Der Mediziner aus Palo Alto, der sich einen Namen durch die Betreuung und Versorgung von berühmten Sportlern wie Michael Jordan und Joe Montana gemacht hat, weiß schließlich, wem er seinen Ruhm schuldet: den Stars der Arena und ihren kaputten Bändern, Knochen und Gelenken.

          Vermutlich würde er über die delikatesten Details seiner Beziehungen zu ihnen aber am liebsten nur sehr wenig Worte machen. Der Mann hat einen Ruf zu verlieren. Und seine Zulassung, die bereits vor ein paar Jahren beinahe von einem Standesgericht in Kalifornien eingezogen worden wäre. Doch solche Diskretion gesteht das amerikanische Recht einem Arzt nicht zu. Und so wird Dr. Arthur Ting als einer der wichtigsten Belastungszeugen in einem Prozess gegen einen seiner namhaften Patienten aussagen müssen: gegen den wegen mehrfachen Meineids angeklagten Baseballprofi Barry Bonds.

          Beträchtliches Belastungsmaterial

          Der 43-jährige Outfielder, der im letzten Sommer eine der prestigeträchtigsten Bestleistungen in seiner Sportart, einen neuen Karriere-Home-Run-Rekord, aufgestellt hat, war am Freitag in San Francisco vor Gericht, wo ihm die fünf Anklagepunkte vorgelesen wurden, die allesamt mit Haftstrafen geahndet werden können. Danach soll Bonds bei den Ermittlungen gegen die Firma Balco und ihren Besitzer Victor Conte im Dezember 2003 die Staatsanwälte angelogen haben, als er abstritt, im Rahmen seiner Kontakte zu der Firma jemals verbotene Anabolika genommen zu haben.

          Seine Fans halten zu ihm

          Bis es zum Kern der Verhandlung kommt, wird noch einige Zeit vergehen, weil das Justizwesen langsam arbeitet. Das Belastungsmaterial scheint beträchtlich. Als die Steuerfahndung und die Drogenpolizei im September 2003 die Büros der Firma Balco durchsuchten, nahmen sie Computerdateien und umfangreiches Datenmaterial mit. Darunter: Kalender mit Eintragungen, Laborberichte und Quittungen, die zeigten, welche Sportler die Dienste von Victor Conte in Anspruch genommen hatten. Zu ihnen gehörte auch Bonds, dessen Fitnesstrainer Greg Anderson sich als wichtiges Bindeglied herauskristallisierte. Doch der zog es vor, die Aussage zu verweigern und wegen Missachtung des Gerichts mehr als ein Jahr in Haft zu gehen, als seine Rolle in dem Dopingskandal zu erläutern. Die Affäre hatte der amerikanischen Öffentlichkeit zum ersten Mal deutlich vor Augen geführt, mit welchen verbotenen Mitteln sich die besten Sportler des Landes Leistungsvorteile verschafften. Nicht nur der Mann im Zentrum - Victor Conte - musste ins Gefängnis. Das Gleiche droht der Sprinterin Marion Jones, die nach jahrelangen Unschuldsbeteuerungen inzwischen zugegeben hat, die Behörden belogen zu haben.

          Teilgeständnis unwahrscheinlich

          Dass Bonds sich ähnlich verhalten und angesichts der Beweislage den Fall mit einem Teilgeständnis und einer für den amerikanischen Rechtsalltag typischen Vereinbarung mit den Anklagevertretern hinter sich bringen wird, scheint unwahrscheinlich. Der Baseballprofi, der zurzeit einen neuen Klub sucht, um im April seine Karriere fortsetzen zu können, und zuletzt mehr als 20 Millionen Dollar im Jahr verdiente, verfügt anders als die inzwischen verarmte Marion Jones nicht nur über die finanziellen Mittel, sich einen Stab von prominenten Anwälten leisten zu können. Er bestritt am Freitag jede Schuld.

          Kein Wunder. So behauptet etwa Victor Conte dass die Bluttests, für die Dr. Ting die Spritze auspackte, nichts mit einem planvollen Anabolika-Missbrauch zu tun gehabt hätten. Mit ihnen habe man nur herausfinden wollen, ob die Nahrungsergänzungsmittel, die er dem Baseballprofi gegeben hatte, Spuren von Steroiden enthalten. Eine Aussage, die allerdings unglaubwürdig klingt, weil Major-League-Baseball zu jener Zeit noch gar keine Doping-Tests durchführte, bei denen ein Spieler hätte aus Versehen auffallen können. Das würde bedeuten, dass am Ende wohl Dr. Ting in den Zeugenstand treten muss, um viele offene Fragen zu beantworten. Darunter vermutlich nicht die nach einem seiner Söhne namens Brandon - einem Footballspieler und angehenden Mediziner. Der war vor einem Jahr an der University of Southern California in Los Angeles, wo er zur Mannschaft von Erfolgstrainer Pete Carroll gehörte, positiv auf Doping getestet worden. Beantworten muss er aber mit Sicherheit die Frage nach den Blutentnahmeterminen im Balco-Büro, und weshalb sie so wichtig waren.

          Womöglich kann Dr. Ting dann erklären, wie seinem Patienten, einem hochbegabten Baseballspieler, der einst 80 Kilogramm gewogen hatte, die Natur mitspielte, als bei ihm Ende der neunziger Jahre förmlich alles wuchs: nicht nur die schiere Muskelmasse unter dem Trikot der San Francisco Giants, sondern auch die Füße und der Schädel. "Der Arzt kann nicht versuchen, Bonds zu schützen", meinte Jura-Professor Peter Keane neulich. "Wenn er nicht die Wahrheit sagt, riskiert er selbst wegen Meineids angeklagt zu werden. Wenn er nicht aussagt, kann man ihn wegen Missachtung des Gerichts bestrafen."

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