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Bahnradfahrerin Kristina Vogel : „Sportler wie ich müssen einen Schaden haben“

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Ein Hoch aufs Rad im Rund: Bahnradfahrerin Kristina Vogel Bild: dpa

Bahnradfahrerin Kristina Vogel hat einen Unfall, schwere Verletzungen, Koma und einen quälend langen Prozess überstanden - bei der EM im fernen Guadeloupe will sie ihr „Hammerjahr“ abrunden und gewinnt gleich mal Silber im Teamsprint.

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          Am zweiten Tag der Bahnrad-EM im französischen Übersee-Department Guadeloupe gewinnt Kristina Vogel gemeinsam mit Miriam Welte Silber im Teamsprint der Frauen. Es ist der Beginn der Abrundung des „Hammerjahres“ für Kristina Vogel. Die mehrfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin aus Erfurt im Gespräch:

          Ist eine Europameisterschaft in der Karibik nicht kurios?

          Wir dachten alle, das sei ein Aprilscherz, auch weil Guadeloupe als EM-Ort nahe am 1. April verkündet wurde. Es wird ein bisschen schwierig, weil gerade Regenzeit und die Luftfeuchtigkeit sehr hoch ist, das werden sehr harte Wettkämpfe. Das Schöne daran ist aber, dass wir als Sommersportler unsere Saison im Winter haben. Wenn es in Deutschland kälter wird, tuckere ich dort in der Welt herum, wo es warm ist.

          Sie wollen doch aber auf dem französischen Übersee-Département vor allem Ihr erfolgreiches Jahr mit weiteren Titeln krönen?

          Das war ein Hammerjahr. Das ging alles so unheimlich schnell. Erst mein erster Einzeltitel bei der EM, dann erster Weltcup, dreimal Gold, zweiter Weltcup, auch dreimal Gold, dazu zwei Weltrekorde. Da dachte ich, trainieren die anderen nicht oder was ist hier los? Dann habe ich befürchtet: Zur WM, da kommt dann sicher der Angriff. Aber da kam nichts.

          Auch bei der WM in Calí haben Sie im Februar dreimal triumphiert ...

          ... ich weiß nicht, wo ich diese Saison hergenommen habe. Ich habe seit dem vergangenen Winter ein viel höheres Niveau erreicht. Das macht Spaß, wenn du merkst, was dein Körper imstande ist zu leisten. Das macht auch Hoffnung. Denn wenn man einen Schritt gemacht hat, kann es noch weitergehen.

          In Ihrem Twitter-Profil bezeichnen Sie sich als „Crazy Girl“. Was soll das bedeuten?

          Um den Leistungssport so zu betreiben wie ich, muss man einen Schaden haben, oder nicht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Normalo sich zu Weihnachten freiwillig in den Kraftraum stellt und 160 Kilogramm stemmt.

          Und wenn man so einen „Schaden“ hat und Bundespolizistin ist wie Sie, wie geht man damit nach der Sportkarriere um?

          Dann jage ich Verbrecher. Also aufpassen am Erfurter Hauptbahnhof!

          Wenn Sie nicht Streife gehen, fahren Sie ständig im Oval, hoch und runter. Wo liegt der Reiz?

          Dass du der anderen Frau deine Taktik aufzwingen kannst, dass du von hinten ein Loch zufährst. Dann die Geschwindigkeit, der Kurvendruck, das ist wie Achterbahnfahren, als wenn du Loopings machst.

          Es grenzt an ein Wunder, dass Sie den Sport überhaupt noch ausüben können. 2009 hatte Ihnen ein Zivilfahrzeug der Thüringer Polizei auf einer Trainingsfahrt die Vorfahrt genommen. Sie lagen zwei Tage im künstlichen Koma, hatten mehrere Brüche und Gesichtsverletzungen, und es bestand die Gefahr einer Querschnittslähmung. Wie haben Sie sich zurückgekämpft?

          Je schneller man eine Situation akzeptiert, desto eher kann es besser werden. Ich kann im Bett liegen und noch so schimpfen, dass ich Schmerzen habe, aber die Situation ist einfach so. Meine erste Frage, nachdem ich aus dem Koma aufgewacht bin, lautete: In welchem Krankenhaus liege ich? Die zweite Frage war: Bekomme ich ein neues Fahrrad? Und dann: Ist meine Steuererklärung schon gemacht? Ich wollte so schnell, wie es geht, zurückkommen. Im Mai war der Unfall, im März des folgenden Jahres bin ich bei der WM in Kopenhagen gefahren.

          Der Zivilprozess zog sich dagegen fünf Jahre hin und wurde erst vor wenigen Wochen beendet. Wie empfanden Sie das lange Verfahren?

          Das war sehr frustrierend, weil ich in meiner sportlichen Entwicklung weiterkommen wollte, aber es immer diesen Prozess gab, der mich wieder zurückgeworfen hat. Es war schwierig für mich, wenn ich im Gerichtssaal saß und neben mir ein Gutachter sagte: Die Verletzungen, die Sie hatten, sind plausibel. Irgendwann habe ich gesagt, ich kann und will nicht mehr, ich lasse das Verfahren einstellen.

          Der Freistaat Thüringen als Fahrzeughalter wollte 25.000 Euro Schmerzensgeld zahlen, Sie wollten 80.000. Der Richter hat Ihnen letztlich insgesamt 100.000 zugesprochen. Können Sie also zufrieden sein?

          Im Endeffekt ist die Summe egal. Es geht nur darum, dass ich mich deswegen fünf Jahre lang streiten musste. Für mich ist klar - der Fahrer hat mir die Vorfahrt genommen, Punkt. Was gibt es da zu diskutieren? Ich war nicht auf einem Klappfahrrad unterwegs, ich war deutlich erkennbar im Deutschland-Jersey. Weil man angeblich nicht hätte erkennen können, dass ich mit Tempo 50 gefahren bin, wollte das Land nicht zahlen und mir eine Teilschuld zuerkennen. Das zu hören war wirklich hart für mich. Da denkst du, na gut, einerseits drängen sie auf ein Foto mit dir und sagen: Hier, sie ist Thüringer Sportlerin, sie hat in London Olympia-Gold gewonnen. Aber zahlen, nein, das wollen wir nicht.

          Immerhin hat der Freistaat Thüringen darauf verzichtet, in die Berufung zu gehen.

          Es ist schön, wenn man endlich recht bekommen hat, wenn dir endlich jemand deine Version und dein Leid abgekauft hat. Ich habe ja immer noch Operationen, meine Zähne müssen irgendwann ausgetauscht werden. Schlimm war aber vor allem die ganze Umgangsweise. Vom Unfallverursacher kam nie eine Entschuldigung, die mir aufrichtig erschien, die mir gezeigt hätte, dass er an meinem Leben Anteil nimmt.

          Die Unfallsituation war fast alltäglich ...

          Der Fahrer wird sich gedacht haben, das schaffe ich noch. Diese Momente im Straßenverkehr kennt jeder, diese Augenblicke, in denen man denkt: Uh, das war aber knapp! Genauso ein Moment war das - aber er ging schlecht für mich aus.

          Fahren Sie selbst seither vorsichtiger?

          Sobald du auf der Bahn anfängst zu überlegen, hast du verloren. Bei uns geht es um Millimeter, um Entscheidungen von Tausendstelsekunden. Aber im Straßenverkehr bin ich vorsichtiger geworden, obwohl ich eine sportliche Fahrerin bin. Wenn ich früher gedacht habe, bei Gelb kommst du noch schnell rüber, sage ich mir mittlerweile: Nee, bleib stehen!

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