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Bahnrad-WM : Goldenes Triple für Emma Hinze

Wer sein Rad liebt, der hält es hoch: Emma Hinze, die dreifache Weltmeisterin im Velodrom von Berlin. Bild: Reuters

Die „grandiose“ Emma Hinze überragt das „geniale“ deutsche Frauen-Team bei dieser Bahnrad-WM. Der Däne Mørkøv saust dagegen von der Quarantäne zum Titel im Madison.

          3 Min.

          Hat Emma Hinze, die überragende Sprinterin der Bahnrad-WM von Berlin, wenigstens zu ihrem dritten Titelgewinn so etwas wie Taktik gebraucht? „Nein“, sagte sie zu der Annahme, ihre junge Mannschaftskameradin Lea Friedrich habe sie im Keirin-Finale am Sonntag drei Runden vor Schluss aus der vierten Position an die Spitze gefahren. „Wir hatten nichts abgesprochen; der Bundestrainer hat nicht mit uns gesprochen“, erzählte sie. „Aber es war nicht schlecht.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Emma Hinze schloss sich Lea Friedrich an, übernahm die Führung und ließ, wie sie das in den Läufen zuvor ebenso wie im Sprint gemacht hatte, bei zunehmendem Tempo niemanden vorbei. Mit drei Titeln ist die 22 Jahre alte Sprinterin die überragende Athletin der Titelkämpfe und Favoritin für die Olympischen Spiele in Tokio – „wenn sie stattfinden“, sagt sie. „Es wäre super-schade, wenn sie abgesagt werden würden.“

          Vom Patienten zum Weltmeister

          Die Furcht vor dem Corona-Virus sorgte für die kurioseste Geschichte dieser WM: Der Däne Michael Mørkøv wurde innerhalb von drei Tagen vom potentiellen Patienten Null, der die Infektion nach Berlin bringt, zum Weltmeister. Nach seiner Anreise von der Rundfahrt der Vereinigten Arabischen Emirate, die wegen zweier Corona-Verdachtsfälle abgebrochen wurde, hielt sein Team ihn am Freitag im Hotelzimmer in Quarantäne.

          Als sich am Samstag herausstellte, dass es unter den in Abu Dhabi festgehaltenen Fahrern und Betreuern keinen positiven Befund gab, trainierte er erstmals auf der Bahn – und besiegte am Sonntag gemeinsam mit Lasse Hansen aus dem dänischen Weltrekord-Vierer im Madison, dem Zweier-Mannschaftsfahren, Roger Kluge und Theo Reinhardt, die Titelverteidiger. Am Ende des harten Rennens, in dem allein den Dänen ein Rundengewinn gelang, sicherten sich die Lokalmatadoren unter dem Jubel der 4800 Zuschauer im Berliner Velodrom mit einem Schlussspurt über mehrere Runden Platz drei hinter Neuseeland.

          Vom potentiellen Patienten Null zum Weltmeister: Michael Mørkøv
          Vom potentiellen Patienten Null zum Weltmeister: Michael Mørkøv : Bild: dpa

          „Grandios, überragend, phänomenal“, schwärmte Uibel von seinen „Mädels“, wie er sie nennt, Gemeinsam gewannen die drei, weil Uibel sie reihum einsetzte, den Teamsprint für zwei. Emma Hinze siegte zudem im Sprint und im Keirin. Lea Friedrich etablierte sich am Tag, bevor sie Sechste im Keirin wurde, als jüngste Weltmeisterin im 500-Meter-Zeitfahren der Geschichte. „Gerade die Lea“, sagte Uibel, „die kann’s nicht erwarten. Die muss ich immer bremsen.“

          Den Erfolg der schnellen Frauen rundeten die Verfolgerinnen ab. Im Vierer fuhren sie in der ersten Runde die Bestzeit des Wettbewerbs, 4:11,039 Minuten, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 57,362 Kilometer pro Stunde entspricht und womit sie den deutschen Rekord um drei Sekunden unterboten. Weil sie aber in der Qualifikation schlecht abgeschnitten hatten, durften sie lediglich um Platz drei kämpfen; sie gewannen das sogenannte kleine Finale scheinbar mühelos. In der Einzelverfolgung legten Lisa Brennauer, Franziska Brausse und Lisa Klein nach: als Zweite, Dritte und Vierte. Allein die Amerikanerin Chloe Dygert, die auch mit der Mannschaft gewonnen hatte, war schneller; sie fuhr in 3:17,283 Minuten Weltrekord (54,840 Kilometer pro Stunde). „Wir sind eine Mannschaft“, schwärmte Lisa Brennauer, nachdem sie gemeinsam mit den Sprinterinnen den Sieg von Emma Hinze bejubelt hatte. „Wir sitzen zusammen und wir fiebern zusammen.“

          Selfie mit Siegerin: Olympiasiegerin Kristina Vogel (l), Botschafterin der Bahnrad-WM, mit ihrer Nachfolgerin Emma Hinze.
          Selfie mit Siegerin: Olympiasiegerin Kristina Vogel (l), Botschafterin der Bahnrad-WM, mit ihrer Nachfolgerin Emma Hinze. : Bild: dpa

          Selten genug sehen sich die erfolgreichen Mannschaftskameradinnen: Die Sprinterinnen stöhnen schon, wenn sie zwei Mal in der Woche fünfzig Kilometer fahren müssen. Die Verfolgerinnen dagegen sitzen Tag für Tag fünf Stunden lang im Sattel und bringen dabei auch schon mal 140 Kilometer hinter sich. Da werden die raren Gelegenheiten auf gemeinsamer Bühne zu Feiertagen. Im Vergleich könnten die Männer als Sparringspartner der Frauen herhalten, scherzte sarkastisch der Sprinter Maximilian Levy. Uibel setzte noch eins drauf. „Bei den Männern ist ein gewisses Egomanentum eingetreten“, schimpfte er, so könne das im Hinblick auf Tokio nicht bleiben.

          Seine männlichen Verfolger seien zweimal deutschen Rekord gefahren, konstatierte Uibels Kollege Sven Meyer. Felix Groß erreichte in der Qualifikation 4:08,928 Minuten, was lediglich für Platz fünf reichte. Der italienische Weltmeister Filippo Ganna verbesserte seinen Weltrekord im Vorlauf auf 4:01,934 Minuten (59,520 Kilometer pro Stunde). Das deutsche Team kam auf 3:50,304 Minuten, was der Zeit entspricht, in der vor dreieinhalb Jahren die Briten Olympiasieger von Rio wurden (3:50,265). In Berlin war damit nicht mehr drin als Platz sieben. Der dänische Vierer mit Hansen steigerte den Weltrekord bei jedem seiner Starts und siegte schließlich in 3:44,672 Minute (64,093 Kilometer pro Stunde). Insgesamt gab es acht Weltrekorde bei diesen Titelkämpfen.

          Die Temposteigerung sei ein zyklisches Phänomen, sagte Meyer: „Je näher man Olympia kommt, desto schneller geht‘ss und desto härter wird der Wettbewerb.“ Patrick Moster, Sportdirektor des BDR, stimmte ihm zu: „Die Materialschlacht ist in vollem Gang.“ Ob die Steigerung der Geschwindigkeit nicht verdächtig sei, wurde Moster gefragt. „Um Gottes Willen“, erwiderte er. „Je schneller man fährt, desto spannender und attraktiver wird es.“

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