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Tennis-Profi Kyrgios : Plötzlich als „lovely Nick“ unterwegs

  • -Aktualisiert am

Schultersieg: Nick Kyrgios trägt seinen Doppelpartner Alex De Minaur vor Freude über den Platz. Bild: EPA

Nick Kyrgios pflegt gerne das Image des „Bad Boy“. Beim ATP Cup in seiner Heimat zeigt er sich im australischen Tennisteam von einer ganz neuen Seite.

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          Liegt es an den Temperaturen, an der Spannung des neuen Wettbewerbes oder am Temperament? Der Grieche Stefanos Tsitsipas hatte den Schläger neulich so vehement auf eine Kante gedroschen, dass sein dicht daneben sitzender Vater Splitter abbekam und auf der Stelle den Schauplatz verließ; Alexander Zverevs sieben Hiebe beim Frustabbau machten überall die Runde, und vor zwei Tagen missbrauchte der Russe Daniil Medwedew den Schläger, um zweimal kurz und knackig den Schiedsrichterstuhl zu attackieren. Und was ist mit Nick Kyrgios, der oft in seiner Karriere die Fassung verlor, verwarnt wurde und der gerade mitten in einer sechsmonatigen Bewährungszeit bei der ATP unterwegs ist? Nun, dieser Kyrgios zeigt der Welt des Tennis gerade, was sie an ihm haben könnte, wenn er immer mit einer Mannschaft unterwegs sein dürfte.

          In gut einer Woche des ATP Cups, sagt der australische Kapitän Lleyton Hewitt, habe Kyrgios keinen einzigen falschen Schritt gemacht, weder auf dem Platz noch drumherum. „Wenn er nicht selbst gespielt hat, hat er die Jungs angefeuert und hat alle unterhalten. Wir hatten unseren Spaß mit ihm.“ Vor allem die Beziehung zum vier Jahre jüngeren Alex de Minuar, der in der Weltrangliste vor ihm steht und zur Zeit bester Australier ist, wächst und gedeiht. Wie die beiden im Viertelfinale gegen Großbritannien miteinander Doppel spielten, wie sie nach dem Sieg umschlungen auf dem Boden kugelten, ehe sich beide blitzartig daran erinnerten, dass der Handschlag mit dem besiegten Gegnern fällig war, wie sie dann weiter jubelten und der Ältere den Jüngeren schließlich über die Schulter legte, das war großes Kino. Dieser Tag mit dem Sieg im Doppel sei einer der besten seiner Karriere gewesen, sagt Kyrgios, der am Samstag mit seinem Team um den Finaleinzug spielt. „Für mich ist Alex wie ein kleiner Bruder. Ich versuche, ein guter Einfluss für ihn zu sein, und ich glaube, dass er meine Energie gern anzapft.“

          Asse für den guten Zweck

          Was ihm selbst die Nähe der Mannschaft bedeutet, das ist bei jedem Seitenwechsel zu besichtigen. Anders als bei der Vorrunde in Brisbane sitzen die Jungs aus dem Team in Sydney direkt hinter dem Spieler und dem Kapitän, immer wieder lehnt sich Kyrgios zurück, hört auf die Stimmen aus dem Hintergrund und macht den Eindruck, als gebe es keinen Ort auf der Welt, an dem er gerade lieber wäre. Welch ein Gegensatz zum normalen Turnieralltag, bei dem er gerade auf der Bank oft so verloren wirkt.

          Er versichert, er versuche alles zu tun, was der Mannschaft irgendwie helfe, um das Beste für sie und für sich selbst herauszuholen, und alles andere interessiere ihn im Moment nicht. Was zum Glück nicht stimmt. Mit seiner Initiative, für jedes seiner Asse 200 australische Dollar für die Opfer und die Folgen der Buschbrände zu spenden, löste er eine Welle von Reaktionen aus, unter anderem auch vom australischen Tennisverband, der für jedes Ass in diesen Tenniswochen auf dem fünften Kontinent 100 Dollar überweist. Nach dem Viertelfinale waren das 17.000 Dollar, Kyrgios’ persönliche Bilanz lag bei 11.200, davon 600 allein aus einem einzigen Aufschlagspiel, dem letzten beim Sieg gegen den Briten Cameron Norrie.

          Und wenn er so locker drauf ist, sich wohl und im Kreis von Freunden aufgehoben fühlt, dann spielt dieser Kyrgios Tennis wie kein anderer. Schläge aus dem Nichts, Finten und Richtungswechsel, Dynamik und viel Gefühl. Und natürlich auch der ein oder andere Aufschlag von unten, clever erklärt. „Jedes Mal, wenn der Gegner aufhört daran zu denken, was er eigentlich tun muss, und anfängt, sich mit solchen Äußerlichkeiten (wie diesem Aufschlag) zu beschäftigen, bin ich sofort im Vorteil. Und falls das in Rafas Kopf landet, dann ist es ein Erfolg.“

          Der Name des Kollegen steht in diesem Fall für Qualitätsgegner prinzipiell, denn falls alles normal läuft im Halbfinale des ATP Cups zwischen Australien und Spanien an diesem Samstag in Sydney, dann wird Kyrgios nicht gegen Rafael Nadal spielen, denn er ist nicht die Nummer eins in seiner Mannschaft, sondern die Nummer zwei – im anderen Semifinale spielen Russland und Serbien. Die Regeln sehen vor, dass eins gegen eins und zwei gegen zwei spielt – es sei denn, einer ist verletzt, dann können sich die Dinge ändern. Nadals Gegner müsste demzufolge de Minaur sein, der kleine Bruder. Wie die Sache mit „lovely Nick“ nach dem Ende des ATP Cups weitergehen wird, demnächst bei den Australian Open und darüber hinaus? Wird ihm die Erinnerung an die Zeit in Brisbane und Sydney helfen? „In gewisser Weise sicher“, sagt Hewitt. „Aber ob das gleich oder erst in sechs oder zwölf Monaten passieren wird, das ist eine ganz andere Geschichte.“

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