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Australien Open : Serena Williams ist ihre eigene Entwicklungshelferin

  • -Aktualisiert am

Wiedererstarkt: Serena Williams Bild: AFP

Innerhalb eines einzigen Spiels steigt die sichtbar erstarkte Amerikanerin Serena Williams aus den Niederungen des Tennissports auf. „Die Karriere der Williams-Schwestern neigt sich dem Ende zu“, dachte ihre Gegnerin noch vor dem Match.

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          Den Niederungen des Profitennis schien Serena Williams in den vergangenen vier Monaten weit entrückt. Statt sich um ihre Vor- oder Rückhand zu kümmern, statt an ihrer Fitness zu arbeiten oder bei Turnieren anzutreten, besuchte sie eine UN-Konferenz in New York, reiste als prominente Entwicklungshelferin nach Ghana und in den Senegal. Serena Williams verteilte Impfstoffe an Kinder, besuchte Schulen und hielt bei ein paar „Tennis Clinics“ Hof. Der senegalische Präsident Abdoulaye Wade schenkte ihr ein Stück Land, mit dem sie nicht so recht etwas anzufangen weiß. Daneben verfolgte sie Pläne, das Leben von Athea Gibson, der ersten großen schwarzen Tennisspielerin, zu verfilmen.

          Die eigene Karriere als dominante Powerfrau der Branche schien für Serena Williams dagegen nur noch eine langsam schwindende Erinnerung an die Jahre 2002 und 2003 zu sein, als sie die Konkurrenz fest im Griff hatte. Seit fast zwei Jahren, seit ihrem letzten großen Triumph, dem Sieg bei den Australian Open 2005, hatte die 25jährige Amerikanerin keine Top-Ten-Spielerin mehr besiegt, war immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen worden. Seit Anfang 2006 hatte sie nur sechs Turniere bestritten, alle ohne großen Erfolg.

          Tiefstapeln gehört nicht zu ihrem Repertoire

          Zu den Australian Open war sie mit dem Ballast einer bitteren Schlappe gekommen: Beim Vorbereitungsturnier in Hobart auf Tasmanien, einer Veranstaltung der vierten Kategorie der WTA Tour, hatte sie im Viertelfinale gegen die Österreicherin Sybille Bammer, die auf Platz 42 der Weltrangliste steht, verloren. Und jetzt das: Am Freitag schlug sie in Melbourne unter dem wegen Regens geschlossenen Dach der Rod Laver Arena die russische Weltranglistensechste Nadja Petrowa in der dritten Runde nach 2:07 Stunden 1:6, 7:5 und 6:3.

          Wiedererstarkt: Serena Williams Bilderstrecke

          Ist Serena Williams zurück, ist sie auf dem Weg zu alter Stärke? „Definitiv“, antwortete sie nach ihrem Coup, „definitiv.“ Aber Tiefstapeln gehört nicht zum Repertoire der optimistischen jungen Frau. Zu Beginn des Grand-Slam-Turniers hatte sie mutig verkündet, sie könne das Melbourner Grand-Slam-Turnier zum dritten Mal gewinnen. Denn ihre schwerste Gegnerin, ihre ältere Schwester Venus, musste ja mit einer hartnäckigen Handgelenksverletzung daheim in Florida bleiben. Die Konkurrentinnen hatten ob solch großer Töne nur müde gelächelt. Nadja Petrowa hatte vor dem Match formuliert, was die meisten im Hinterkopf hatten: „Die Karriere der Williams-Schwestern neigt sich dem Ende zu. Die Spitzenspielerinnen von heute fürchten sich nicht mehr wie früher vor der Power der beiden.“ Warum sollte der Russin vor der Amerikanerin auch bange sein?

          Flink, beweglich und schlagkräftig

          Als Weltranglistensechste wird sie mittlerweile 75 Plätze höher eingestuft als die ehemalige schwarze Primadonna. Aber am Freitag hielten sich Nadja Petrowa und Serena Williams nur knapp eineinhalb Stunden an das von der Vorgeschichte vorgegebene Skript: auf der einen Seite die aufstrebende, kraftvolle Moskauerin. Und auf der anderen Seite die noch massiger wirkende Amerikanerin, die fast immer einen halben Schritt zu spät an den Ball kam, der jedes Timing und vor allem das Gefühl für den richtigen Schlag im richtigen Moment fehlte. Nadja Petrowa gewann den ersten Satz in 27 Minuten 6:1, sicherte sich nach einem 0:3-Rückstand im zweiten Satz fünf Spiele nacheinander.

          Aber als die Favoritin dann zum Matchgewinn aufschlug, stand ihr plötzlich eine andere Serena Williams gegenüber, eine, die brillant retournierte und auf einmal flink, beweglich und schlagkräftig war. Es scheint, als müsse Serena Williams in Melbourne erst immer mit dem Rücken zur Wand stehen, ehe sie ihre ganze Stärke demonstriert. Bei ihren ersten beiden Siegen im Melbourne Park hatte sie auf dem Weg zum Triumph jedes Mal Matchbälle abwehren müssen. So weit kam es diesmal nicht. Im dritten Satz übernahm sie klar das Kommando.

          Ist sie wieder eine Titelanwärterin?

          „Es ist ihre Erfahrung. Immer wenn sie gegen eine schwere Gegnerin spielt, kann sie sich steigern. Sie schwingt dann auf einmal freier und legt alles in ihre Schläge“, sagte die enttäuschte Verliererin. Trotz dieser lobende Worte war Nadja Petrowa nicht sicher, ob man von nun an mit der einstigen Spitzenfrau wieder als ernsthafter Anwärterin auf große Titel rechnen muss: „Es ist schwer zu sagen, ob sie es immer noch kann, oder ob sie nur einen der Tage hatte, an dem alles bei ihr klappte.“

          Die Antwort darf man am Sonntag erwarten. Dann spielt Serena Williams im Achtelfinale gegen die Weltranglistenelfte Jelena Jankovic, eine 21-jährige Serbin, die die letzten beiden ihrer drei Partien gegen die Kalifornierin gewann. Sie ist nach Melbourne gekommen mit der Empfehlung, im Finale von Sydney der Belgierin Kim Clijsters alles, sogar die Abwehr eines Matchballs, abverlangt zu haben.

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