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Australian Open : Kronprinz Kohlschreiber

Lässt sich durch nichts und niemanden mehr ablenken: Philipp Kohlschreiber Bild: AFP

Philipp Kohlschreiber möchte gerne Deutschlands bester Tennisspieler werden. Dafür muss er aber auch die Großen der Szene besiegen. Bei den Australian Open kann sich Kohlschreiber nun gegen Andy Roddick beweisen.

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          „Irgendwann“, hatte Philipp Kohlschreiber vor dem Beginn dieser Australian Open gesagt, „irgendwann will ich die deutsche Nummer eins sein.“ Das könnte sich schon aus biologischen Gründen ergeben, denn der deutsche Spitzenspieler Thomas Haas wird in diesem Jahr dreißig Jahre alt, dazu plagt ihn momentan wieder einmal die lädierte Schulter, was ihn auch zum Verzicht auf die Teilnahme in Melbourne zwang. Aber einfach darauf warten, bis ihm die Nachfolge von Haas quasi von selbst in den Schoß fällt, will der 24 Jahre alte Kronprinz Kohlschreiber nicht. Er will es werden, solange Haas noch aktiv ist.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Vermutlich war die Gelegenheit noch nie so günstig, dem Kollegen ein wenig auf die Pelle zu rücken. Haas wird auf dem Weltranglistenplatz elf geführt, Kohlschreiber hat gerade eben erst mit Rang 27 die beste Position seiner Karriere erreicht. „Es ist Zeit, den nächsten Schritt zu tun“, sagt Kohlschreiber. Der allerdings ist nicht so ganz einfach, denn eine unsichtbare Grenze trennt die ersten zwanzig der Weltrangliste vom Rest. Denn wer in diesen erlauchten Kreis rein will, dem muss vor allem eins gelingen: Er muss hier und da auch die großen Stars der Szene besiegen.

          „Wenn er solide spielt, schlägt er Roddick in vier Sätzen“

          In der dritten Runde dieser Australian Open wird sich Kohlschreiber am Freitag die Chance bieten, ein beachtliches Stückchen auf dem langen Weg zu bewältigen, der noch vor ihm liegt, wenn er weit nach oben kommen möchte. Er trifft dort auf den amerikanischen Weltranglisten-Sechsten Andy Roddick, und Kohlschreiber scheint für die große Aufgabe gerüstet. Er hat gerade eben erst das Turnier in Auckland gewonnen und seine Erfolgsserie nun in Melbourne mit dem Zweitrundensieg gegen den Russen Jewgeni Korolow, der beim Stand von 4:6, 2:6 und 1:0 wegen einer Oberschenkelzerrung aufgeben musste, auf sieben Siege hintereinander erhöht. Kohlschreiber strotzt angesichts seiner Ergebnisse vor Selbstbewusstsein, was schon einmal eine entscheidende Voraussetzung für einen möglichen Coup darstellt.

          Voller Einsatz auf dem Weg zur neuen Nummer eins der Deutschen

          „Natürlich hätte ich lieber einen anderen Gegner gehabt, weil es zunächst einmal nur um das Weiterkommen geht“, sagt Kohlschreiber. Der andere, das wäre der Stuttgarter Michael Berrer gewesen, der Roddick am Mittwoch nach großem Kampf in der Night Session 2:6, 2:6 und 4:6 unterlegen war (Siehe auch: Australian Open: Aus für Schüttler, Kerber und Klösel). Die Partie hatte Kohlschreiber in aller Ruhe im Hotelzimmer verfolgen können, und wenn er sie aufmerksam beobachtet hat – wovon man ausgehen könnte –, dann wird sie ihm eines gezeigt haben: Auch Roddick ist zu besiegen, wenn man so mutig wie Berrer spielt, die eigene Fehlerquote aber wesentlich geringer hält. „Philipp hat mehr Erfahrung als ich mit großen Plätzen. Wenn er solide spielt, schlägt er Roddick in vier Sätzen“, sagte Berrer.

          Aus Selbstvertrauen wurde Selbstüberschätzung

          Kohlschreiber ist der einzige deutsche Spieler, dem dies momentan ohne weiteres zuzutrauen ist. Auch mit schwierigen Verhältnissen scheint er sich zu arrangieren, ohne zu hadern. In der ersten Runde lief er gegen den Kroaten Koronusic nicht in die Falle, sich auf einem der Außenplätze gegen einen Außenseiter zu sehr ablenken zu lassen. Und in der zweiten Runde auf dem größeren Showcourt 2 blendete der Augsburger die widrigen Windverhältnisse, die Rainer Schüttler zuvor bei seiner 2:6-, 2:6- und 1:6-Niederlage gegen den Franzosen Gilles Simon völlig aus der Fassung gebracht hatten, weitgehend aus.

          „Es war nicht einfach“, sagt Kohlschreiber, „aber ich habe das Beste daraus gemacht.“ Das klingt und wirkt anders als im Frühsommer vergangenen Jahres, als er in München sein erstes ATP-Turnier gewonnen hatte und aus dem Selbstvertrauen schnell Selbstüberschätzung geworden war. Erstmals erklomm er damals bei Grand-Slam-Turnieren eine höhere Stufe. Er gehörte zu den 32 gesetzten Akteuren. Das aber wurde ihm in Wimbledon zum Verhängnis, als er in der ersten Runde gegen den mehr als 40 Plätze hinter ihm geführten Franzosen Florent Serra ausschied und hinterher bekannte, er habe nach der leichten Auslosung nur noch an die zweite Woche gedacht.

          Davis-Cup-Hoffnungen ruhen nun auf Kohlschreiber

          Aus Niederlagen aber lernt man, angeblich manchmal sogar mehr als von Siegen. Zumindest hat Kohlschreiber aus diesem bitteren Erlebnis die richtige Lehre gezogen und die wichtigste Regel für einen Tennisprofi gelernt, die eins zwingend vorschreibt: jeden Gegner ernst zu nehmen. Weil er das in Einklang gebracht mit seiner nach wie vor felsenfesten Überzeugung, noch weiter in der Weltrangliste voranzukommen, ist es in den vergangenen Monaten tatsächlich konstant weiter nach oben gegangen.

          Beim Davis-Cup-Halbfinale in Moskau bewies er im November, dass er auf dem richtigen Wege ist, als er gegen den Weltranglistenvierten Nicolai Dawidenko ein schon verloren geglaubtes Spiel noch herumgerissen und in fünf Sätzen gewonnen hatte. Und kurz nach diesen Australian Open ist jener Philipp Kohlschreiber, der vor einem Jahr noch deutscher Ersatzmann war, wegen der Abwesenheit von Haas der Spieler, auf den alle Hoffnungen im Davis Cup gegen Korea ruhen. Im Team also hat er den nächsten Schritt in der Karriere fürs Erste schon geschafft. In Melbourne wartet nun die Gelegenheit, auch ganz alleine für sich weiter voranzukommen.

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