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Australian Open : Im Schatten lebt’s sich für Nadal glänzend

Das größte Stehaufmännchen des Welttennis: Rafael Nadal Bild: AFP

Bei den Australian Open reden alle von Djokovic und Becker, Federer und Edberg. Davon lässt sich Rafael Nadal nicht beeindrucken. Der Spanier spielt stark wie selten und wittert eine historische Chance.

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          Die Kollegen haben sich ja einiges einfallen lassen, um ihn zu stoppen - jeder der größten Konkurrenten von Rafael Nadal hat mittlerweile einen ehemaligen Weltranglistenersten an seiner Seite, nur der aktuelle Branchenführer vertraut nach wie vor auf Altbewährtes. Mögen Andy Murray, der seit zwei Jahren mit Ivan Lendl zusammenarbeitet und noch ganz frisch auch Novak Djokovic für seinen neuen Chefcoach Boris Becker und Roger Federer für seinen Berater Stefan Edberg schwärmen, für den Vierten im Bunde kommt eine solche Unterstützung nicht in Frage.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Einen anderen Trainer als seinen Onkel Toni hat der Mallorquiner noch nie gehabt, und nach Lage der Dinge ist auch nicht davon auszugehen, dass sich dies jemals ändern wird. Abnutzungserscheinungen sind in dieser Langzeitbeziehung nicht zu erkennen, die viele Höhen und einige Tiefen erlebt und durchstanden hat.

          Manchmal wird der Wert eines Spielers besonders dann deutlich, wenn er gar nicht dabei ist und jeder merkt, dass irgendetwas Wichtiges fehlt. Rafael Nadal wurde vor zwölf Monaten bei den Australian Open in Melbourne schmerzlich vermisst, und dabei war vor allem die Sorge groß, ob man ihn überhaupt noch einmal auf der Tour erleben würde. Im Juni 2012 hatte der Spanier in Wimbledon in fünf Sätzen gegen den Tschechen Lukas Rosol verloren und war danach vom Platz gehumpelt.

          Seine Kniebeschwerden ließen das Schlimmste befürchten - erst recht, als er in der Folge die Teilnahme an der amerikanischen Hartplatzserie und auch für die US Open absagen musste. Er kehrte schließlich bis zum Ende des Jahres nicht zurück. Als er dann auch noch für die Australian Open passen musste, schwang große Skepsis bei allen Prognosen mit. Vielleicht würde er ja wiederkommen, aber würde er jemals wieder der Alte sein? „Es wird lange dauern. Er wird mindestens so lange brauchen, um wieder die alte Form zu bekommen, wie er pausiert hat“, prophezeite Andre Agassi.

          In den Pausen verzückt er die Fans regelmäßig mit dem Wechsel des Shirts

          Der amerikanische Tennis-Rentner sollte sich wie alle täuschen, denn was danach geschah, übertraf alle Erwartungen. Der Spanier erreichte bei einem kleineren Sandplatz-Turnier in Viña del Mar in Chile auf Anhieb das Finale - und es blieb die letzte Niederlage für eine lange Zeit. Nadal gewann sieben Turniere nacheinander, darunter zum achten Male die French Open, aber vor allem auch das Hartplatz-Masters in Indian Wells. Doch als er im Juni wieder in der ersten Runde geschlagen vom Rasen in Wimbledon humpelte, wurde abermals das Schlimmste befürchtet.

          Dieser Körper, vor allem dieses Knie, schien den Belastungen, denen ein Tennisprofi ausgesetzt ist, nicht mehr standzuhalten. Zweieinhalb Monate später aber siegte Nadal zum zweiten Male in seiner Laufbahn bei den US Open, und im Oktober war es dann so weit: Der Spanier war erstmals seit Juli 2011 Mann wieder Weltranglistenerster. Am Ende des triumphalen Comeback-Jahres 2013 standen zehn Turniersiege zu Buche - nur 2005 hatte er mit elf Triumphen eine bessere Bilanz erreicht.

          Das genaue Anlegen des Stirnbands dürfte jeder Mutter gefallen

          In Melbourne steht er dennoch bislang nicht so sehr im Fokus - die ganz große Aufmerksamkeit gilt dem Gespann Djokovic/Becker oder der Frage, ob Federer mit der Hilfe von Edberg das Rad der Zeit noch einmal zurückdrehen kann. Nadal geht derweil seiner Arbeit wie eh und je nach, trocknet sich nach jedem Ballwechsel gründlich ab, zupft seine Kleidung vor jedem Aufschlag zurecht und fährt sich mit den Fingern durch das Gesicht.

          Dann richtet er seine beiden Trinkflaschen bei jedem Seitenwechsel sorgfältig aus, wechselt zur Freude der weiblichen Fans nach jedem Satz sein Trikot, faltet danach sein Kopftuch wieder sorgfältig und so überaus akkurat zu einem Stirnband zusammen, dass jeder Mutter das Herz aufgehen müsste über einen so gut erzogenen und ordentlichen Sohn. Es ist alles so, wie es immer war, und weil auch der lange obligatorische Streifen Tape am Knie fehlt, deutet nichts darauf hin, dass ihn aktuell irgendetwas behindert.

          Das Spiel in Melbourne ist eine schweißtreibende Angelegenheit

          „Ich habe ihn selten besser gesehen als heute“, sagte Gael Monfils am Samstag nach der Night Session in der Rod-Laver Arena. Wie schnell sein Gegenüber Fortschritte macht, erlebte der Franzose am eigenen Leib, denn Anfang Januar hatte er ihm bei der Niederlage im Finale des Vorbereitungsturniers in Doha eine harte Auseinandersetzung auf Augenhöhe geboten. Diesmal war Monfils, sosehr er sich mit seiner spektakulären Spielweise auch mühte, beim 1:6, 2:6 und 3:6 absolut chancenlos.

          „Ich bin sehr zufrieden, aber ich habe erst das Achtelfinale erreicht, das ist alles“, sagte Nadal, der nun auf den Japaner Kei Nishikori trifft. Dort, wo er vor einem Jahr so sehr fehlte, könnte er am Ende die großen Schlagzeilen ganz allein für sich haben. Würde er am kommenden Sonntag die Trophäe in die Luft halten, hätte er mit dann 14 Grand-Slam-Titel nicht nur mit Pete Sampras gleichgezogen.

          Kein großer Name, sondern ein Familienmitglied: Trainer und Onkel Toni (links)

          Er wäre nach den Australiern Rod Laver und Roy Emerson in den sechziger Jahren auch erst der dritte Spieler, der alle Grand-Slam-Turniere mindestens zweimal gewonnen hätte. Zu belasten scheint ihn diese historische Chance nicht. „Das Wichtigste ist die Gesundheit. Wie man mental eingestellt ist, das hat man selbst in der Hand. Aber die Gesundheit kannst du nicht beeinflussen“, sagt er. Wer wüsste das schon besser als das größte Stehaufmännchen der Tour.

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