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Aus dem Hühnerstall zur EM : Frank Stäbler als schwäbischer Gladiator

Neue Trainingsstätte: Frank Stäbler (oben) ringt in seinem Worldcamp mit dem iranischen Trainingspartner Mohamed Papi. Bild: dpa

Die Ringer-Europameisterschaften in Rom sind für Frank Stäbler nur der Testlauf für die Olympischen Spiele in Tokio. Das letzte halbe Jahr seiner internationalen Karriere geht der dreifache Weltmeister im selbst gebauten „World Camp“ an.

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          Für Frank Stäbler ist der Schauplatz der Europameisterschaft im Ringen perfekt gewählt. „Rom ist für mich das Kolosseum, die klassische Stätte der Gladiatoren“, sagt er. „Einen besseren Ort hätte es für meine letzte Europameisterschaft nicht geben können.“ Der dreimalige Weltmeister startet an diesem Dienstagvormittag mit seinem Achtelfinal-Kampf gegen den Mazedonier Anatolie Popov in sein letztes Halbjahr im internationalen Ringen. Und auch wenn die Wettkämpfe weder im Kolosseum, noch vor Zuschauermassen wie einst im klassischen Rom bei den großen Gladiatorenkämpfen stattfinden, so inhaliert der 30 Jahre alte Ringer aus Musberg in Schwaben doch den Geist des Altertums. „Ich sehe mich schon in der Tradition der antiken Kämpfer“, sagt er. „Deshalb inspiriert mich der Gedanke ans alte Rom.“

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dennoch ist die EM für den „Gladiator aus Musberg“ nur eine Zwischenstation. Am 5. August ist sein Jahreshöhepunkt, wenn er bei den Olympischen Spielen um die Goldmedaille ringen will. „Olympia überstrahlt alles in diesem Jahr, die Europameisterschaft ist für mich der Aufgalopp Richtung Tokio“, sagt Stäbler. „Aber wenn ich schon mal in Rom bin, dann will ich auch etwas erreichen.“

          Die EM stellt für Stäbler aber auch in anderer Hinsicht einen Einschnitt dar. Vergangene Woche hat er sein eigenes Trainingszentrum eröffnet, das er selbstbewusst „Frank Stäbler World Camp“ nennt. Auf dem Bauernhof seiner Eltern haben Vater und Großvater sowie ein Freund der Familie in gut 4000 Arbeitstunden den alten Hühnerstall binnen sieben Monaten aus einem Bretterverschlag in eine Ringerhalle verwandelt. Fast mehr noch als der Olympia-Testlauf in Rom ist das für ihn der Startschuss gewesen für seine letzte große Mission. „Wenn ich hier trainiere, motiviert mich das ganz besonders“, sagt Stäbler. „Das ist mein eigener Raum, erbaut durch aufopferungsvolle Hilfe meiner ganzen Familie. Der Raum allein ist für mich zusätzlicher Ansporn.“

          Der Umbau wurde nötig, da Stäbler in den vergangenen Jahren zum Opfer einer Provinzposse wurde: Aufgrund eines stark persönlich geprägten Zwists mit Joachim Beckmann, dem Vorsitzenden des TSV Musberg und Ehemann von Stäblers „Lieblingslehrerin aus Grundschulzeiten“, spalteten sich die Ringer ab und gründeten den KSV Musberg. Danach eskalierte der Streit um Nutzungszeiten für den Ringerraum in der städtischen Sporthalle in dem eingemeindeten Ortsteil von Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart. Beckmann bezeichnete als Auslöser finanzielle Alleingänge der Ringer zu Lasten des Gesamtvereins, die Ringer unterstellen Beckmann einen persönlichen Feldzug aus Neid auf die Erfolge der einstigen Abteilung. Zuletzt sollte Stäbler mit vier morgendlichen Einheiten und zwei abendlichen Trainingsterminen mit Sparringspartnern auskommen. Hinzu gesellten sich haltlose, im Ort gestreute Gerüchte, Stäbler habe beim Auszug aus dem Ringerraum Trainingspuppen ungefragt mitgenommen. Tatsächlich kann der Ringer mit Quittungen nachweisen, dass die Puppen ihm oder seinem Trainer gehören.

          Alter Hühnerstall: Frank Stäbler vor seinem World Camp.
          Alter Hühnerstall: Frank Stäbler vor seinem World Camp. : Bild: dpa

          „Das ist eine Farce“, sagt der Ringer. Schon in den vergangenen beiden Jahren wich er deshalb meist auf den elterlichen Bauernhof aus, wo er zumindest im Sommer im alten Kuhstall neben Traktoren trainieren konnte, bis der Vater auch die letzten 100 für die Ringermatte ausgesparten Quadratmeter fürs eingefahrene Getreide benötigte. „Für die Olympiavorbereitung waren das jetzt keine Zustände mehr“, sagt Stäbler. „Deshalb hat mein Vater nun den Umbau für mich vorangetrieben.“ Vor gut einer Woche holte er letzte eigene Gegenstände aus dem Ringerraum und verabschiedete er sich von dem Trainingsplatz, an dem er seit ersten Gehversuchen im Alter von vier Jahren an seinem Werdegang gearbeitet hat. „Irgendwie habe ich nichts mehr gespürt als Kälte. Der Raum gehört nicht mehr zu mir“, sagt er. „Ich habe jetzt eine neue Heimat.“

          Gewichtstortur erst bei Olympia

          So kann er die tägliche Fron außerhalb von Trainingslagerzeiten beim Nationalteam nun in der Ruhe des Hühnerstalls erledigen: Den Olympiaplatz hatte sich der erfolgreichste deutsche Ringer des vergangenen Vierteljahrhunderts bereits im September bei der Weltmeisterschaft in Kasachstan gesichert, wo er nach einer empfindlichen vorzeitigen Niederlage gegen den Kubaner Ismael Borreiro die Bronzemedaille gewann. In Nur-Sultan hatte der Weltmeister der Jahre 2015, 2017 und 2018 große Schwierigkeiten, nachdem er auf die für die olympische Gewichtsklasse nötigen 67 Kilogramm „abgekocht“ hatte.

          Für die EM bleibt ihm diese Tortur erspart. Stäbler tritt in der Klasse bis 72 Kilogramm an, die zu seiner Konstitution passt. In der Ringersprache geht er als „vollgefressener 67er“ in den Kampf. Erst danach muss er seinen auch so voll austrainierten Körper bis August mit einer speziellen Diät und am Ende gut fünf quälenden Tagen mit nur minimaler Flüssigkeitszufuhr auf das olympische Limit herunterhungern. Der Hühnerstall passt da als Trainingsumgebung ganz gut.

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          „Abkochen“ mit Ringer Stäbler : Der Kampf vor dem Kampf Bild: Privat

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