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Aufstand der Schwimmer : „Macht einfach nicht mehr mit!“

  • -Aktualisiert am

Sarah Sjöström ist eine Schwimmerin, die den Status quo nicht mehr hinnehmen möchte. Bild: Picture-Alliance

Die Stars des Schwimmens staunen über ein Zukunftskonzept, das ihnen viel Geld garantiert, und legen sich mit den Mächtigen an. Um ihre Forderungen zu erreichen, sind sie offenbar bereit, sehr weit zu gehen.

          Sarah Sjöström lacht laut auf, als sie diese Zahl mit den sechs Nullen fett gedruckt am Ende einer Aufstellung sieht, die von den Machern der International Swimming League (ISL) aufgemacht wurde. Sjöström ist ihr Beispiel. Die ISL hat in London mit rund 30 Weltklasseschwimmern über eine neue Profi-Liga diskutiert. Um ihnen aufzuzeigen, welchen Wert sie als Hauptdarsteller jener Auftritte haben, die Organisationen wie dem Weltverband Fina oder dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) Milliarden einbringen, rechnen sie detailliert vor.

          Bei zu erwartenden Einnahmen von sieben Milliarden Dollar durch Tokio 2020 könnte jemand wie Sarah Sjöström, Schwedens Olympiasiegerin, durch Prämien für die Teilnahme und jedes erreichte Finale, Preisgelder für erschwommenes Gold, Silber, Bronze sowie für einen vierten Platz auf sechs Millionen Dollar kommen. Vorausgesetzt, alle Schwimmer – Kernsportart im Zeichen der fünf Ringe – würden mit 50 Prozent beteiligt. Es wäre das Sechshundertfache von dem, was Sjöström für ebendiese Leistungen nach Rio 2016 tatsächlich in der Tasche hatte.

          50 Prozent. Das war in London immer wieder zu hören. Das ist der Anteil, den die ISL den Schwimmern und Teams verspricht, die in dieser Profi-Liga gegeneinander antreten. Auch von anteiligen Prämien für Nachwuchsvereine und Ausgleichszahlungen an Profiteams, wie sie die Fifa etwa an die Klubs der WM-Spieler leistet, war an diesen Tagen voller Zukunftskonzepte die Rede. All das hörten die besten Schwimmer der Welt – und staunten. Und während sie in Workshops schwarz auf weiß gezeigt bekamen, was ihnen zustehen sollte, ging es zwischen den Präsentationen vor allem darum, wie sie Ansprüche gegenüber dem Schwimm-Weltverband (Fina) geltend machen könnten, der dank der Schwimmer rund 100 Millionen Dollar im Jahr einnimmt, aber nicht einmal zehn Prozent weitergibt, an ohnehin nur wenige Schwimmer.

          Es ging um die Gründung einer unabhängigen globalen Interessenvertretung, angeführt von Olympiasiegern und Weltmeistern. Das ist bisher nie gelungen. Weil Schwimmen ein Individualsport ist, weil man sich mit dem Status quo abgefunden hat, weil der Traum von der WM oder Olympia größer war als jeder Unmut über fehlenden Respekt seitens der Fina unter einer ohnehin skandalgeprägten Führung, die Doping-Sünder hofiert und zugunsten des besten TV-Deals zulässt, dass olympische Finals mal in der Nacht, mal in den frühen Morgenstunden aufgerufen werden.

          „Es geht nicht nur um Geld, es gibt tausend andere Punkte“, sagt daher auch Adam Peaty. Der englische Olympiasieger kritisiert vor allem die Führung der Fina. „Was spricht denn dagegen, dass ein Präsident mal kommt und uns fragt: Was braucht ihr? Die Fina hat uns nie zugehört und tut es auch heute nicht.“ Stattdessen drohe sie mit Sperren, sollten sie sich dem Wettkampfmonopol der Fina widersetzen. Peaty sagt: „Es geht vor allem um den fehlenden Respekt.“ Und nun ist da also die ISL, die den Schwimmern zeigt, was sein kann. Sie bietet ihnen eine echte Alternative.

          Sport, Spaß und Geld: Athleten wie Olympiasiegerin Katinka Hosszu stehen zum Konzept der ISL.

          Cameron van der Burgh aus Südafrika sieht in der ISL und ihrem Finanzier Konstantin Gregorischin den Katalysator für die Revolution: „Die Athleten hatten vorher niemanden, der sie aufgeweckt und zum Nachdenken angeregt hat“, sagt der Olympiasieger, der nach zwei Siegen bei der Kurzbahn-WM in China vergangene Woche seine aktive Karriere beendet hat. „Sie sind es gewohnt, dass es keine Gehälter, keine Rente, keine Krankenversicherung gibt – aber nun fragen sie sich: Warum eigentlich nicht?“ Die Schwimmer sind sich bewusst darüber, dass sie sich auf einen langen Kampf vorbereiten müssen, dass es Jahre dauern kann, bis sich ihr Sport zu ihren Gunsten verändert.

          In London wurden keine Vorsitzenden gewählt oder Erklärungen aufgesetzt. Zunächst einmal wurden in einem gemeinsamen Treffen der Schwimmer alle Anwesenden auf den gleichen Stand gebracht. Man habe viel verlorene Zeit wettzumachen, hieß es. Einige hätten sich bereiterklärt, Verantwortung für die nächsten Schritte zu übernehmen. „Wir sind auf jeden Fall weiter, als wir vor drei Tagen waren“, sagt die amerikanische Olympia-Zweite Lia Neal, 23 Jahre alt.

          „Ich werde mich nicht in eine Ecke mobben lassen“: Adam Peaty.

          Dass eine Athletenvertretung Verpflichtungen mit sich bringt, machte Rachel Aleks deutlich, die als Expertin für Arbeitnehmerrechte von der ISL eingeladen wurde. „Ihr müsst zusammenstehen. Denn: Eine Menge Leute werden nicht glücklich darüber sein.“ Die Professorin von der Cornell-Universität im Bundesstaat New York machte den Schwimmern klar, dass sie die Macht in diesem Kampf haben. „Ihr seid die Profis, ihr seid nicht ersetzbar. Nutzt das, um die Fina zu Verhandlungen an den Tisch zu bringen. Und wenn nötig: Zieht eure Arbeit zurück. Macht einfach nicht mehr mit!“ Arbeitskampf? Ein Boykott von Weltmeisterschaften, von Olympischen Spielen? Das könne nur die letzte Option sein, da waren sich alle einig. Denn: Sie alle wollen weiterhin an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen teilnehmen.

          Natürlich hätte sie auch darüber gesprochen, „doch ich denke, dass das dem Sport schaden würde“, sagt die Ungarin Katinka Hosszú, die in denKalifornien zusammen mit zwei weiteren Schwimmern eine Sammelklage gegen das Wettkampfmonopol der Fina eingereicht hat. Das Ziel sei eine respektvolle Zusammenarbeit mit der Fina. Doch wenn es hart auf hart kommen sollte, so Hosszú weiter, wenn es anders nicht ginge – „dann wäre ich dabei“. Dass die Fina ihrerseits mit ihren Drohungen Ernst macht und Schwimmer sperren würde, glaubt seit diesen Tagen in London niemand mehr. Peaty sagt: „Das Wichtigste ist, das wir nun wissen, dass wir am längeren Hebel sitzen. Wenn sie einen von uns sperren, dann gehen wir alle.“

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