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Aufregung im Rugby : „Eines der hässlichsten Spiele, das ich je gesehen habe“

  • -Aktualisiert am

Nicht wirklich zufrieden nach dem Spiel: Schottlands Sam Johnson Bild: Reuters

Es geht hart zu im Rugby, manchmal mit Worten, manchmal mit Taten – zu sehen beim Six-Nations-Duell zwischen Schotten und Engländern. Anschließend werden Befürchtungen laut.

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          Mit zwei Sachen müssen sich die Kick-Spezialisten bei Rugby-Spielen auf professioneller Ebene nur äußerst selten auseinandersetzen. Mit dem Wind und den Pfiffen der Zuschauer. Mit beidem bekam es allerdings Englands Kapitän Owen Farrell am Wochenende im schottischen Rugby-Tempel Murrayfield in Edinburgh zu tun. Beim Six-Nations- Turnier, das so etwas wie eine Europameisterschaft im Rugby ist.

          Und England, der Weltmeisterschaftszweite, hatte nach der Auftaktniederlage gegen Frankreich bereits mit dem Rücken zur Wand gestanden. Lediglich 3:3 stand es nach etwas mehr als einer Stunde – und das vor allem auch, weil Farrell gleich drei Penalties aus aussichtsreicher Position vergeben hatte. Ob es dabei Sturm Ciara oder die Abneigung des schottischen Publikums gewesen war, was dem eigentlich sicheren Farrell die Sicherheit genommen hatte, war nach dem 13:6-Sieg der „Red Roses“ aber kein Thema mehr. Denn für noch mehr Getöse hatten andere Begleiterscheinungen gesorgt.

          Dreck an der „Teekanne“

          „Es war eines der hässlichsten Spiele um den Calcutta-Cup, die ich in meiner Karriere gesehen habe“, fasste Sir Ian McGeechan, der wohl erfolgreichste Nationaltrainer Schottlands, seine Eindrücke zusammen. „Hier zählte das Ergebnis sichtbar mehr als die Performance.“ Die Männer von Englands Nationaltrainer Eddie Jones waren hingegen erleichtert. Sie waren mit viel Pragmatismus und „Kicking Rugby“ erfolgreich gewesen. Der Calcutta-Cup ist die Trophäe, die dem Sieger des Rugby-Spiels zwischen England und Schottland innerhalb des Six-Nations-Turniers verliehen wird. Und dieses Mal klebte sozusagen einiges an Dreck an der 1879 erstmals verliehenen „Teekanne“.

          Dass der 127. Calcutta-Cup ein besonderer werden würde, ahnte man bereits, als zahlreiche schottische Anhänger ankündigten, die Erzrivalen aus dem Süden mit EU-Flaggen und Anti-Brexit-Statements zu begrüßen. Besonderes Ziel sollte jedoch Jones sein, der vor zwei Jahren an gleicher Stelle schon einmal von zwei schottischen Fans aufs übelste beschimpft worden war und den auch dieses Mal, beim Eintreffen des Mannschaftsbusses etwa, eine aufgepeitschte Meute erwartete. Am Ende war Neil Craig, einer der englischen Teambetreuer, von einer Plastikbierflasche am Kopf getroffen worden, was jetzt einen Untersuchungsausschuss beschäftigt und Jones zu einem seiner sarkastischen Kommentare veranlasste. „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass wir hier mit Bierflaschen beworfen werden, das ist ein neuer Trick“, sagte der Australier. „Es ist eine ziemlich gute Leistung, Bierflaschen zu werfen. Du musst mutig sein, eine Bierflasche zu werfen. Neil hat einen harten Kopf ... es wird ihm nicht viel ausmachen am Ende.“

          Bloß schnell die Hand wegziehen: Der Engländer Owen Farrell wurde beim Kick von einem Kollegen unterstützt, der – bei Wind – den Ball festhielt.

          Zwar zeigte ein in den sozialen Medien veröffentlichtes Video, dass die Flasche wohl vielmehr vom starken Wind vom Dach des englischen Teambusses geweht worden war. Aber der Vorfall illustriert in jedem Fall, dass in den Six Nations und vor allem dann, wenn England samt Jones involviert ist, ein sehr scharfer Ton angeschlagen wird. Schon vor dem Spiel gegen Frankreich hatte Jones in Richtung Paris die Nachricht geschickt, dass die Franzosen mit „absoluter Brutalität“ zu rechnen hätten. Jetzt sagte Jones unter anderem, dass die Schotten kleinlich seien. Auch sein Flügelstürmer Lewis Ludlam mischte sich ein, er sagte: „Sie hassen uns, und wir hassen sie.“ Und: „Im Spiel wird es Krieg geben.“

          Einigen Beobachtern schien es deshalb angebracht, ein paar klare Botschaften an die Polemiker zu senden. So hieß es beispielsweise im britischen „Telegraph“: „Natürlich kann man das so im Boxen machen – sich hassen und dann nach dem letzten Gong umarmen. Aber die Six Nations sind kein Preiskampf mit der Absicht, den anderen zu verletzen, und es ist sicherlich kein Krieg. Und genau deshalb haben wir im Rugby auch keine Probleme mit Fangewalt. Es ist an der Zeit, dass Eddie Jones daran erinnert wird.“ Der wiederum deutete auf den schottischen Anhang: „Ich habe, ehrlich gesagt, in noch keinem meiner Rugby-Spiele solch ein unfaires Publikum erlebt. Mir kann es ja egal sein, ich werde hier vielleicht nie wieder an der Seitenlinie stehen. Aber es ist kein gutes Gefühl zu merken, wenn Rugby auf dem Weg ist, seine Kultur des Respekts zu verlieren.“

          Damit machte Jones ganz nebenbei darauf aufmerksam, dass England mit seiner Mitarbeit nicht mehr unbedingt bis zur nächsten Weltmeisterschaft 2023 in Frankreich rechnen kann. Das Arbeitspapier mit dem Australier läuft nur noch bis zum Juli des nächsten Jahres, und auch deshalb reißen Spekulationen um seine Nachfolge nicht ab. Jones’ Ansehen war durch die Niederlage gegen Südafrika im WM-Finale vor drei Monaten und durch den Rückschlag bei den Six Nations gegen Frankreich merklich gesunken. Und nun nach dem knappen Sieg über Schottland sah sich der englische Rugby-Verband (RFU) schon wieder gezwungen, ein Gerücht um einen möglichen neuen Coach zu entkräften. Weltmeister-Trainer Rassie Erasmus aus Südafrika war am Samstag in Murrayfield dabei, worauf eine südafrikanische Zeitung behauptete, die Engländer hätten mit Erasmus Gespräche über eine Kooperation geführt. Bill Sweeney, Chef der RFU, dementierte schnell. „An diesem Bericht ist rein gar nichts dran.“

          Für die Reizfigur Jones bietet sich jetzt mit seinem Team in zwei aufeinanderfolgenden Heimspielen gegen Irland und Wales die große Chance, die Scharte gegen Frankreich auszubügeln. Die Franzosen gewannen am Sonntag in Paris gegen Italien und müssen am 22. Februar zum ersten Auswärtsspiel gegen Wales antreten. Leisten sie sich keinen Patzer mehr, kommt es im allerletzten Spiel der Six Nations am 14. März möglicherweise zum Showdown gegen die bisher ebenfalls noch ungeschlagenen Iren. All das dann vielleicht mit weniger martialischen Auseinandersetzungen als in Murrayfield.

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