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Die Doping-Quittung : Lance Armstrongs Papierkrieg

  • -Aktualisiert am

Gewitterstimmung über Lance Armstrong: Der Mann, der die Tour dominierte, wird von seinen Doping-Taten eingeholt Bild: dpa

Zehn Millionen sind erst der Anfang: Wie teuer werden die Manipulationsversuche für den Radstar noch? 2015 könnte ein ganz bitteres Jahr für Lance Armstrong werden.

          Von all den Manipulationsversuchen, zu denen sich der amerikanische Radprofi Lance Armstrong einst hinreißen ließ, um seine Konkurrenten abzuhängen, genießt eine einen besonderen Rang. Es ist seine Aussage vom November 2005 in einer Rechtsanwaltskanzlei in Austin: Kaltblütig ging er das Risiko einer mehrjährigen Haftstrafe ein und schwor, dass er noch nie irgendwelche verbotenen leistungssteigernden Mittel genommen habe. Ins Gefängnis muss der 43-jährige Texaner deshalb nicht, obwohl er vor zwei Jahren die ganze Litanei seiner Doping-Historie eingestand. Die Falschaussage war zu jenem Zeitpunkt bereits verjährt.

          So konnte das Schiedsgericht, das sich in den letzten Monaten noch einmal mit dem damals verhandelten Rechtsstreit beschäftigte, nur zwei Dinge tun: Das Verhalten des ehemaligen Radprofis in der Urteilsbegründung als „beispielloses Schauspiel aus internationalem Meineid, Betrug und verbrecherischer Verschwörung“ brandmarken. Und ihn sowie seine damalige Managementfirma Tailwind dazu verurteilen, 10 Millionen Dollar zu bezahlen. Eine Summe, die 2,5 Millionen Dollar über dem Prämienbetrag liegt, den er sich in der damaligen Auseinandersetzung mit dem Spezialversicherungsunternehmen SCA mit seinen Lügen im Zeugenstand erstritten hatte.

          Die Entscheidung wurde am Montag bekannt, hatte sich aber schon vor einer Weile abgezeichnet, als Armstrong vor einem ordentlichen Gericht mit dem Versuch gescheitert war, so etwas wie Immunität nicht nur gegen die strafrechtlichen Konsequenzen, sondern auch gegen die finanziellen Forderungen von SCA zu reklamieren.

          Auch in der noch immer anhängigen Auseinandersetzung mit der amerikanischen Post und dem Justizministerium in Washington, die für den Texaner theoretisch noch sehr viel teurer werden kann, kam er mit derart grundsätzlichen Einwänden nicht weiter. Das zeigte sich im Dezember, als zwei seiner einstigen Weggefährten und Ko-Konspiratoren, der frühere Manager Bill Stapleton und der enge Freund Barton Knaggs, ihre eigenen Verfahren mit einer außergerichtlichen Einigung beendeten. Sie erklärten sich bereit, jeweils 500.000 Dollar zu bezahlen. Damit wurde zum ersten Mal ein Orientierungswert jener Summen deutlich, mit denen die amerikanische Post als ehemaliger Sponsor des US Postal Radteams rechnen kann. Die dürften weit unter jenen 100 Millionen Dollar liegen, die oft genannt werden, wenn über den Rechtsstreit berichtet wird.

          Bekannte Taktik: Lance Armstrong lässt seine Gegner weiter unter Druck setzen

          Armstrong wäre bereit gewesen, berichteten amerikanische Medien, fünf Millionen Dollar zu bezahlen. Das war den Klägern eindeutig zu wenig. Eine Gruppe, zu der auch der ehemalige Mannschaftskamerad Floyd Landis gehört, der das Verfahren in Gang gebracht hatte und dem bis zu 30 Prozent der eingetriebenen Schadenersatzsumme zustehen. Das Geld braucht der 39-jährige Landis dringend. Er ist arbeitslos und steht selbst mit einem Bein im Gefängnis. Es sei denn, er treibt eine halbe Million Dollar auf, um Spendern das Geld zurückzubezahlen, mit dem sie ihn bei seinem vergeblichen und betrügerischen Versuch unterstützt hatten, die Befunde seiner positiven Doping-Probe von der Tour de France 2006 zu diskreditieren.

          Armstrong hat in der Auseinandersetzung mit der Post ein gewieftes Team von Juristen auf seiner Seite, die es auf einen geschickten Papierkrieg abgesehen haben. Im noch laufenden Vorverfahren werden potentielle Zeugen unter Druck gesetzt. So erhielt der ehemalige US-Postal-Fahrer Frankie Andreu, der zusammen mit seiner Frau Betsy zu den geradlinigsten Zeugen von Armstrongs Doping-Praktiken gehörte, vor ein paar Wochen aus heiterem Himmel eine Vorladung. Andreu soll nicht nur aussagen, sondern alle Schriftstücke beibringen, die den Informationsaustausch mit seiner Frau, mit Landis und Doping-Fahnder Jeff Novitzky belegen. Die Taktik sorgt für wirtschaftliche Bedrängnis. Denn nun müssen sich die Andreus einen Anwalt nehmen, der in der Lage ist, das Ansinnen mit den nötigen formaljuristischen Argumenten abzuschmettern.

          Ehemaliger Armstrong-Weggefährten Floyd Landis (r.): Pleite und mit einem Bein im Gefängnis

          Tatsächlich interessiert sich Armstrongs Seite vor allem für die Arbeit von Novitzky und jenem Team der Bundesstaatsanwaltschaft, das zwischen 2010 und 2012 Fahrer wie Tyler Hamilton und andere Zeugen dazu gebracht hatte, zum ersten Mal unter Eid ihr Wissen preiszugeben. Nach der Beweislage schien die Prozesseröffnung wahrscheinlich, doch das Verfahren wurde vor drei Jahren überraschend eingestellt. Die Akten sind unter Verschluss. Auch Armstrong hat keinen Zugang.

          Dabei dreht es sich im Schadenersatzprozess der Post im Kern um die Frage: Gab es einen finanziell messbaren Schaden? Und wenn ja, wie hoch war er? Die Anwälte des Texaners machen diese Rechnung auf: Die Post habe damals „genau das bekommen, was sie ausgehandelt“ hatte: „einen Sieger und die Öffentlichkeit und den Applaus, den man als Sponsor haben kann.“ Schaden? Ganz im Gegenteil. Dieses Argument passt zu den Versuchen von Armstrong, immer wieder sein beschädigtes öffentliches Image zu reparieren. Seine zentrale Botschaft lautete: Zu seiner aktiven Zeit seien alle Spitzenfahrer gedopt gewesen. Er müsse ungerechtfertigterweise als Sündenbock herhalten.

          Allerdings spielt ihm das Leben hin und wieder beim Beschönigen einen Streich. Wie etwa im Januar in Aspen, als seine Lebensgefährtin zunächst die Verantwortung für einen nächtlichen Autounfall übernahm, für den es keine Zeugen gab. Nur einen Tag später, nachdem es für einen Alkoholtest zu spät war, gab sie zu: Armstrong selbst habe am Steuer gesessen. Abgesehen von zwei Bußgeldbescheiden hatte der Zwischenfall keine Konsequenzen. Nicht mal die ursprüngliche Lüge der Freundin. Die Polizei in Colorado ist gern gnädig: Jemand, der von sich aus die Wahrheit zugibt, dem bleiben die Mühlen der Justiz erspart.

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