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Auf den Spuren der Wunderläufer : Kenias Geheimnisse

  • -Aktualisiert am
Trainer Colm O’Connell brachte die beiden vergangenen 800-Meter-Weltrekordhalter Wilson Kipketer und David Rudisha heraus

Der deutsche Gast erfuhr auch aus erster Hand, dass er sich bei manchen kenianischen Wunderzeiten nur wundern konnte. Ein Beispiel. Colm fragte Rudisha, ob er den neuen U-18-Weltmeister kenne, der ja ein Massai wie er sei. Dessen Rekordzeit lag jetzt bei 1:44,08 Minuten. „Ja“, kam die Antwort des 23-Jährigen, „und er ist älter als ich.“ Wohl durch Bestechung erhalten in Kenia die Läufer jede Geburtsurkunde, die sie möchten. Danach durfte Fehr feststellen, dass auch in Kenia der Leistungshöhepunkt kaum vor einem Alter von 25 Jahren erreicht wird. Genauso wie in Deutschland. Fehr sagt: „Wenn wir die Superleistungen von ostafrikanischen Teenagern hören, resignieren viele schon, ohne zu bemerken, dass wir in die Irre geführt werden.“

Als Erklärung für die kenianische Überlegenheit bliebe demnach besonders die Motivation übrig, aus der Armut herauszukommen. Ein Läufer sagte einmal, 95 Prozent von ihnen entstammten aus sehr armen Familien. Die Höhenlage spielt allenfalls eine kleine Rolle. Hilfreich ist auch das Klima, das einzigartig gerade in der Gegend um Eldoret herum ist - ausgesprochen bekömmlich, mit Temperaturen zwischen 12 Grad nachts und 25 Grad tagsüber.

Wertvolle Erkenntnisse

Doch eine neue Sorge treibt die Verantwortlichen in Kenia um. Es besteht die Gefahr, dass sie sich „zu Tode“ siegen. Schon hat die IAAF den Turnus der Cross-Weltmeisterschaften von jährlich auf alle zwei Jahre geändert. Wenn den Kenianern überhaupt noch einer dazwischen funkt, dann ist es der Nachbar aus Äthiopien. Dagegen, dass die starken Weißen in den Laufwettbewerben allmählich verschwinden, unternehmen in erster Linie die Amerikaner enorme finanzielle Anstrengungen. Das „Go West“ der ersten Siedler liegt ihnen offenbar noch im Blut. Die Neugier auf ein Abenteuer jenseits des Horizonts. Über 10.000 Meter taucht in diesem Jahr in der Weltbestenliste unter 19 Kenianern und fünf Äthiopiern der Amerikaner Galen Rupp (26:48,00 Minuten) auf Platz vier auf. Und zur Zeit trainieren nicht weniger als 80 britische Langstreckler und Marathonläufer oben in Iten, finanziert vom Londoner Marathon-Veranstalter. Die Olympischen Spiele in London werfen ihre Schatten voraus. Fehr und sein Trainer dagegen finanzierten ihre Reise selbst.

Sie erhielten jedenfalls, was sie wollten: leben und trainieren mit den Einheimischen. Und eine Menge neuer wertvoller Erkenntnisse. Allein Dieter Baumann suchte erstmals vor seinem 5000-Meter-Olympiasieg in Barcelona 1992 die Begegnung mit der kenianischen Konkurrenz. Danach flog er jährlich zum Trainingslager Niahururi, anfangs ganz allein. Den Mutigen gehört die Welt. In Fehr hat wieder ein Schwabe den gleichen Ehrgeiz. Nach fast zwanzig Jahren.

Dass er offene Türen einrannte, lag dann an dem immer dringlicheren Wunsch auch seiner Gastgeber Colm und Simba, dass einzig Konkurrenz auch das Laufgeschäft wieder beleben möge. Und der junge Deutsche könnte irgendwann ein willkommener Gegenspieler sein.

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