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Atsu Dzidzienyo : „Sport hat mein Leben gerettet“

Vom Außenseiter entwickelte sich der junge Mann zum Vorbild einer Generation von Behinderten Bild: Privat

Mit neun verliert er praktisch beide Beine und ist plötzlich auf sich alleine gestellt. Wie der Ghanaer Atsu Dzidzienyo auf Händen sein Leben meistert und ein Projekt der Vereinten Nationen Mut macht.

          5 Min.

          Mit neun Jahren verlor Atsu Dzidzienyo praktisch beide Beine. Er konnte nicht mehr mit ihnen gehen, er konnte nicht mehr auf ihnen stehen. Nach einer ärztlichen Behandlung, erzählt er, waren sie von einem Tag auf den anderen plötzlich gelähmt. Atsu war am Boden. Nicht nur, dass es in Dodowa, dem armen Ortsteil im Westen von Akkra, der Hauptstadt Ghanas, in dem er bis heute lebt, keine Krücken gab und schon gar keinen Rollstuhl. Seine Familie ließ ihn fallen. „Sie haben mich total abgelehnt“, erzählt er. Wie so viele Menschen in Afrika glaubten seine Mutter und seine Geschwister, ihn habe ein Fluch getroffen, Gottes Strafe.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Damals, vor sechzehn Jahren, war der Junge schlagartig auf sich allein gestellt. Eltern seiner Region verstecken Kinder, die mit einer Behinderung geboren werden, manche töten sie sogar. Seine Mutter verließ die Familie, zog zurück zu den Eltern, als ihr Mann befahl, den gelähmten Jungen nicht aus dem Haus zu werfen, sondern ihm wenigstens eine Schlafstätte zu lassen.

          Atsu, noch ein Kind, kroch oder krabbelte auf Hände und Arme gestemmt in den Busch. Mit Schlingen fing er Nagetiere und mit den Händen manchmal einen Fisch. Was er nicht aß, verkaufte er. Der Erlös der nimmermüden Jagd reichte, um das Schulgeld zu bezahlen. Denn das war Atsu klar: Er musste rechnen und schreiben können, um zu überleben.

          Inzwischen ist Atsu 25 Jahre alt, er nennt sich MacLean und ist so etwas wie eine Berühmtheit in Accra. „Gott nutzt mich, die Gesellschaft zu verändern“, sagt er bei einem Besuch in Berlin. Was er ausstrahlt, ist die Gewissheit, die ihm mehr war als jede Krücke. Vom Außenseiter entwickelte sich der junge Mann zum Vorbild einer Generation von Behinderten. Mit fünfzehn besaß der Gelähmte ein Gewehr, bald darauf Hunde, und schließlich begann er die in Ostafrika so beliebten und teuer bezahlten Nagetiere namens Grass-Cutters (Grasnager) nicht nur zu jagen, sondern auch zu züchten.

          Ein Trainer entdeckte ihn am Straßenrand. Er ermöglichte es dem jungen Mann, mit zwanzig Jahren zum ersten Mal in seinem Leben in einem Rollstuhl zu sitzen. Mit seinen riesigen Händen und seiner unglaublichen Oberkörpermuskulatur schien er wie gemacht für Basketball. MacLean Dzidzienyo schaffte es in die Auswahl für die Paralympics. Darüber hinaus will er sich für das Rennen über 1500 Meter bei den Commonwealth-Spielen im Juli in Glasgow qualifizieren. Sein Land wird lediglich zwei Behindertensportler schicken.

          „Was sind 260 Leute? Das kann man fragen“

          MacLean hat vor einigen Wochen in Südafrika seinen ersten Marathon gewonnen. Vom Preisgeld kaufte er sich ein kleines Grundstück. Seine Stelle als Kassierer einer Bank hat er inzwischen aufgegeben für seine Karriere als Profisportler. MacLean kämpft nicht mehr um seine nackte Existenz. Er kämpft für Ghana. „Seit das Fernsehen über mich berichtet und ich berühmt bin“, erzählt er, „spricht meine Familie wieder mit mir“. Die Mutter hat ihn um Vergebung gebeten, Brüder und Schwestern sind stolz auf ihn. „Vergebung ist nicht schwer, wenn man glaubt“, sagt er: „Gott vergibt.“

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