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Finale bei der ATP-WM : Pfiffe für Zverev bei seinem Meilenstein

Alexander Zverev steht im Endspiel der ATP-WM. Bild: Reuters

So hatte sich Alexander Zverev seinen großen Erfolg nicht vorgestellt. Der Deutsche besiegt Roger Federer und steht erstmals im ATP-Finale. Doch die Fans in London lassen Zverev ihren Unmut deutlich spüren.

          Alexander Zverev steht im größten Finale seiner Karriere und bat dafür beim Publikum um Entschuldigung. „Es tut mir leid für Roger, dass ich ihn besiegt habe und für das Publikum. Ich wollte nicht, dass es unter solchen Umständen zu Ende geht“, sagte der 21 Jahre alte Hamburger Tennisprofi wenige Minuten nach seinem Matchball, der ihn ins Endspiel des ATP-Finales der acht besten Spieler der Saison gebracht hatte. Dort trifft er an diesem Sonntag (19.00 Uhr MEZ bei Sky) auf den Serben Novak Djokovic, der sich im Halbfinale gegen Kevin Anderson aus Südafrika durchsetzte

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          In einer völlig ausgeglichenen Auseinandersetzung gewann der Deutsche 7:5, 7:6 (7:5) gegen Roger Federer und zog sich dabei den Unmut der Mehrzahl der knapp 20.000 Zuschauer in der O2-Arena in London zu. Die Schweizer Tennis-Ikone ist der Liebling der Fans. Auch im Halbfinale gegen Zverev waren die Sympathien eindeutig verteilt, wobei auch der Herausforderer der 37 Jahre alten Legende zwischendurch mit freundlichem Beifall bedacht wurde – wenn ihm ein außergewöhnlicher Schlag gelungen war.

          Das änderte sich im entscheidenden Tie-Break, als Zverev einen Ballwechsel unterbrach. Einem Balljungen auf der Seite Federers war versehentlich ein Ball aus der Hand gerutscht, der Deutsche fühlte sich in der Konzentration gestört. Der Ball hätte jedoch auch Federer ins Stolpern bringen können. Der Schiedsrichter akzeptierte deshalb Zverevs Eingriff und entschied, den Ballwechsel zu wiederholen. Was dem Publikum missfiel, obwohl ihr Liebling noch keinen Nachteil dadurch hatte. Aber wenn Federer aus dem Rhythmus gebracht wird, empfinden das die Fans schon als Frevel.


          Und als Zverev den Wiederholungsball zu einem Ass nutzte, war es um den Fairplay-Gedanken des Publikums ganz geschehen. Von diesem Moment an mischten sich Pfiffe in jede Aktion Zverevs. Nach jedem Punkt, nach dem Matchball, und als er zum Siegerinterview auf die Platzmitte gerufen wurde. Der junge Deutsche hatte deutlich zu schlucken, als er so viel Antipathie erfuhr. „Ich möchte mich für die Situation im Tie-Break entschuldigen. Ich weiß, dass Roger viele Fans hat. Und er hat zurecht die meisten Fans auf der Welt. Er ist der beste Spieler aller Zeiten und einer der besten Menschen überhaupt. Ich bin traurig, dass das passierte“, sagte Zverev fast schon devot. Danach ließen die Pfiffe der Zuschauer etwas nach.

          „Gut gemacht“, sagte Federer über Zverev und nahm die Entschuldigung am Netz gar nicht erst an: „Da gibt es nichts, wofür du dich entschuldigen musst.“ Federer hatte im Gegensatz zu seinen Fans keine Schwierigkeiten, die Niederlage zu akzeptieren. Die beiden kennen sich seit langem, und der Schweizer erkennt den langen Hamburger schon lange als legitimen Nachfolger an. Immer wieder einmal versorgt er Zverev mit einem guten Tipp, gerade in den dunklen Momenten der Karriere.


          Als der Deutsche vor anderthalb Jahren in Wimbledon nach einer unglücklichen Niederlage gegen Raonic am Boden zerstört war, ging Federer in der Umkleidekabine auf ihn zu und tröstete ihn. „Gib dir Zeit, mach dich nicht verrückt, bei mir dauerte es auch lange, bis ich bei den Grand Slams erfolgreich war.“ Seitdem ging es bei den vier Major-Turnieren zwar nur langsam weiter mit Zverev, aber insgesamt entwickelt sich seine Karriere prächtig. Drei Triumphe gelangen ihm bereits bei Masters-Turnieren, der höchsten Kategorie unterhalb der Grand-Slam-Ebene. In der Weltrangliste pendelt er beständig zwischen den Positionen drei und sechs. Dieses Jahr wird er als Vierter beenden. Und nun steht Zverev vor dem größten Endspiel und dem größten Sieg seiner jungen Laufbahn. Als letzter Deutscher erreichte Boris Becker vor 22 Jahren das Endspiel eines ATP-Finales.

          Der Hamburger wurde gefragt, ob denn ein Sieg über den Star der Branche nichts Besonderes mehr für ihn sei, weil er so wenig Empathie bei seinen Kommentaren aufbrachte: „Doch, es ist immer speziell, gegen Roger zu gewinnen. Aber ich habe morgen das Finale vor mir, da kann ich doch keine Champagnerkorken knallen lassen.“

          Favorit Roger Federer musste eine knappe Niederlage in London einstecken.

          Die Begegnung mit Federer hatte ein gutes, aber kein überragendes Niveau. Zverev konnte sich auf seinen Aufschlag verlassen. „Ich habe nichts umgestellt, ich mache nichts Besonderes, er kommt einfach“, sagte Zverev in London, wo er mit bis zu Tempo 230 serviert und in seinem letzten Gruppenspiel sogar das amerikanische Aufschlagwunder John Isner übertraf. Aber auch die längeren Ballwechsel vermochte er meist offen zu halten. „Ich wusste, ich muss aggressiv spielen, um eine Chance zu haben“, sagte Zverev: „Wenn ich Roger die Ballwechsel gestalten lasse, dann kann ich nicht gewinnen.“

          So verlief die Auseinandersetzung völlig ausgeglichen. Dass Zverev als Sieger aus ihr hervorging, lag nicht an seiner Intervention wegen des wegspringenden Balles. Federer unterlief danach ein leichter Volleyfehler zum einem Mini-Break zum 4:6, und Zverev nutzte seine erste Chance bei eigenem Aufschlag zum Matchgewinn. Was der Deutsche eine Stunde später, als er die Pfiffe verdaut hatte, dann doch noch als Happy End empfand. „Ich war traurig, es ist nie schön, ausgebuht zu werden. Aber ich glaube, das Publikum hat verstanden, dass ich mir nichts habe zu schulden kommen lassen.“

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