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Star-Flaute beim ATP-Finale : Tennisspieler müssen auch Nein sagen können

  • -Aktualisiert am

Roger Federer gratuliert David Goffin nach dessen Halbfinalsieg bei den ATP Finals. Bild: AP

Der dichte Tenniskalender fordert seine Opfer: Die Top-Stars wie Nadal oder Federer spielen nicht die Hauptrollen bei der Tennis-WM. Doch die ATP trägt nicht die Hauptschuld.

          Wenigstens Roger Federer hat bis zum Halbfinale durchgehalten. Ausgerechnet der mit 36 Jahren älteste der Tennisstars war am Samstag übrig geblieben, um den ATP Finals in London noch etwas Glanz und Glamour zu verleihen. Nach seiner Niederlage gegen den Belgier David Goffin war aber auch er im Finale nicht mehr zu sehen.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Natürlich war die O2-Arena am Sonntag trotzdem ausverkauft, als der Bulgare Dimitrov im Endspiel gegen Goffin (7:5, 4:6, 6:3) den inoffiziellen Titel des ATP-Weltmeisters holte. Aber vor allem wegen des Vorverkaufs, der schon vor Monaten begann. Damals glaubten die Fans, sie würden Rafael Nadal (zog nach dem ersten Gruppenspiel verletzt zurück) erleben oder Andy Murray oder Novak Djokovic oder Stan Wawrinka. Aber eine noch nie dagewesene Verletzungsserie unter den Top-Ten-Spielern brachte Profis ins Rampenlicht, die noch nie auf dieser großen Bühne gespielt haben.

          Denn auch die zweite Reihe, die in den vergangenen Jahren immer wieder (vergeblich) versuchte, die großen Fünf zu fordern, ist in den vergangenen Monaten zu malade gewesen, um den Weg nach London zu schaffen: Milos Raonic, Tomas Berdych, Jo-Wilfried Tsonga und Kei Nishikori. Profisport ist ungesund, Tennis ganz besonders. Handgelenk, Ellenbogen, Schulter, Wirbelsäule, Knie, Beine und Sprunggelenk sind extremen Belastungen ausgesetzt. Aber treibt die Tennisorganisation ATP ihre Besten noch zusätzlich in den Krankenstand, weil sie ein Spielsystem entwickelt hat, das sie überfordert und überlastet? Muss das Jahresprogramm von Grund auf geändert werden?

          Rafael Nadal gab bei der Tennis-WM in London schon nach dem ersten Gruppenspiel auf.

          Federer meint nein. Für den Schweizer ist die Ursache für die Verletzungshäufigkeit das fortgeschrittene Alter vieler Profis. „Früher hörten die meisten mit 30 auf, jetzt meinen alle, bis mindestens 35 spielen zu müssen. Und mit 30 regeneriert der Körper einfach nicht mehr so gut, ist anfälliger.“ Dass das Spiel immer athletischer und dynamischer geworden ist, dass der Anteil der besonders belastenden Hartplatzturniere auf der Tour anstieg, trägt zur Entwicklung bei. Und natürlich macht die ATP ihren Zugpferden auch Druck, häufig zu spielen, damit ihre Turniere für die Fans interessant bleiben. Die Top 30 sind verpflichtet, an den vier Grand Slams, den acht Masters und an fünf 500er-Turnieren ihrer Wahl teilzunehmen. Falls sie das nicht tun, gibt es empfindliche Strafen, die sich auf die Ranglistenplazierung niederschlagen.

          Aber die allermeisten belassen es nicht bei 17 Turnierteilnahmen im Jahr, wenn sie gesund sind. Der Österreicher Dominic Thiem trat bei 26 Wettbewerben an, Goffin bei 25 und der Deutsche Zverev bei 24. Und dann gibt es noch ein paar lukrative Show-Veranstaltungen, bei denen einige auch nicht nein sagen können.

          Zwar ermuntert die ATP ihre Profis auf der Tour zu vielen Auftritten, so wie ihr Wertungssystem aufgebaut ist. Gerade wer Jagd auf die Top Ten und das ATP-Finale macht oder um Rang 40 in der Weltrangliste steht, der einen Platz im Hauptfeld der größeren Turniere garantiert, kann seine Ziele mit Dienst nach Vorschrift nicht erreichen. Andererseits, wer einen nachhaltigen Karriereaufbau und Rücksicht auf seinen Körper nehmen will, der kann das tun. Schon häufiger beklagten Profis, es würden einfach zu viele Turniere angeboten, die Termine lägen zu dicht nacheinander.

          Dafür bringt die Konkurrenz unter den Veranstaltern den Stars fette Antrittsprämien. Und für Spieler jenseits der Ränge 50 oder 60 ist der dichtgedrängte Terminkalender ohnehin ein Segen, weil sie so ihr Auskommen haben, auch wenn sie häufig früh ausscheiden. „Wir müssen auch an die vielen nicht so guten Profis denken“, argumentierte Federer schon vor Jahren, als er als Spielervertreter der ATP die Bestrebungen, den Spielplan zu entschlacken, nicht förderte. Der Schweizer hat es seinen nicht ganz so alten Rivalen in der Weltspitze vorgemacht, wie man auf seinen Körper achtet und dennoch erfolgreich spielt. Er machte im Frühjahr Pause, verzichtete auf die Sandplatzsaison inklusive den French Open, weil er spürte, dass sein Körper danach verlangte.

          Verdiente Spieler wie er haben die Freiheit, auch für Grand Slams abzusagen. Die Regeln der ATP sehen das vor. „Es ist mir unheimlich schwergefallen, in Paris nicht zu spielen, aber es war die richtige Entscheidung“, sagte Federer. Der Schweizer beendet die Saison als Zweiter der Weltrangliste, mit zwei Grand-Slam-Titeln und fünf weiteren Turniersiegen. Dabei stand er nur 54 Mal auf dem Platz, im Schnitt 20 Arbeitstage weniger als die anderen Top-Ten-Spieler.

          Ob Murray und Djokovic mittlerweile verinnerlicht haben, dass weniger mehr ist? Der Schotte quälte sich monatelang mit Hüftbeschwerden über die Tour, der Serbe mit Ellbogenschmerzen. Immer wieder wurde er für den nächsten Programmpunkt mühsam fit gemacht. Bis dann in Wimbledon nichts mehr ging.

          Für den Schweizer Maestro sind lange Pausen nichts Schlimmes: „Wir verlernen nicht das Tennisspielen in der Zeit. Und was man verpasst, kann man nachholen. Meine Karriere hat sich durch die Erfahrungen der letzten anderthalb Jahre verlängert.“

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