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Astronaut Gerst : Ohne Sport kein Überleben

„Wunderbar leicht“: Für Sekunden sind Alexander Gerst und seine Kollegen schwerelos Bild: ESA

Alexander Gerst soll 2014 zur Internationalen Raumstation fliegen und ein halbes Jahr in der Schwerelosigkeit bleiben. Dafür durchläuft er ein hartes Trainingsprogramm. Auch im All sind Fitnessgeräte Pflicht - sonst wäre der Körper gefährlich geschwächt.

          Nach 49-stündigem Flug hat gerade wieder eine Sojus-Kapsel bei der Internationalen Raumstation ISS angedockt und drei Astronauten auf 350 Kilometer Höhe gebracht. Die neue Crew bleibt bis März und soll neben den Experimenten auch Außenarbeiten im All vornehmen. Es ist ein Aufenthalt unter widrigsten Bedingungen, der außergewöhnliche psychische und physische Herausforderungen an die Mitglieder der Mission stellt. In einem mehrjährigen Trainingsprogramm werden die Teams auf den Einsatz vorbereitet. 2014 soll der 35 Jahre alte Alexander Gerst aus Künzelsau für ein halbes Jahr per Sojus-Trägerrakete auf die ISS geschossen werden. Er wird dabei eine Maximalgeschwindigkeit von 28.000 Kilometern pro Stunde erreichen und beim Start der fünffachen Erdbeschleunigung ausgesetzt sein. Der promovierte Geophysiker hatte sich 2009 in einem Auswahlverfahren unter 8400 Bewerbern durchgesetzt und gehört seither zum Astronautenkorps der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Er wäre der elfte Deutsche im All.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sind Sie ein Supermann?

          „Ganz im Gegenteil. Meine Kollegen und ich sind eher ganz normale Menschen. Relativ sozial, weil wir sechs Monate auf der Station zusammenleben müssen. Auch sportlich braucht es da oben keine Supermänner. Leistungssportler haben ja oftmals einen extrem entwickelten Muskelapparat oder ein vergrößertes Herz, was einem im All zum Verhängnis werden könnte, wenn der Körper in der Schwerelosigkeit seinen Verbrauch stark herunterfährt. Mit einem Extremsportlerherzen könnte man zu Beispiel Rhythmusstörungen bekommen. Ein gesundes Maß an Fitness braucht man aber dennoch.“

          Ein halbes Jahr mit fünf anderen Menschen auf engstem Raum im All - das ist doch schon psychisch eine riesige Belastung.

          „Man ist in diesem Komplex quasi eingesperrt. Man kann nur bei einem Weltraumausstieg vor die Tür. Ich denke, ich werde damit kein Problem haben. Ich habe schon in der Antarktis bei minus 45 Grad mit Kollegen im kleinen Zelt gelebt, gefroren und unser Essen auf einem Kocher zubereitet. Das ging alles. Ich denke, es ist einfacher, irgendwo hinzugehen, wo man nicht heraus kann. Da kommt einem erst gar nicht der Gedanke ans Aufgeben.“

          Durchgesetzt unter 8400 Bewerbern: Alexander Gerst fliegt für die European Space Agency zur Internationalen Raumstation ISS

          Auf der ISS, deren Volumen ohne die eingebauten Labor-Gerätschaften fast so groß ist wie das Innere einer Boeing 747, verfügt jeder Astronaut über ein kleines Modul für sich, wenn er alleine sein will. Später im All hat jeder Tag wie auf der Erde einen festen Ablauf. Einmal die Woche ist frei.

          Was lernen Sie, um zwischenmenschliche Krisen auf der Raumstation zu überwinden?

          „Am besten lässt man Krisen erst gar nicht aufkommen. Wir müssen ständig in der Lage sein, uns in den anderen hineinzuversetzen und Dinge zu identifizieren, an denen man sich reiben kann. Wenn es mal Probleme gibt, ist Kommunikation der Schlüssel: offen reden, Kompromisse suchen, es auch mal gut sein lassen.“

          Wie trainieren Sie das?

          „Wir haben im Team auch schon Überlebenstraining absolviert. Das erweitert den Erfahrungsschatz im Miteinander. Wir sind mitten auf Sardinien in der Wildnis ausgesetzt worden und mussten uns fünf Tage fast ohne Essen durchschlagen. Wir sind vom Hubschrauber ins Meer abgesprungen, wo wir uns dann die Rettungsinsel selbst aufblasen mussten. Wenn man 24 Stunden über die Wellen treibt oder bei zwölf Grad ohne Schlafsack im Wald schläft und nur ein paar heiße Steine aus dem Lagerfeuer zum Wärmen hat, kriegt man mit, wie die anderen so drauf sind. Das schweißt zusammen.“

          Fünf Tage ohne Nahrung - was haben Sie über Ihren eigenen Körper erfahren?

          „Es war erstaunlich, dass er noch ganz gut funktioniert hat. Ich hatte das Gefühl, dass ich in allem zwar ein bisschen langsamer, aber doch zu allem fähig war. Das ist gut. Wir müssen ja wissen, wie wir damit klarkommen, wenn die Sojus-Kapsel später vielleicht abseits des vorgesehenen Ziels in der Wildnis landen sollte und wir für einige Zeit auf uns allein gestellt sind.“

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