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Giro d’Italia : Nibali steht unter Druck

  • -Aktualisiert am

Gezwungenes Lächeln beim Einschreiben: Vincenzo Nibali steht unter Druck. Bild: dpa

Die Hackordnung beim Giro gerät durcheinander. Astana kämpft um die Siegchance seines Spitzenmanns. Ein Holländer fährt im Rosa Trikot. Und selbst ein ehemaliger Skispringer mischt mit.

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          Gedrückte Stimmung beim Team Astana. Im Hotel „Hell“ in St. Ulrich in Südtirol bestimmt nicht die deutsche, sondern die englische Lesart des Namens der Herberge die Atmosphäre. Düster sind die Gesichter, in einer Art Vorhölle gar fühlt sich der Astana-Anführer Vincenzo Nibali. „Nach dem Bergzeitfahren hätte ich etwas kaputtschlagen können, so wütend war ich“, sagte er während der Pressekonferenz im Hotel „Hell“.

          Nibali verlor beim Bergzeitfahren mehr als zwei Minuten auf den Gesamtführenden beim Giro d’Italia, Steven Kruijswijk. Eine herausgesprungene Kette hatte an dem Desaster Mitschuld. „Ich habe sie mit der Hand zurückzulegen versucht. Das klappte nicht. Dann kam der Mechaniker. Und dann ging auch noch was an der Schaltung kaputt. Solche 300 Meter hatte ich in meiner ganzen Karriere nicht“, sagte Nibali tags darauf. Er gab aber auch zu, dass dieses Malheur maximal eine halbe Minute des Rückstands erklärt.

          Der schlimmste Moment für Nibali: Kette abgesprungen und Gangschaltung kaputt beim Bergzeitfahren.

          „Vincenzo brachte am Sonntag etwa 20 Watt weniger, als zu diesem Zeitpunkt im Rennen erwartbar waren, auf die Pedale“, sagte auch Nibalis Trainer Paolo Slongo dieser Zeitung. Woran es lag, konnte er nicht sagen. „Wir haben alle beratschlagt, die Trainer, die Physiotherapeuten - wir finden keine rationale Antwort“, teilte Slongo mit. Nibali selbst wartete mit einem mentalen Erklärungsansatz auf. „Ich stand so gewaltig unter Druck. Ich machte ihn mir selbst, die Fans übten ihn aus, auch die Medien“, sagte er.

          Am Dienstag verlor Nibali abermals Zeit, hat nun schon fast fünf Minuten Rückstand im Gesamtklassement. „Der Druck liegt nun bei Kruijswijk und Chaves. Mal sehen, wie sie mit ihm klarkommen“, sagte er - und ein erster Funken Kampfeslust blitzte aus seinen Augen.

          Rosa statt Orange: Steven Kruijswijk aus den Niederlanden ist der Überraschungsmann an der Spitze des Klassements.

          Für Nibali - und gegen die beiden vor ihm Liegenden - spricht die Stärke der Mannschaft. Astana ist für Bergetappen gemacht, hat starke Kletterer im Aufgebot. Der Kolumbianer Esteban Chaves hat niemanden für den letzten Gipfel, der Holländer Kruijswijk nur den ehemaligen Skispringer Primoz Roglic. Der Slowene bewegt sich aber unsicher im Peloton, stürzte viel und konnte deshalb nicht entscheidend eingreifen. Diese Schwächen der Konkurrenz bedeuten Hoffnung für Nibali. Allerdings eine mit Verzweiflung untermalte Hoffnung. Nibali sucht sogar Hilfe bei Klischees. „Auf eine schwere Niederlage folgen oft die größten Taten“, sagte er.

          Dem Grand-Slam-Sieger bei den Grand Tours - Gewinne von Tour de France, Giro d’Italia und Vuelta a España stehen im Palmarès - bleibt kaum mehr als eine solche Suche nach auch entfernten Hoffnungssignalen. Denn im direkten Duell blieb er den Männern, die im Klassement vor ihm rangieren, unterlegen. Zwar arbeitete Nibali mehr, attackierte immer wieder. Aber er konnte niemals entscheidend wegkommen. „Die anderen fahren nur auf Konter. Sie warten ab und setzen dann den Konter“, analysierte er. Und deutete damit an, dass er nicht glaubt, dass seine beiden Hauptgegner über mehr Kraft verfügen. Sie gehen nur ökonomischer damit um.

          Konter bestimmen das Muster

          Der Giro d’Italia liefert damit ein neues Szenario. Das Attackemuster hat sich geändert. Es ist nicht mehr der vom Team gut vorbereitete brutale Erstschlag, wie ihn lange Jahre Lance Armstrong (mit Doping) und später Chris Froome (man hofft, ohne Doping) vollführten, der die Rundfahrten entscheidet. Vielmehr ist es der Konter. Das mag an der relativen Schwäche derer liegen, die den ersten Angriff wagen. Oder aber an der gewachsenen Stärke derer, die nicht nur kühl abwarten, sondern auch zum rechten Zeitpunkt reagieren können.

          Ein ehemaliger Skispringer mischt mit: Primoz Roglic

          Astana ist von dieser neuen Konstellation überrascht. Die alten Mittel greifen nicht mehr. Der eingeplante Rundfahrtsieg droht verlorenzugehen. Und Nibali, dessen Vertrag ausläuft und der in Bahrein an einem eigenen Rennstall bastelt, gleitet das Einstiegsgeschenk für diese Unternehmung langsam aus der Hand. Da ist er dann doch wieder, der Druck.

          Für den Giro bedeutet diese Konstellation Action pur. Nibali und der hinter ihm plazierte Spanier Alejandro Valverde müssen weiter attackieren. Valverde gelang dies mit dem Etappensieg am Dienstag. Nibali aber konnte vorerst nicht zeigen, dass er fähig ist für den Gegen-Konter. Er verlor fast zwei Minuten auf Kruijswijk und liegt nun vierdreiviertel Minuten hinter dem Niederländer.

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