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Asien-Spiele : China räumt ab

  • -Aktualisiert am

Schock und Schmerzen: Massensturz im Velodrom von Guangzhou Bild: AFP

An den ersten Tagen haben Chinas Athleten fast doppelt so viele Goldmedaillen gewonnen wie Japan und Südkorea zusammen. Der Rest Asiens versinkt in der Bedeutungslosigkeit. Wenigstens im Fußball kassieren die Gastgeber demütigende Niederlagen.

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          Mit letzter Kraft schleppte sich Wong Wan Yiu zum Siegerpodest, gestützt von zwei Betreuern. Als ihr die Silbermedaille um den Hals gehängt wurde, überkam die Bahnradfahrerin aus Hongkong ein Weinkrampf. Keine Freudentränen - Schock und Schmerzen überwältigten sie. Dass sie es überhaupt aufs Podium geschafft hatte, sei ein Wunder, presste ihr Trainer Shen Jinkang hervor. Wenige Minuten zuvor war seine Sportlerin an einem furchterregenden Massensturz im Velodrom von Guangzhou beteiligt gewesen.

          Fünf Athletinnen schlitterten über die Bahn. Sanitäter schnürten später die vor Schmerzen schreiende Chinesin Tang Kerong auf die Rettungsbahre, Diao Xiao Juan kugelte sich die Schulter aus. Wong Wan Yiu aber schleppte sich trotz gebrochener Rippen und Schnittwunden zurück aufs Rad, drehte noch 40 Runden und rettete Platz zwei. Gäbe es eine Goldmedaille für Tapferkeit, Wong hätte sie verdient, zollten Hongkongs Medien Anerkennung.

          Der Rest Asiens versinkt sportlich in der Bedeutungslosigkeit

          Das Drama ist der bisherige emotionale Höhepunkt der Asien-Spiele in der südchinesischen Stadt Guangzhou. Nach Olympia in Peking und der gerade beendeten Expo in Schanghai darf sich nun auch Chinas drittwichtigste Metropole als Gastgeber eines internationalen Großereignisses feiern. Rund zehn Milliarden Euro habe die Stadt investiert, sagt Bürgermeister Wan Qingliang, zwölf neue Arenen gebaut und 58 ältere renoviert. Auf den Bau eines neuen Leichtathletik- und Fußballstadions aber verzichteten die Kader der Kommunistischen Partei in einem seltenen Anflug von Vernunft. Guangzhou besitzt bereits zwei Großstadien, gebaut für die Nationalspiele 1987 und 2001 und seitdem meist verwaist.

          Asiatische Spezialität: Drachenbootrennen als Medaillensport

          Doch auch so sind es Kontinentalwettkämpfe der Superlative. 10.000 Athleten sind angereist. Selbst kriegsgeplagte Nationen wie Irak und Afghanistan nehmen teil. Meist dürfen sie nur schaulaufen neben den siegreichen Gastgebern. Nach sechs Wettkampftagen haben Chinas Athleten schon über 100 Goldmedaillen errungen, mehr als doppelt so viele wie die Nummern zwei und drei im Medaillenspiegel, Südkorea und Japan, zusammen. Der Rest Asiens versinkt sportlich in der Bedeutungslosigkeit. Selbst die Chinesen aus Hongkong und Taiwan sind bisher weit erfolgreicher als die Teams aus den bevölkerungsreichen Staaten Indien, Pakistan und Indonesien.

          Auch Tanzen, Rollschuhlaufen, Bowling und Billard sind Teil dieser Spiele

          In Guangzhou werden viel mehr Medaillen vergeben als zwei Jahre zuvor in Peking. Anders als bei Olympia gehören zum Programm selbst Sportarten, die nur in zwei, drei Ländern ernsthaft betrieben werden. Tanzen, Rollschuhlaufen, Bowling und Billard sind Teil dieser Spiele. Dazu kommen asiatische Spezialitäten wie Drachenbootrennen, Weiqi, eine chinesische Variante des Schachs sowie Sepaktakraw. Diese Mischung aus Volleyball und Fußball ist besonders in Thailand und Malaysia populär.

          Doch die chinesische Medaillenflut sagt nur wenig aus über die Entwicklung des Leistungssports in der Volksrepublik seit Olympia 2008. Nur in Asien können Chinesen den Radsport dominieren. Im weltweiten Vergleich fahren sie hinterher. Weltrekorde sind bei diesen Asien-Spielen bislang eine Seltenheit so wie der des erst siebzehnjährigen Zhai Yujia in der nicht mehr olympischen Disziplin laufende Scheibe. Chinas Schützen zählen seit Jahren zur Weltspitze. Auch die Siegesserie der Turner, Tischtennis- und Badmintonspieler überrascht niemanden.

          Chinas Kicker sind Zielscheibe von Hohn und Spott

          Ohne Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten, Australien und Europa bestimmen Chinas Schwimmer zwar dieses Großereignis, der Star im Pool aber ist ein Südkoreaner. Park Tae-hwan, Freistil-Olympiasieger von Peking, siegte auch in Guangzhou unter anderem über 200 Meter in 1:44,80 Minuten. Asien-Rekord und Jahresweltbestzeit, über eine halbe Sekunde schneller als Europameister Paul Biedermann. Seit der Abkehr vom Ganzkörper-Neopren taugen Weltrekorde nicht mehr zum Vergleich, nur Jahresweltbestzeiten. Von den Chinesen kratzt bislang nur Newcomer und Freistilspezialist Sun Yang daran. Kein ermutigendes Signal für den Gastgeber der nächsten WM im Sommer 2011 in Schanghai.

          Weit mehr schmerzt Chinas Sportfans aber der Niedergang in der Weltsportart Nummer eins. Während der Fußball in Japan, Südkorea und selbst in Iran sich ständig weiterentwickelt, sind Chinas Kicker nur Zielscheibe von Hohn und Spott. Die Liga ist von Korruption zerfressen, Profis, Trainer und Schiedsrichter gehen direkt vom Rasen in den Knast. Längst verbieten Chinas ehrgeizige Eltern ihren Kindern, Fußball zu spielen. Die WM-Qualifikation eines chinesischen Nationalteams ist so unwahrscheinlich wie der Olympiasieg eines Tischtennisspielers aus San Marino. Bei den Heimspielen in Guangzhou durchlitten Chinas Fußballfans die nächste Demütigung: 0:3 gegen eine B-Auswahl Südkoreas. „Das schlechteste Team unserer Geschichte“, stöhnten selbst Chinas Staatsmedien.

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