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Arctic Race in Norwegen : „Ich hielt es für eine verrückte Idee“

  • -Aktualisiert am

Strampeln in Norwegen: die Fahrer beim Arctic Race vor imposanter Kulisse Bild: Imago

Norwegen ist nicht unbedingt das typische Radsport-Land. Mit dem Arctic Race findet dort nun das nördlichste Rennen für Profis statt. Der Stolz der Einwohner zeigt sich dabei auf etwas schrille Art und Weise.

          Ein kahler Berg, jenseits der Baumgrenze, gekrönt von einer Antenne. Der Erdboden ist zwar nicht von Geröll bedeckt und wegen der Trockenheit aufgerissen. Karges Grün breitet sich aus. Abgesehen von diesem Unterschied in der Vegetation kann man jedoch verstehen, warum der Storheia als „norwegischer Mont Ventoux“ gilt. Trotz seiner Höhe von nur 504 Metern ist er ein imposanter Gipfel – und das Ziel der Königsetappe des Arctic Race of Norway, des nördlichsten Radrennens für Profis bei dem diesmal der Kasache Alexei Lutsenko siegte. Von hier aus blickt man auf die Inselgruppe der Lofoten und die Fjorde, die sich in die Vesteralen eingegraben haben. Die Stimmung ist gut am Berg. Viele Fans, die die Rennfahrer anfeuern, haben gerade noch selbst ihre Kräfte in einem Jedermannrennen auf Skirollern den Gipfel hinauf erprobt.

          Der Tagessieg des einheimischen Profis Odd Christian Eiking freut die Zuschauer besonders. Der 111. der letzten Tour de France stellte den einstigen Sieger der Bergwertung der Tour, Warren Barguil, in den Schatten. Auch Thor Hushovd, einer der erfolgreichsten Norweger in der Sommerdisziplin Straßenradsport, ist beglückt. Der frühere Weltmeister und Träger des Grünen Trikots bei der Tour gewann das Arctic Race bei seiner Erstaustragung 2013 und wechselte dann zur Organisation über. „Ich hielt es zuerst für eine verrückte Idee, all die Rennfahrer und den ganzen Tross in den hohen Norden bringen. Aber auf der anderen Seite ist es eine der schönsten Gegenden des Planeten. Die Temperaturen sind im August auch okay, und es ist gut organisiert für die Fahrer. Und dann ist es so, dass es zwar viele Sportereignisse in Norwegen gibt. Die meisten waren aber im Süden. Durch das Arctic Race hat auch der Norden etwas. Und die Leute sind stolz darauf, dass sie jetzt etwas gemeinsam haben“, sagt er.

          Der Stolz der Einwohner zeigt sich auf etwas schrille Art und Weise. Rose, eine fünfzigjährige Frau, hat sich zum Beispiel ein Schafskostüm übergestülpt. „Ich bin mit meiner Familie hier, meiner Tochter, meiner Nichte und meinem Freund“, erzählt sie. Die Tochter steht etwas abseits, kichert verlegen, als ihre Mutter erklärt, extra für das Radrennen als Schaf aus dem Haus gegangen zu sein. Andere Fans kamen als Hähne oder Wölfe verkleidet. Mitarbeiter des Wikingermuseums in Borg sprangen sogar in historischen Kostümen an der Strecke herum und schwenkten wild ihre Speere.

          „Der Norden Norwegens ist nicht dicht besiedelt. Nur etwa 500.000 Menschen leben hier. Aber die, die da sind, sind zu 200 Prozent fanatisch und sorgen für eine gute Atmosphäre an der Strecke“, sagt Claude Rach. Er hat das Arctic Race aus der Taufe gehoben. Auch die Tour de Yorkshire in England und die Deutschlandtour hat er konzipiert. Ebenso die zwei Eintagesrennen in Asien, das Saitama Criterium in Japan und das Schanghai Criterium. „Das ist ein faszinierender Markt. In zehn Jahren wird es sicherlich einen chinesischen Radfahrer geben, der bei der Tour de France erfolgreich ist. Die Chinesen sind gut in fast allen Sportarten, warum nicht also bald auch im Radsport. Und wenn das geschieht, wenn die Aufmerksamkeit da ist, dann sind wir schon längst im Land“, sagt der Chef der Abteilung Internationales bei der französischen Sportorganisation Aso – das Unternehmen richtet auch die Tour aus.

          Rach will den Radsport überall auf der Welt populär machen, die Basis soll wachsen. Mit neuen Sponsoren, und dazu werden die Partnerschaften mit den Fernsehsendern in den Ausrichterländern vertieft. „Unsere Abteilung ist in den letzten Jahren größer geworden, die gesamte Aso ist gewachsen. Wir haben jetzt weltweit einen Stamm an Experten und können jederzeit passende Konzepte entwickeln. Das war vor zehn Jahren noch nicht so“, sagt Rach.

          Das Arctic Race of Norway, das erste Rennen der jüngeren Expansionsphase, finanziert sich mittlerweile selbst. Zur einen Hälfte durch Sponsoreneinnahmen von knapp zwei Millionen Euro, zur anderen Hälfte aus Mitteln der öffentlichen Hand. „Das ist eine gute Balance“, sagt der Marketingchef der Aso, Laurent Lachaux. „Was wir über die Basisfinanzierung des Rennens hinaus einnehmen, stecken wir in die Verbesserung der Struktur, in Charterflüge für die Teams, in eine höhere Qualität der Produktion von Fernsehbildern und Social Media“, sagt Rach.

          In Deutschland ist der Rennorganisator noch weit entfernt von solchen Szenarien. „Es ist kein Geheimnis: Wir sind noch nicht profitabel bei der Deutschlandtour. Aber die Richtung stimmt. Und Deutschland ist für uns ein Land mit enormem Potential“, sagt Rach. Wie lange die Eignerfamilie Amaury rote Zahlen noch hinnehmen wird, weiß Rach nicht. Aber er setzt darauf, dass sich das Engagement mittelfristig auszahlen wird. Das Ziel ist eine Art lebenslange Bindung an die Marke Tour de France. „Wir wollen, dass die Champions von Morgen im Publikum sind. Eines Tages, wenn ein deutscher Fahrer bei der Tour de France jubelt, soll er sagen können, ich war als Kind auf den Straßen von Karlsruhe oder Frankfurt bei der Deutschlandtour. Und ein Norweger soll sagen können, ich war als Kind schon beim Arctic Race“, sagt Lachaux. Eine langfristige Planung in schnelllebigen Zeiten. Mit dem großen Ziel der Aso, ihren Einfluss im Radsport deutlich auszuweiten.

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