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Arne Gabius : Ein Läufer ohne Grenzen

Training am Stammheimer Gefängnis: Arne Gabius läuft bis zu 250 Kilometer pro Woche. Bild: Imago

Ist der irre? Arne Gabius kommt von der Bahn und wurde erst vor einem Jahr zum Marathon-Mann. Jetzt kann er den deutschen Uralt-Rekord knacken – und keiner hält ihn mehr für einen dahergelaufenen Wahnsinnigen.

          5 Min.

          Seine Freundin war nicht da am vergangenen Wochenende. Anne war beruflich in Berlin. Das war gut so, denn daheim in Stuttgart war mit Arne Gabius nicht gut Kirschen essen bis zum Dienstag. Gabius will an diesem Sonntag in Frankfurt den 27 Jahre alten deutschen Marathon-Rekord brechen, und da hieß es sich vorbereiten. Am Freitag zuvor hat er einen letzten langen Lauf gemacht, vorbei am berühmt-berüchtigten Stammheimer Gefängnis, hinaus auf die Felder, 32 Kilometer lief Gabius, die letzten fünf im Renntempo, „um den Tank zu leeren“, wie er sagt, die Kohlenhydratspeicher in Muskeln und Leber. Nach diesem Lauf begann die Diät.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Gabius aß so gut wie keine Kohlenhydrate mehr. Morgens Rührei, mittags Salat und Tofu, abends Zucchini und Tofu. So ging das bis Dienstag, es war eine harte Zeit, die Laune, nun ja, sie möchte man keinem zumuten. Gegen den Heißhunger half mal ein Espresso zwischendurch oder ein paar Macadamianüsse. Am Dienstag noch eine harte Tempoeinheit, und danach wurde der Tank wieder aufgefüllt, mit Rösti, Brot, möglichst vielen Kohlenhydraten – das große Fressen bis Freitagabend. An diesem Samstag isst Gabius normal, am Sonntag frühstückt er, und dann ist der Tank voll bis obenhin. Das sollte dann reichen für die 42,195 Kilometer bis ins Ziel. So wie im vergangenen Jahr, als der promovierte Mediziner mit zehn Schluck Wasser und drei Schluck Cola über die Strecke kam.

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          Arne Gabius, der seit 20 Jahren Vegetarier ist, kommt von der Bahn. Zwischen 2007 und 2013 war er jedes Jahr deutscher Meister über 5000 Meter. 2012 lief er bei der EM in Helsinki auf Platz zwei, bei den Olympischen Spielen in London verpasste er das Finale knapp. Aus einer Laune heraus startete er im vergangenen Jahr in New York über die Halbmarathon-Distanz - und überraschte mit einer Zeit von 1:02:09 Stunden. Der Amerikaner Meb Keflezighi, der ein paar Wochen später den Boston Marathon gewann, kam nach ihm ins Ziel. Mit 34 Jahren entschloss sich Gabius daraufhin, einen Marathon-Versuch zu wagen.

          Er steigerte seine Trainingsumfänge auf bis zu 250 Kilometer pro Woche, und als er vor einem Jahr in Frankfurt ankündigte, eine Zeit zwischen 2:10 und 2:12 Stunden laufen zu wollen, schauten ihn alle an, als sei er irre. Nach dem Rennen das große Staunen: Gabius hatte für sein Debüt 2:09:32 Stunden benötigt - die viertbeste Zeit, die jemals ein Deutscher lief. Eine Sensation. „Man darf keine Angst haben vor großen Zeiten“, sagt Gabius. „Wir sind im Leistungssport, und es geht darum, sich etwas zuzutrauen.“

          „Ich will den deutschen Rekord“

          Noch ein paar Tage bis zu seinem zweiten Marathon. Wieder in Frankfurt. Und wieder hat er eine klare Ansage. „Zwischen 2:07 und 2:09. Und ich will den deutschen Rekord.“ Die Bestmarke liegt bei 2:08:47 Stunden, aufgestellt vom DDR-Läufer Jörg Peter bei einem Marathon 1988 in Tokio. „Ich gehe davon aus, dass ich diese Zeit deutlich unterbiete“, sagt Gabius - und keiner hält ihn mehr für einen dahergelaufenen Wahnsinnigen.

          Für deutsche Langstreckler schien Peters Zeit, aufgestellt in den Hoch-Zeiten des Dopings, unerreichbar. Dass dies nun plötzlich anders ist, wirft Fragen auf. Wie ist das mit Doping, was hat Gabius dazu zu sagen? Was spricht dagegen, dass er, als Mediziner, bei sich selbst ein bisschen nachhilft mit Epo-Mikrodosen oder sonstigen Tempomachern? Es gebe viele Krebsstudien, antwortet er, die nachwiesen, dass sich nach dem Gebrauch von Epo Gehirntumore entwickelt hätten. „Ich würde nicht nur die Approbation verlieren, wenn ich dopen würde“, sagt Gabius. „Ich habe auch ein Leben nach dem Leistungssport. Er ist nur eine Phase für mich, eine wichtige zwar, aber ich weiß, dass ich danach einen Job haben werde, eine Zukunft, ich werde heiraten, ich will hundert Jahre alt werden. Deshalb werde ich keine hochgefährlichen Hormone zu mir nehmen, schon die Vorstellung, das zu tun, ist absurd.“

          Was die Rolle der Medizin betrifft, so hat er eine dezidierte Meinung: „Sie soll sich aus dem Sport heraushalten.“ Er selbst sei in keiner ärztlichen Behandlung, ausgenommen der vom Verband vorgeschriebenen Jahresuntersuchung. Arztbesuche machten überdies Sinn bei schweren Verletzungen, aber darüber hinaus? „Ich weiß nicht, was Ärzte sonst im Sport zu suchen haben. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein guter Sportphysiotherapeut einem Athleten vor einem Wettkampf deutlich mehr helfen kann als ein Arzt.“

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