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Armin Hary wird 75 : Der Blitzstarter

  • -Aktualisiert am

Große Erfolge: Hary wurde Olympiasieger Bild: action press

Armin Hary lief als erster Leichtathlet die 100-Meter-Strecke in 10,0 Sekunden. Der deutsche Verband wusste den eigenwilligen „Läufer des Jahrhunderts“ aber nicht zu schätzen. An diesem Donnerstag wird er 75 Jahre alt.

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          Armin Hary musste dreimal Weltrekord laufen, bis seine 100-Meter-Zeit von 10,0 Sekunden anerkannt wurde: am 6. September 1958 in Friedrichshafen und zweimal am 21. Juni 1960 auf der Aschenbahn im Letzigrund in Zürich. Beim dritten Mal konnten ihm keine Unregelmäßigkeit, kein Fehlstart mehr angekreidet werden.

          Seine Leistung wurde oft als „Blitzstart-Sieg“ diskreditiert. Kampfrichter und Funktionäre konnten einfach nicht glauben, dass dieser junge Mann aus dem Saarland, 1958 gerade 21 Jahre alt, so schnell war. Als er in jenem Jahr in Stockholm Europameister wurde und dabei den deutschen Publikumsliebling und Goldfavoriten Manfred Germar schlug, wurde ihm das sogar als eine Art „Majestätsbeleidigung“ ausgelegt.

          Der blonde Hary, der über den Zehnkampf zur Leichtathletik kam, war drei Sommer lang der strahlende Stern. Weil aber sein Verhältnis zum Deutschen Leichtathletik-Verband und zur damaligen Presselandschaft ein einziges großes Missverständnis war, wurde er erst viele Jahrzehnte später als das anerkannt, was er für seinen Sport, zumal in Deutschland, bedeutet hat - er war einer der Größten, nicht nur seiner Zeit, sondern der Geschichte. Ein Jahrhunderttalent, reaktionsschnell, beschleunigungsstark, der Konkurrenz vom ersten Meter an haushoch überlegen. An diesem Donnerstag wird Hary, der heute in der Nähe von Landshut lebt, 75 Jahre alt.

          Unangepasst und eigensinnig

          Gierig nach Erfolg war er, zielstrebig auf der Jagd nach Rekorden und Titeln, bereit, ungewöhnliche Wege zu gehen, um der schnellste Mensch der Welt zu werden. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, aus einer Bergmannsfamilie, und er wollte ganz nach oben kommen, durch Sport gesellschaftlich und sozial aufsteigen, was damals Argwohn auslöste.

          Dass er so unangepasst und eigensinnig war, die damaligen Normen „anständigen Verhaltens“ nicht akzeptierte, nahmen ihm viele übel. Daran scheiterte letztlich auch seine Karriere. 1961, nicht lange nach seinem Doppel-Olympiasieg von Rom 1960, trat er zurück. Der Verband hatte ihn mit einer Sperre - wegen eines angeblich ungebührlichen Interviews und anderer, eher krampfhaft gesuchter Kleinigkeiten - so gepiesackt, dass er den Schlussstrich zog.

          Als erster Leichtathlet lief Hary 100 Meter in 10,0 Sekunden
          Als erster Leichtathlet lief Hary 100 Meter in 10,0 Sekunden : Bild: dpa

          Er wurde Unternehmer, und es dauerte lange, bis er sich wieder im Sport engagierte - mit einem Förderprojekt in Bayern für Jugendliche. Das 2004 begründete, inzwischen vielfach ausgezeichnete Projekt hat nicht vorrangig schon erkannte Talente im Visier, sondern begeisterte Kinder aus meist sozial schwacher Umgebung oder aus anderen Problemfeldern.

          „Hier gehen uns die meisten Talente verloren auf dem Weg zum Spitzensport“, konstatiert der Olympiasieger. „Soziale Schwierigkeiten, familiäre Spannungen, schulische Probleme, das unreflektierte, familiäre Abschieben der Kinder vor den Fernseher“, das sind für ihn die Gründe dafür, dass viele Talente nicht ausreifen können. In seiner Initiative, für die ihm auch das Bundesverdienstkreuz verliehen worden ist, spiegelt sich sein eigener Werdegang.

          Die besondere Reaktionsschnelligkeit

          Er löste häufig Diskussionen über vermeintliche Frühstarts aus. Heutzutage verschaffen Computer Gewissheit. „Die Kampfrichter hatten keinerlei akustische Hilfsmittel und waren auf den Augenschein angewiesen. Man war ihnen schon ausgeliefert. Mit mir hatten sie es nicht so leicht, denn sie wollten sich verständlicherweise nicht dem Vorwurf aussetzen, einen Frühstart übersehen zu haben. Aber sportwissenschaftliche Untersuchungen, die damals in Freiburg mit mir gemacht wurden, bestätigten, dass ich wirklich eine besondere Reaktionsschnelligkeit hatte und nicht etwa zu früh losrannte“, erzählte Hary einmal.

          „Wer Erfolg haben will, muss seinen eigenen Weg gehen und darf sich nicht alles vorschreiben lassen“, sagt Hary
          „Wer Erfolg haben will, muss seinen eigenen Weg gehen und darf sich nicht alles vorschreiben lassen“, sagt Hary : Bild: dpa

          In einem Buch zum olympischen Jubiläum „100 Jahre Spiele der Neuzeit“ 1996 wurde er mit James Dean verglichen, dem rebellierenden Jugendlichen und verletzlichen Außenseiter. In einer Fotoreportage von Robert Lebeck in der Illustrierten „Kristall“ wurde er 1960 als „Der zornige junge Sprinter“ vorgestellt. „Rebell und Außenseiter war ich nicht“, meint Hary. „Wer Erfolg haben will, muss allerdings seinen eigenen Weg gehen und darf sich nicht alles vorschreiben lassen. Ich meine damit aber nicht Besserwisserei. Man muss schon auf Ratschläge hören, sich das Beste aus der Erfahrung anderer heraussuchen. Zu meiner Zeit war jedoch der ,mündige Athlet’ noch nicht erfunden.“

          Geradeaus ins Ziel

          Das olympische Finale am 1. September 1960 kann Hary, der vorher zum Training in Kalifornien gewesen war (noch so eine ungeheuerliche Eigenmächtigkeit) noch immer minutiös schildern. „Wer mich kannte, wusste, dass ich sehr selbstbewusst war und gewinnen wollte. Ich hatte alles dafür getan und hätte mir selbst nie einen Vorwurf machen müssen, wäre es schiefgegangen. Wer an sich zweifelt, kann nie die große Leistung bringen und hat schon verloren.

          „Läufer des Jahrhunderts“: Das ist zumindest der Titel seiner Biographie
          „Läufer des Jahrhunderts“: Das ist zumindest der Titel seiner Biographie : Bild: dpa

          Das Wort Stress gab es für uns noch nicht. Ich war angespannt. Wir waren nur sechs und nicht wie heute acht im Endlauf, ich bekam Bahn sechs zugelost. Auch der erste der beiden Fehlstarts, der - das war ein bisschen enttäuschend - mir zugeschrieben wurde, brachte mich nicht durcheinander. Ich sah am Ende nicht zur Seite, sondern nur geradeaus aufs Zielband. Deshalb wusste ich zunächst nicht, dass mein Vorsprung knapper als erwartet war.“

          Er war ein „Läufer des Jahrhunderts“, wie eine Biographie betitelt ist. Dieses Jahrhundert musste allerdings erst zu Ende gehen, bis diese Erkenntnis auch in seiner Heimat bei allen ankommen konnte.

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