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Tennis-Tagebuch : Arme aus Gummi, Beine aus Knete

  • -Aktualisiert am

So sieht die deutsche Tennismeisterin aus: Andrea Petkovic Bild: AP

Sie war „diverse Male tot“, wünschte sich einen Krankenwagen herbei und bekam Post von der Polizei - doch am Ende einer aufregenden Woche freute sich Andrea Petkovic über den Titel der deutschen Tennismeisterin. Eine weitere Folge ihres Tagebuchs bei FAZ.NET.

          5 Min.

          Als ich das letzte Mal vor meinem Computer saß und eifrig in die Tasten hieb, schien es so, als wären vier Wochen meines Lebens dazu verdammt, mein Dasein auf einem Berg in der Nähe Malagas zu fristen, unter der militärischen Führung Klaus Hofsäss und zur Vorbereitung auf die Australian Open. Doch im letzten Augenblick vor meiner Abreise erreichte mich eine erlösende Nachricht per Post.

          Da es eine Nachricht der Polizei war, die mich dringend dazu aufforderte, einem Aufbauseminar nachzugehen, fanden meine Eltern die Nachricht nicht ganz so erlösend wie ich. Für unbescholtene Menschen mit reiner Weste eine kurze Erläuterung: In Aufbauseminaren sitzen böse Fahranfänger, die in ihrer Probezeit mehr als zwanzig Stundenkilometer zu schnell gefahren sind oder ähnlich gefährliche Delikte zu vermelden haben. Diese Aufbauseminare bestehen aus vier Sitzungen à 135 Minuten, die über vier Wochen verteilt sein müssen - und aus einer Fahrprobe, bei der man erzählt bekommt, man könne nicht Auto fahren.

          Der Haussegen hing gründlich schief

          Nicht, dass ich etwa wagen würde zu behaupten, ich könnte es. Dank meiner außergewöhnlichen Fähigkeiten schaffte ich es jedenfalls tatsächlich, genau einundzwanzig Stundenkilometern zu schnell zu fahren, dabei von einer fest installierten Maschine geblitzt zu werden und auf dem Foto so eindeutig Ich zu sein, dass in keinster Weise Zweifel bezüglich der Nachschulung gehegt werden konnten. Diese befreite mich zwar von einem vierwöchigen Aufenthalt auf dem Berg, aber trieb meine Eltern verständlicherweise in schiere Verzweiflung. Ich fiel in Ungnade. Der Haussegen hing gründlich schief, nicht nur wegen des Aufbauseminars, sondern auch wegen der neuen Trainingssituation.

          Unter den gegebenen Umstände erschien die verlorene Tochter - also ich - passend zur Vorweihnachtszeit wieder auf der Hausmatte und bat den Vater, das Training die kommenden vier Wochen zu leiten. Da einem Vater nichts anderes übrig bleibt als einzuwilligen, geschah es, dass ich mich wieder zurück zu den Wurzeln begab. Das hieß morgens eine zweistündige Trainingseinheit bei Papa und nachmittags Tennis- und Konditionstraining im Hessischen Tennis-Verband beim schönen Herrn Menge (Dauer- und Cheftrainer des HTV).

          Es konnte ja keiner ahnen, was dann passierte

          Der Blick war selbstverständlich immer Richtung Australien gerichtet. Es gab einige Zwischenhalte zu beachten, wie zum Beispiel das 100.000-Dollar-Turnier in Frankreich, bei dem ich meine Position unter den Top 100 bis zum Ende des Jahres sichern musste, und die deutschen Meisterschaften. Das neu organisierte Training schien zu fruchten, denn die erste Hürde wurde erfolgreich gemeistert. Ich erreichte im französischen Poitiers das Viertelfinale, wobei ich auf dem Weg dorthin Kirsten Flipkens glatt in zwei Sätzen besiegte, gegen die ich einen Monat zuvor in Luxemburg kläglich untergegangen war. Ein Platz unter den 100 besten Tennisspielerinnen der Welt war gesichert. Das Überqueren der zweiten Hürde sollte sich als deutlich anstrengender erweisen.

          Alle Jahre wieder stehen kurz vor Weihnachten die deutschen Meisterschaften vor der Tür, immer in einer anderen Stadt unseres schönen Landes, diesmal in Biberach, und immer mit einem Mixed-Wettbewerb aufgefrischt. Auch diesmal enttäuschte der Briefträger nicht und brachte ganz klassisch eine Einladung ins Haus. Wenn man sich dem Tennis nun professionell widmet und dabei nicht gerade erfolglos ist, liegen die „Deutschen“ in einem gänzlich ungünstigen Zeitraum.

          Ende November, Anfang Dezember trudelt die Art des Tennisspielers gerade aus dem Urlaub zurück und befindet sich in einer extremen Trainingsphase, um sich auf die kommende Saison vorzubereiten, so auch bei mir geschehen. Ich entschied gemeinsam mit meinem Vater und Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner, dass ich trotz des Turniers voll durchtrainieren und abwarten würde, was passiert. Es konnte ja auch keiner ahnen, was dann wirklich passierte.

          Der Siegeswille erwachte

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