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Anti-Homosexuellen-Gesetz : Werden schwule Sportler bald ausgeschlossen?

  • -Aktualisiert am

NBA-Spieler Jason Collins (r.) war der erste Profisportler in Amerika, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hat Bild: Imago

Ein neues Gesetz, das die öffentliche Diskriminierung von Homosexuellen in Indiana erlaubt, empört die amerikanische Sportwelt. Vor dem Meisterschaftsfinale im College-Basketball wird über einen Boykott nachgedacht.

          Das Bürogebäude an der East Washington Street im Zentrum von Indianapolis ist zwar einigermaßen groß, aber nicht besonders attraktiv. Weshalb kaum jemand auf die Idee kommen würde, dass es gleich zwei Sportverbände beherbergt, die bei Olympischen Sommerspielen regelmäßig Medaillen absahnen – nämlich die amerikanischen Leichtathleten und Turner. Auch die Kunst- und Turmspringer koordinieren von dem zwölfstöckigen Hochhaus aus ihre landesweiten Aktivitäten. Genauso wie die Synchronschwimmer.

          Diese Zusammenballung ist kein Zufall. Die Stadt hat Amerikas Sportmanager seit Anfang der neunziger Jahre gezielt umgarnt, damit sie sich in Indianapolis niederlassen, und nebenbei für moderne Sportanlagen gesorgt. Die Ambitionen waren groß und sorgten für Veranstaltungen von internationalem Zuschnitt wie Ruder- und Basketball-Weltmeisterschaften und Panamerikanische Spiele. 2012 richtete die Stadt den Super Bowl aus. Zwischendurch machte sogar die Formel 1 auf dem berühmten Motor Speedway-Oval Station.

          Deckmantel der „religiösen Freiheit“

          Doch seit einer Woche fühlen sich einige der Sportverantwortlichen ziemlich unwohl in ihrem erzkonservativen Domizil. Da ließ der Gouverneur von Indiana ein Gesetz in Kraft treten, das es gläubigen Bewohnern des Bundesstaats gestattet, willkürlich Homosexuelle zu diskriminieren. Zum Beispiel, indem man sich weigert, sie zu beschäftigen oder sie in einem Geschäft zu bedienen. Alles unter dem Deckmantel „religiöser Freiheit“, womit in den Vereinigten Staaten jahrhundertelang selbst Rassentrennung und die Unterdrückung schwarzer Amerikaner gerechtfertigt wurde.

          Die Maßnahme beeinträchtigt nun das Meisterschaftsfinale im College-Basketball namens „Final Four“, das im überdachten Football-Stadion der Indianapolis Colts vor mehr als 70.000 Zuschauern stattfindet. Mark Emmert, der Präsident der National Collegiate Athletic Association (NCAA), sah sich genötigt, zu erklären: „Wir werden alles tun, damit die Spieler und Besucher nicht unter diesem Gesetz leiden.“ Der ehemalige Profi Charles Barkley, heute ein populärer Fernsehkommentator, wurde noch deutlicher: „In jedem Staat, in dem es Anti-Schwulen-Gesetze gibt“, sagte er, „sollte es keine Großveranstaltungen wie den Super Bowl oder die ,Final Four‘ geben.“

          Doch bis zu einem Boykott ist es weit. Selbst die einflussreiche NCAA, die jedes Jahr mehr als eine Milliarde Dollar vor allem aus Fernsehlizenzen einnimmt und den größten Teil an die Universitäten verteilt, tut sich schwer, eine konsequente Linie zu fahren. Sie zog 1999 mit 300 Angestellten nach Indianapolis und verpasste dem Image der Sportstadt eine Art Gütesiegel. Was dringend nötig war. Amerikas Hochschulen gelten als Bastionen fortschrittlichen Denkens. In Indiana aber gehörten einst ein Viertel der weißen Männer zum Ku-Klux-Klan. Allein 50.000 waren in Indianapolis als zahlende Mitglieder registriert.

          Demgegenüber zeigen sich Sportligen wie die NBA, die im vergangenen Jahr einen rassistischen weißen Teambesitzer herausdrängte, ehe die schwarzen Spieler mit Protestaktionen den Vorgang zum Politikum machen konnten, zunehmend als gesellschaftspolitisch aufgeschlossen. Das beste Beispiel bot die Solidarität rund um das Comingout des homosexuellen Basketballprofis Jason Collins vor zwei Jahren. Zahlreiche Football-Profis engagierten sich derweil öffentlich in der Auseinandersetzung um die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen.

          An der Fassade eines Hotels in Indianapolis wird das „Final Four“ beworben

          Collins hat die Absicht, die „Final Four“ zu besuchen, und fragte den Gouverneur vor der Unterzeichnung des „Religious Freedom Restoration Act“ auf Twitter vorsorglich: „Wird es gesetzlich erlaubt sein, dass man mich und andere diskriminieren kann?“ Sein Agent Arn Tellem legte der NCAA und allen Profi-Ligen nahe, „diese offensichtlich verfassungswidrige Gesetzgebung nicht nur zu verurteilen, sondern auch energisch ihre kurz- und langfristigen Pläne im Staat zu überdenken“.

          Während Mark Emmert für die NCAA zunächst nur vorsichtig ankündigte zu analysieren, wie sich das Gesetz auf „zukünftige Veranstaltungen und unsere Angestellten“ auswirken werde, reagierten einige Unternehmen bereits. Die Cloud-Computing-Firma Salesforce sagte alle Reisen ihrer mehrere tausend Mitarbeiter starken Belegschaft nach Indiana ab. Angie’s List, ein in Indianapolis ansässiger Informationsdienstleister, strich alle neuen Bauvorhaben und prüft den Umzug in einen anderen Teil der Vereinigten Staaten. Was nicht ganz einfach wird. Ähnliche Gesetze existieren bereits in zahlreichen konservativen Bundesstaaten oder liegen beschlussfertig bereit.

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