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Dopingvorwürfe im US-Football : Lügt der Kronzeuge?

  • -Aktualisiert am

Zu Unrecht beschuldigt? Broncos-Quarterback Peyton Manning Bild: AFP

Der Footballstar Peyton Manning weist die angeblichen Doping-Enthüllungen des TV-Senders Al Jazeera zurück. Auch Charlie Sly, der mit versteckter Kamera gefilmt wurde, hat seine Anschuldigungen mittlerweile widerrufen.

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          Der Kronzeuge heißt Charlie Sly, und seinen Nachnamen kann man mit „gerissen“, „durchtrieben“ oder „hinterhältig“ übersetzen. Der Name ist echt. Den hatte er schon immer, zum Beispiel, als er mit einem talentierten Footballspieler und späteren NFL-Profi zur Schule ging. Doch ob Slys Enthüllungen echt sind, steht auf einem ganz anderen Blatt. Als ihm klarwurde, dass er vor versteckten Kameras des amerikanischen Ablegers des Fernsehsenders Al Jazeera sein Wissen über ein bislang unbekanntes, umfangreiches Doping-Netz mit Kunden aus Football und Baseball enthüllt hatte, entschloss er sich zu einer ungewöhnlichen Gegenmaßnahme.

          Sly stellte sein Smartphone an und filmte einen Widerruf, den er noch vor der Ausstrahlung der Sendung ins Netz stellte. Seine wichtigste Aussage: Alles, was er bei den Recherchen für die TV-Dokumentation gesagt haben könnte, sei „absolut falsch“. Und er schob zur Sicherheit nach: „Ich widerrufe jedwede Aussage. Egal, welche Erklärung ich gemacht habe – an dem, was Al Jazeera senden wird, ist nichts wahr.“

          Es wäre demnach falsch, dass sich Peyton Manning von den Denver Broncos, einer der besten Football-Quarterbacks der Geschichte, auf illegalen Wegen Wachstumshormon besorgte? Und es wäre auch nicht wahr, was Sly über seinen Schulfreund Dustin Keller berichtete: Der soll das Prohormon Delta-2 konsumiert haben, bevor seine hoffnungsfrohe NFL-Karriere bei den Miami Dolphins wegen einer schweren Knieverletzung zu Ende ging.

          Und auch die Aussagen über den Doping-Konsum der Baseballprofis Ryan Howard von den Philadelphia Phillies und Ryan Zimmerman von den Washington Nationals waren alle erfunden? Während Sly seitdem noch kein einziges Mal mit Journalisten gesprochen hat, sahen sich andere genötigt, sich zu äußern. Manning etwa, einer der höchst bezahlten und populärsten Spieler in der NFL, wies am Sonntag in einem Live-Interview aus dem Stadion jeden Verdacht von sich. Das sei „alles kompletter Müll“.

          Dementis wirken nicht überzeugend

          Dabei wirken die Dementis nicht überzeugend. Ein Vorwurf aus dem Film etwa, wonach das Wachstumshormon per Post an Mannings Frau ging, steht nach wie vor unbeantwortet im Raum. Im Kern der Kontroverse geht es um die Rolle einer medizinischen Praxis in Indianapolis – dem Guyer Institute –, das seine Dienste mit den Worten anpreist, „als Ihr Arzt ist es unser Ziel, Ihrer internen Biochemie zu helfen, damit sie länger und dynamischer leben“.

          Eigentümer Dale Guyer gab immerhin inzwischen zu, dass Sly 2013 als Praktikant ein paar Monate lang im Haus war. Sein Spezialgebiet: Pharmakologie. Aber seinen Patienten Manning habe er in dieser Zeit gar nicht behandelt. Es sei ganz offensichtlich, teilte Guyer mit, „dass Herr Sly die ganze Geschichte erfunden hat. Die Gründe kann ich nicht nachvollziehen“.

          Während der erste Reflex in den Medienberichten in den Vereinigten Staaten der Kontroverse um Figuren wie Manning galt, gingen andere bemerkenswerte Rechercheergebnisse des Films (Titel: „The Dark Side“) völlig unter. Darunter die Arbeit des Apothekers Chad Robertson und des Naturheilkundlers Brandon Spletzer, die beide in Vancouver residieren und zusammenarbeiten. Sie outeten sich – ebenfalls vor versteckter Kamera – als bereitwillige Doping-Helfer. Ihre Ambition: mit Hilfe einer speziellen Firma namens ProMed professionelle Athleten und ehrgeizige Amateursportler als Kunden zu gewinnen.

          Robertson nannte zwei Namen

          Robertson nannte zumindest zwei Namen von Abnehmern: Mike Neal und Clay Matthews, zwei Footballprofis in Diensten der Green Bay Packers. Und er deutete an, auf welchen dunklen Kanälen man die Päckchen mit den leistungssteigernden Mitteln zum Beispiel sicher nach Großbritannien schicken könnte.

          Die Filmemacher hatten als Rechercheur den ehemaligen britischen Hürdenläufer Liam Collins angeheuert, der in seinen Gesprächen die Geschichte auftischte, wonach er sich für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro qualifizieren wolle und starke Mittel zur Leistungssteigerung brauche. Der 37-Jährige, der 2004 nur knapp die Olympiaqualifikation für das britische Team verpasst hatte, ist allerdings kein Saubermann. Er hatte vor fünf Jahren zusammen mit einem Partner in seiner Heimat zahlreiche kleine Immobilieninvestoren um insgesamt mehr als eine Million Euro betrogen.

          „Versuch, Schlagzeilen zu produzieren“

          Doch nicht nur deshalb warnte Victor Conte vor den Aussagen des Films. Der Mann, der als Doping-Helfer für die Leichtathleten Marion Jones und Tim Montgomery gearbeitet hatte, war vom Al-Jazeera-Team vor Beginn der Dreharbeiten um Hilfe gebeten worden. Man wolle eine „explosive, riesige Geschichte“ drehen, um Zuschauer zu gewinnen.

          Das Resultat betrachtet Conte, der sich inzwischen als Alliierter im Anti-Doping-Kampf betrachtet, als reinen „Versuch, Schlagzeilen zu produzieren“. Und zwar auch deshalb, weil seiner Einschätzung nach das angeblich durch Tests nicht nachweisbare Prohormon Delta-2 „ein schwaches anaboles Mittel“ sei. Und ein Wachstumshormon für sich allein genommen habe ohne gleichzeitig eingenommene Anabolika keine leistungssteigernde Wirkung, schrieb er auf Twitter. Sein Fazit: „Nur Uneingeweihte werden irgendetwas von dem glauben, was Charles Sly vor der Kamera sagt.“

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          Unser Autor: Martin Benninghoff

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