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Handball : Denker, Lenker, PR-Mann: Andy Schmid ist überall

  • -Aktualisiert am

Andy Schmid füllt die Lücke, die Uwe Gensheimer nach seinem Weggang zum PSG hinterlassen hat. Bild: dpa

Andy Schmid übernimmt als Kapitän die Hauptrolle bei den Rhein-Neckar-Löwen. Da dem Schweizer spektakuläre Auftritte mit seiner zu bedeutungslosen Nationalmannschaft verwehrt bleiben, sucht er die Herausforderung auch in der am Samstag beginnenden Spielzeit bei den Badenern.

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          Spaß am Handball hat Andy Schmid eigentlich immer. Diesmal noch ein bisschen mehr. Im Sommer hatte der 33 Jahre alte Schweizer nämlich wieder frei. Es gefällt ihm aber gar nicht, immer zuschauen zu müssen, wenn sich die Stars alle vier Jahre bei Olympia messen. Auch bei EM und WM fehlt der famose Spielmacher der Rhein-Neckar Löwen, weil sein Land einfach nicht stark genug für die Qualifikation ist. „Physisch ist das gut, psychisch ist das schwer, weil ich mich mit den Besten messen möchte“, sagt Schmid.

          Das wird aber wohl bis zu seinem Laufbahnende nur auf Vereinsebene möglich sein, und hier hat der Profi, der drei Mal nacheinander zum wichtigsten Spieler der Bundesliga gewählt wurde, in dieser Saison eine besondere Rolle inne. Löwen-Trainer Nikolaj Jacobsen bestimmte ihn zum Kapitän, weil Uwe Gensheimer die Badener in Richtung Paris verlassen hat. Schmid soll fortan nicht nur wie gewohnt Denker und Lenker auf dem Platz sein, sondern auch die Lücke füllen, die Gensheimer in Sachen Vermarktung und Öffentlichkeitswirkung hinterlassen hat. Eigentlich zweifelt niemand daran – Schmid und seine Familie, die norwegische Frau Therese und zwei Kinder samt Hund Kobe, scheuen die Öffentlichkeit im heimischen Heidelberg nicht. Er ist ein kluger Spieler zum Anfassen und einer, der polyglotten Charme in das Gebilde Rhein-Neckar Löwen einbringt.

          Trainer Nikolaj Jacobsen traut seinem Kapitän die Rolle zu.
          Trainer Nikolaj Jacobsen traut seinem Kapitän die Rolle zu. : Bild: dpa

          Am Mittwoch, beim Supercup gegen den SC Magdeburg, gab es gleich zum Saisonbeginn eine beeindruckende Andy-Schmid-Show. Den feinen Spielzug beendete Rafael Baena gerade noch mit einem Treffer, er beeilte sich dann aber, vom Kreis wegzukommen, den Namen „Andy!“ zu rufen und seinem Regisseur mit erhobenem Daumen zu danken. Kreisläufer im Handball können ihren Dienst nur erfolgreich versehen, wenn sie vielversprechend in Szene gesetzt werden. Andy Schmid inszenierte seine Kreisanspiele mit Genuss. Da mochte die Lücke für den Ball noch so klein sein – er steckte das Spielgerät doch seinem Kollegen an der Linie zu. Zur Not passte er durch die Beine des Gegners oder spielte den Ball hinter dem Rücken. An diesem Samstag in Mannheim (15 Uhr)  können die Magdeburger zeigen, dass sie aus der Supercup-Niederlage gelernt haben – am ersten Spieltag der Bundesliga treffen die beiden wieder aufeinander.

          Dass Andy Schmid seinen Vertrag trotz vieler Angebote bis 2020 verlängert hat, macht ihn in der gelbschwarzen Fangemeinde nur noch beliebter. Mehr Druck als sonst will er sich als Gesicht der Löwen aber nicht auferlegen. Er sagt: „Ich weiß, dass viel auf meinen Schultern lastet. Aber es bekümmert mich nicht. Ich habe in erster Linie große Anforderungen an mich selbst.“

          „Es tut gut, dass diese Sprüche jetzt wegfallen“

          Große Erwartungen dementieren sie bei den Löwen im Allgemeinen. Sein Favorit sei Flensburg, sagt Schmids Trainer Nikolaj Jacobsen. Trotz der Meisterschaft vom Juni wähnen sich die Löwen in der Außenseiterrolle; die Last, siegen zu müssen, liegt auf den Schultern anderer – so nehmen sie es zumindest wahr. „Wir haben von den sechs Teams, die oben stehen werden, den kleinsten Kader, aber wir wollen wieder angreifen“, sagt Jacobsen. Natürlich stapelt er tief. Der Meistertitel hat den Löwen immerhin das Stigma genommen, nichts gewinnen zu können. „Es tut gut, dass diese Sprüche jetzt wegfallen“, sagt Andy Schmid.

          Und auch ohne Gensheimer können die Badener auf eine geschlossene Gruppe zurückgreifen, die in dieser Form seit langem zusammenspielt. Vor allem die Abwehr ist stark – in der Vorsaison stellten die Löwen die beste Deckung der Liga. Hendrik Pekeler und Gedeon Guardiola im Mittelblock lassen jeden gegnerischen Angriff zu einer schmerzvollen Angelegenheit werden. Dazu haben die Löwen neben Mikael Appelgren einen zweiten Schweden für das Tor geholt, Andreas Palicka. Der konnte den Schritt zur Weltklasse in seinen Kieler Jahren zwar nie vollziehen, bleibt aber ein guter und routinierter Torwart. Keiner der Rückraumakteure hat zudem eine olympische Belastung zu beklagen. Weder Schmid noch der Schwede Kim Ekdahl du Rietz oder der Isländer Alexander Petersson ackerten in Rio.

          Eingespielt, ausgeruht und durch den Titel beruhigt – die Rhein-Neckar Löwen dürften wieder vor einer guten Saison stehen. Dabei wissen sie, dass vieles passieren darf, nur eines nicht: Andy Schmid muss fit bleiben, denn sein Ersatz, der Däne Mads Mensah Larsen, spielt eher halblinks und in der Mitte nur im Notfall. „Ich mache mir da keine Sorgen. Ich habe seit sechs Jahren kein Spiel für die Löwen verpasst“, sagt Schmid.

          Jacobsen dämpft die Belastung zusätzlich, da sich Schmid auf die Angriffe konzentrieren darf. In die Abwehr muss er nicht. Obwohl er gern würde: „Das gehört zu einem kompletten Handballer. Insofern bin ich keiner“, sagt Schmid bescheiden. Wer seine Kreisanspiele sieht, denkt: soll er sich doch bloß nicht in der eigenen Deckung aufreiben.

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