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Tour de France : Andy Schleck erobert Gelb, Evans die Favoritenrolle

  • -Aktualisiert am

Etappensieger in Alpe d'Huez: Pierre Rolland Bild: AFP

Der Luxemburger Andy Schleck hat bei der Tour de France das Gelbe Trikot erobert. Beim Etappensieg des Franzosen Pierre Rolland in Alpe d'Huez nimmt Schleck Thomas Voeckler das begehrte Textil ab. Favorit ist nun aber Cadel Evans.

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          Nach Lage der Dinge stellt sich die Tour de France im Finale als ein Fall für Zwei dar. Als ein Duell zwischen Andy Schleck und dem jetzt hoch gehandelten Australier Cadel Evans. Aber was gilt schon als sicher bei dieser Tour des ständigen Wandels? Der vermeintliche Zweikampf zwischen Schleck und Evans kristallisierte sich am Freitag heraus, beim letzten Alpen-Ausflug des Pelotons, bei dem der Franzose Pierre Rolland als Solist in L'Alpe d'Huez siegte, vor Samuel Sanchez und dem wiedererstarkten Alberto Contador. Der Luxemburger Schleck übernahm wie erwartet das Gelbe Trikot von Rollands Teamkollegen Thomas Voeckler, der endgültig an Grenzen stieß auf der 19. Etappe mit 21 schwierigen Kehren zum Abschluss.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Der Showdown bei der Tour steigt nun an diesem Samstag, in einem 42,5 Kilometer langen Zeitfahren rund um Grenoble. Andy Schleck führt mit 53 Sekunden Vorsprung vor seinem Bruder Fränk Schleck, Evans liegt aber als Dritter lediglich 57 Sekunden hinter Andy Schleck - und er ist ein ausgezeichneter Zeitfahrer. Der Australier, der sehr stabil auftritt in diesen Tagen, könnte damit zum großen Schlag ausholen in Grenoble, er muss auf alle Fälle als Favorit betrachtet werden. „Eigentlich ist alles drin“, sagte Torsten Schmidt, Schlecks sportlicher Leiter, trotz der heiklen Lage. „Wir müssen an das Positive denken.“

          Contador, der tags zuvor noch bei der Ankunft auf dem Galibier ein entzauberter Champion war, schwer geschlagen von Schleck, kam wieder überraschend leichtfüßig voran am Freitag. Der Spanier attackierte erstmals 93 Kilometer vor dem Ziel, beim Anstieg zum Col du Telegraphe. 12,5 Kilometer unterhalb des letzten Gipfels wiederholte er das, ohne sich aber letztlich durchsetzen zu können.

          Gelb im Sinn: Andy Schleck hat den Gesamtsieg vor Augen
          Gelb im Sinn: Andy Schleck hat den Gesamtsieg vor Augen : Bild: REUTERS

          Der tapfere Johnny stieg zum Idol auf

          Es war dennoch eine der vielen unerwarteten Wendungen bei dieser Tour, die eine Kapriole nach der anderen geboten hat, mit verschiedenen Hauptdarstellern. Contador, der dreifache Tour-Sieger, also erst am Boden und dann wieder obenauf - und Andy Schleck, erfolgreicher Einzelkämpfer nach Tagen des Zögerns, hatte schon am Donnerstag einen „Höhenrausch“ in seiner Heimat ausgelöst. Er wurde sofort mit einer anderen Radsport-Größe aus dem Großherzogtum verglichen, mit Charly Gaul, der 1958 die Frankreich-Rundfahrt gewonnen hatte. Wie einst Gaul habe nun auch Schleck angegriffen, hieß es stolz in Luxemburg; man hatte dort seit Tagen schon einem solchen Moment bei der Tour entgegengefiebert. Und auch ein Däne ließ sich mitreißen von der beeindruckenden Vorstellung des hageren Andy Schleck auf dem Galibier. „Er hat Geschichte geschrieben“, behauptete Brian Nygaard, der Manager des neuen Luxemburger Teams Leopard-Trek. Schleck bereitete damit die Episode in Gelb vor, die für ihn aber gleich wieder beendet sein könnte.

          An Spannung mangelt es bei dieser Tour keinesfalls, und vermutlich liegt das auch daran, dass die Hierarchien im Peloton flacher geworden sind. Kein dominierender Profi mehr, kein Patron, der stets alles unter Kontrolle hätte. So hatten nun selbst Rennfahrer eine Plattform, in deren Land der Radsport eher nebensächlich zu sein scheint und die Hauptattraktion dieses Sports ein Rennen namens Ringerike Grand Prix ist. Aber Norweger können doch sehr kräftig in die Pedale treten, wie die vier Etappensiege von Thor Hushovd und Edvald Boasson Hagen zeigten. Und sogar die eigentlichen Sporthelden der Nation verbeugen sich nun tief vor diesen beiden Männern. „Edvald, du bist der König“, ließ nach dem zweiten Streich Hagens der Super-G-Olympiasieger Aksel Lund Svindal ehrfurchtsvoll wissen. Ski meets Rad - wirklich eine eigenartige Tour. In der Siegerliste des Ringerike Grand Prix tauchen die Herren Hushovd und Hagen übrigens ebenfalls auf.

          Noch sind sie bei der Tour dabei, was durchaus erwähnenswert ist, da inzwischen nicht wenige der ursprünglich gestarteten Profis dem Feld nicht mehr angehören. Wegen Dopingverdachts wie der Russe Alexander Kolobnew, oder wegen körperlicher Beschwerden als Sturzfolge. Der Niederländer Johnny Hoogerland allerdings mochte nicht klein beigeben, obwohl er - wegen eines unachtsamen Autofahrers - in einen Stacheldrahtzaun geschleudert wurde und mit mehr als 30 Stichen genäht werden musste. Dass Hoogerland durchhielt, öffnete ihm die Herzen seiner Landsleute: Der tapfere Johnny stieg in den Niederlanden, selbst ohne ersten Platz bei der Tour, zum Idol auf. Als Bruchpilot galt einst auch der Australier Evans, aber das ist längst Geschichte. Mittlerweile sitzt er, meistens jedenfalls, fest im Sattel. Und obwohl das Werk in Frankreich noch nicht vollbracht ist, huldigt ihm Australien bereits wegen seiner aussichtsreichen Position. Ein Parlamentsmitglied brachte sich jetzt mit der Forderung ins Gespräch, einen „nationalen Cadel-Evans-Tag“ auszurufen. Es ist tatsächlich eine Tour mit wundersamen Entwicklungen.

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