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Andy Roddick : Der vierte Mann im Quartett

Selbstbewusster Amerikaner: Dass er in Wimbledon unterschätzt wird, stört ihn offenbar nicht Bild: dapd

Wer - außer den großen Drei - kann in Wimbledon gewinnen? Die britischen Medien legen sich auf den Schotten Andy Murray fest - und übersehen dabei den Amerikaner Andy Roddick.

          Die Frage schien Andy Roddick sichtlich zu irritieren. Ob ihm einer aufgefallen sei, der es hier in Wimbledon abgesehen von den großen Vier in das Halbfinale oder Finale schaffen könnte? Diese großen Vier sind genau genommen eigentlich nur drei, namentlich Rafael Nadal, Roger Federer, und Novak Djokovic, die zusammen 28 Grand-Slam-Titel gewonnen haben. So genau aber nehmen es die britischen Medien momentan nicht, deshalb zählen sie Andy Murray zum erlauchten Kreis und haben damit das Quartett vervollständigt. Der Schotte aber hat noch keinen Titel bei den vier großen Turnieren gewinnen können - seine Finalteilnahme in New York (2008) und die beiden Endspiele in Melbourne (2010 und 2011) endeten jeweils mit einer Niederlage. Es scheint aber ausgemacht, dass die ersten Vier der Weltrangliste wie in Paris im Semifinale unter sich sind - oder fällt Roddick etwa ein Kandidat ein? Der Amerikaner schaute verwundert hoch, als könne er gar nicht glauben, dass ausgerechnet er so etwas gefragt wird. „Ich kann hier bis ins Halbfinale oder Finale kommen. Ich habe es ja schon gemacht.“

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Bei den Prognosen in den englischen Medien scheint die Vergangenheit keine Rolle zu spielen. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Roddick in Wimbledon drauf und dran war, endlich seinen zweiten Grand-Slam-Titel seit seinem Erstlingswerk bei den US Open 2003 zu gewinnen. Vor zwei Jahren unterlag er in einem mitreißenden Finale 7:5, 6:7, 5:7, 6:3 und 14:16 gegen Roger Federer, und vielleicht hatte ihn nur ein Flüchtigkeitsfehler im Tiebreak des zweiten Satzes um den großen Triumph gebracht. In den britischen Medien ist das alles kein Thema, vielleicht will aber auch niemand böse Geister wecken. Denn Roddick könnte im Viertelfinale ein möglicher Gegner von eben jenem Murray sein, der das 75 Jahre andauernde Warten auf einen britischen Sieger beenden soll. Dass der hoch gehandelte Schotte dabei ähnlich wie einst Tim Henman noch kein einziges Mal das Finale im Londoner Südwesten erreicht hat, wird so großzügig ausgeblendet wie Roddicks Wimbledongeschichte übersehen wird. Der Amerikaner hatte schließlich schon vor 2009 zwei Treffen mit Federer im Finale - dummerweise endeten auch sie 2004 und 2005 jeweils mit Niederlagen.

          „Bevor ich jemanden anpöble, besiege ich ihn lieber auf dem Platz“

          Roddick ist lange genug dabei, um nicht in die allgemeine Hysterie um die großen Vier einzusteigen, hat sich eine etwas weiter gefasste Sicht der Dinge bewahrt. „Wir neigen dazu, die Gegenwart immer etwas zu überschätzen“, sagt der Amerikaner, wenn mal wieder die Rede davon ist, dass die Qualität in der absoluten Weltspitze noch nie so hoch gewesen sei wie derzeit. „Als ich anfing, habe ich gegen Pete Sampras und Andre Agassi spielen müssen. Und richtig schlecht waren die eigentlich auch nicht“, sagt der nicht nur auf dem Tennisplatz schlagfertige 28 Jahre alte Texaner. Auch den Vorschlag seines Landsmanns John McEnroe, künftig doch auf das Einspielen vor Spielbeginn zu verzichten, kontert er in Sekundenschnelle mit beißender Ironie: „Es ist einfach, auf das Warmmachen zu verzichten, wenn man es nicht mehr machen muss.“

          Andy Roddick: „Wir neigen dazu, die Gegenwart immer etwas zu überschätzen”

          So unterhaltsam wie auf dem Platz präsentiert sich Roddick stets auch danach. Dass in den amerikanischen Medien mal wieder die Rede davon ist, das amerikanische Tennis sterbe quasi aus, bringt ihn dabei ebenso in Rage wie der süffisante Vorwurf von Jimmy Connors, im Vergleich zu den Rivalitäten früherer Jahre sei der Umgang der Spitzenspieler miteinander heute eher weichgespült. „Wer behauptet, Tennis in Amerika sterbe aus, übersieht entweder bewusst die Fakten oder interessiert sich nicht dafür“, sagt Roddick.

          Roddick scheint bereit für das spätere Treffen mit Murray

          Und dass Connors immerhin auch einmal sein Idol und später auch Trainer war, bewahrt die Tennislegende nicht vor einer Belehrung. „Wenn wir uns heute so benehmen würden wie die Kollegen früher, würden wir sofort disqualifiziert. Und bevor ich jemanden anpöble, besiege ich ihn lieber auf dem Platz.“ Überhaupt würden heute auch andere Dinge wie der Umgang mit den Medien oder die karikative Arbeit neben dem Platz über die Bedeutung des Einzelnen entscheiden. „Und da machen Roger Federer und Rafael Nadal keinen schlechten Job. Wenn das bedeutet, sie sind weichgespült, dann hoffe ich, wir sind alle weichgespült.“

          Dass er in Wimbledon unterschätzt wird, stört ihn offenbar nicht - vielleicht spornt es ihn sogar an, was eine zusätzliche Gefahr für Murray sein könnte. Denn trotz der Schulterprobleme, die ihn während der Sandplatzsaison plagten und wegen denen er eine Pause einlegte, schlägt er wieder auf, als sei nichts gewesen. Die Griffhaltung habe er leicht verändert, weil sich da im Laufe der Jahre etwas eingeschlichen habe, was nicht hilfreich gewesen sei. Nun ist alles wieder so, wie es war - wo Roddick hinschlägt, wächst quasi kein Gras mehr. In der zweiten Runde gegen Hanescu war sein langsamster erster Aufschlag immer noch deutlich schneller als der rasanteste Versuch des Rumänen.

          Roddick scheint bereit für das spätere Treffen mit Murray, den er insgeheim ein wenig bemitleidet: „Alles was er macht, wird beobachtet, und auf der vierten Seite kannst du lesen, wann er ein Snickers gegessen hat. Da hast du dich aber schon durch drei Seiten Murray durchgekämpft“, sagt er. Selbst wird er immer nur auf dieses Finale 2009, auf dieses 14:16 angesprochen, jeder will wissen, ob er es vergessen habe. „Habe ich nicht, warum auch? Dieses Finale war eines der größten Erlebnisse meiner Karriere. Ich habe es nur nicht gebraucht, um zu wissen, dass ich gut auf Rasen spielen kann.“ Auch die Briten sollten das besser nicht vergessen.

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