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Andy Murray : Der neue Tennis-König

  • -Aktualisiert am

Breites Grinsen: Andy Murray mit der Siegertrophäe von Paris Bild: AP

Andy Murray übernimmt die Spitzenposition in der Weltrangliste im Tennis. Dabei profitiert der Brite auch von einer Sinnkrise seines Konkurrenten Novak Djokovic.

          Andy Murray saß in der Umkleidekabine der Halle von Paris-Bercy und bereitete sich auf das bevorstehende Halbfinale gegen Milos Raonic vor. Auf das Spiel, von dem er wusste: Gewinne ich, dann bin ich am Montag die Nummer eins der Weltrangliste. Als er sich zur Einstimmung auf seinem iPad Video-Sequenzen aus Spielen des Gegners ansah, ging die Tür auf, und der Kanadier kam herein. Murray wusste, was das zu bedeuten hatte; er klappte den Deckel des Gerätes zu und vernahm Raonics Botschaft, der ihm mitteilte, er könne wegen einer Verletzung nicht spielen. Am Abend zuvor hatte sich Murray vorm Einschlafen noch vorgestellt, wie es sein würde, mit einem Sieg auf dem Gipfel zu landen, mit Beifall belohnt von 10.000 Franzosen. Und nun passierte es einfach so.

          Wie man in einer solchen Situation reagiert? Er schulterte die Tasche, ging mit seinem Coach Jamie Delgado - Ivan Lendl war nicht in Paris dabei - in die Halle, wo die Leute auf ein Spiel warteten, das nicht stattfinden würde, und zur allgemeinen Begeisterung spielte er beim ersten Auftritt als virtuelle Nummer eins des Männertennis mit breitestem Grinsen und sichtlichem Vergnügen Doppel mit drei Ballkindern. Auf dem Videowürfel über dem Platz stand auf rotem Untergrund in großen Buchstaben: Andy world no.1. Und auf der Tribüne stand eine schmale Frau mit kurzen Haaren, die die Szenerie mit dem Handy fürs Archiv der Familie festhielt - Judy Murray, die Mutter.

          Vor dem Finale am Sonntag gegen John Isner aus den Vereinigten Staaten, das er 6:3, 6:7 (4:7), 6:4 gewann, standen für Murray 10.785 Punkte in der Rangliste zu Buche und damit fünf mehr als für Novak Djokovic. Der Serbe hatte mit seiner Niederlage im Viertelfinale gegen Marin Cilic die letzte Steighilfe für Murray in den Fels geschlagen, aber dass es bereits in Paris zum Machtwechsel kam, ist auch eine Folge der speziellen Ranglisten-Arithmetik.

          Komplizierte Weltranglistenarithmetik

          Djokovic werden an diesem Montag nicht nur 1000 Punkte für den Sieg in Bercy vom vergangenen Jahr abgezogen, sondern auch 1300 Punkte für den Titel bei den ATP Finals 2015 - das Turnier der Besten anno 2016 beginnt am kommenden Sonntag in London. Minus 2300 bei Djokovic gegenüber minus 800 bei Murray, so landete der Schotte am ersten Wochenende im November 2016 auf dem Gipfel.

          Die Glückwünsche der Kollegen ließen nicht auf sich warten. Einer der ersten Gratulanten - die meisten meldeten sich über Twitter - war Andy Roddick aus den Vereinigten Staaten, der im Januar 2004 die letzte Nummer eins vor der Ära Federer-Nadal-Djokovic gewesen war. Roger Federer meldete sich am Abend, und sein Glückwunsch nahm in gewisser Weise den Ritterschlag der Queen vorweg, mit dem nun alle rechnen. „Wir haben einen neuen König in der Stadt“, schrieb Federer. Schon Anfang April hatte sich Jamie Murray an die Spitze der Weltrangliste im Doppel gesetzt, sein Bruder Andy folgte sieben Monate später im Einzel.

          Lange hatte es so ausgesehen, als habe Andy Murray das Pech gehabt, zur falschen Zeit geboren worden zu sein. Die Giganten Federer, gegen den er 2008 in New York sein erstes Grand-Slam-Finale verlor, und Nadal standen im Weg, dann Djokovic, der sieben Tage jünger ist als er selbst. Dass er nach vielen anfänglichen Zweifeln stark genug ist, große Titel zu gewinnen, bewies er zum ersten Mal 2012, als er Olympiasieger wurde und ein paar Wochen später die US Open gewann, und vor allem im Jahr danach beim ersten Triumph in Wimbledon.

          Andy Murray in Aktion: Jubelschrei während des Finals gegen John Isner in Paris.

          Aber die Sammlung des Jahres 2016 dürfte schwer zu überbieten sein: Im Februar wurde er Vater, im Sommer gewann er innerhalb weniger Wochen den zweiten Titel in Wimbledon und die zweite olympische Goldmedaille, Glanzstücke einer Sammlung von acht Titeln auf Hartplätzen, Sandplätzen und auf Gras, drinnen wie draußen, einschließlich des Saisonfinales.

          Djokovics unerwartete Schwächephase

          Doch noch vor fünf Monaten hatte es so ausgesehen, als throne Novak Djokovic wie in Granit gemeißelt an der Spitze der Weltrangliste. Nach dem Sieg bei den French Open Anfang Juni, seinem vierten Titel in Serie bei einem Grand-Slam-Turnier, hatte er fast 1400 Punkte mehr in der Weltrangliste als Murray und Federer zusammen. Er wirkte unantastbar. Damals sagte er: „Ich glaube wirklich, dass man alles im Leben erreichen kann.“ Inzwischen, nach Wochen mit überraschenden Niederlagen, hört er sich anders an.

          Als es nach seiner Niederlage gegen Cilic um seine Chance ging, mit einem Sieg bei den ATP Finals Murray zu verdrängen und in der letzten Rangliste des Jahres wieder an der Spitze zu stehen, zögerte er eine Weile und sagte dann: „Ich muss erst mal wieder in der Gemütsverfassung sein, in der ich in der Lage bin, Spiel für Spiel meine Leistung zu bringen. Das hab ich in den vergangenen Monaten jedenfalls nicht geschafft. Es gibt ein paar Fragen, in welche Richtung ich in Zukunft gehen will, und es wird eine Weile dauern, bis ich alles neu definiert habe.“

          Vielleicht wird man in London mehr erfahren, auch was das Team des Serben betrifft. Boris Becker und Marian Vajda, die in Bercy beide nicht dabei waren, sollen in London wieder zur Stelle sein, aber auch was das zu bedeuten hat, weiß im Moment niemand. Djokovic sagt, es sei zu früh, um über personelle Dinge zu reden: „Wir werden sehen, was nächstes Jahr passiert.“ Aber es wäre unfair, Murrays Aufstieg zum Gipfel über Djokovics Sinnsuche zu definieren. Schottlands Bester ist jetzt mindestens zwei Wochen lang der Beste der Welt; er brauchte eine dreifache Portion Ausdauer und Beharrlichkeit auf dem Weg zum Gipfel. Auf einer Route, die nicht zu vergleichen ist.

          Nachdenklicher Djokovic: Wie es bei ihm - auch mit Trainer Boris Becker - weitergeht, weiß noch niemand so recht.

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