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Andy Holzer, blinder Extremkletterer : Seine Augen sind die Finger

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„Ein Berg hat eine Spitze, wo alles zusammenläuft”: Andy Holzer berührt als Neunjähriger zum ersten Mal ein Gipfelkreuz Bild:

Der blinde Extremkletterer Andy Holzer hört, fühlt und ertastet die Berge - selbst bei minus 38 Grad. Seine Ziele sind die höchsten Gipfel aller Kontinente. Unten im Tal ist ihm alles zu schnell - doch an einer senkrechten Wand gibt es kein Tempo mehr.

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          Regentropfen trommeln auf den lehmigen Bergpfad, der Nebel hat die Gipfel der Lienzer Dolomiten in Watte verpackt. Unten am Fels steht Sabine Holzer, die Hände am Seil, den Kopf im Nacken, und sorgt sich um die Finger ihres Mannes. „Rutschig ist's. Überall Wasser. Da kriegst doch nie a Halt!“ Zwanzig Meter höher tasten Andy Holzers Fingerkuppen über den nassen, glitschigen Kalk. Die linke Hand klemmt in einer streichholzschachtelbreiten Spalte, die rechte fahndet nach einer trockenen Stelle, denn wo kein Wasser fließt, sitzt ein Vorsprung - und womöglich ein Untergriff.

          Andy Holzer fühlt und ertastet den Berg, sehen kann er ihn nicht. Der Heilmasseur aus Tristach in Osttirol ist seit seiner Geburt blind. Trotzdem meistert er Felswände im siebten Schwierigkeitsgrad. Seine Finger sind wie Augen für ihn: Sie geben ihm Halt in der Wand, melden den Füßen, was sie zu tun haben. Trickreich holt der blinde Kletterer Informationen aus der Natur: Wenn der Wind um die Ecke pfeift, weiß er, dass einige Meter entfernt eine Kante aufragt. Schnalzt er mit der Zunge, werfen die Bergwände das Geräusch zurück, und er kann sie besser orten. Manchmal schleudert er Sand auf ein Felsplateau - und hört am Aufprall der Körner, wo der Abgrund beginnt. „Die Natur ist mein Kompass“, sagt Holzer. „Ohne sie würde ich immer im Kreis laufen.“

          Vier Stunden ist Andy Holzer die tausend Meter hohe senkrechte Wand hinaufgeklettert, die Füße über dem Abgrund, die Finger in den harten Fels gekrallt. Und dann auf dem Gipfel, als alle Last abfiel, sagt ihm ein Wanderer beiläufig diesen Satz ins Gesicht: „Als Blinder tust du dich ja leichter, da brauchst du keine Angst vor einem Absturz zu haben.“ Unsinn, sagt der 43-jährige Österreicher. „Ich spüre den Abgrund ständig unter mir.“ Manchmal verzweifelt er eine Handbreit über dem Boden, weil er die Höhe nicht einschätzen kann. „Meine Kletterpartner lachen dann, sagen: Andy, kannst runterkommen. Aber ich steh voll unter Strom.“

          An einer senkrechten Wand, sagt Holzer, gebe es kein Tempo mehr, da sei nichts mehr zu schnell

          Klettern sei das Logischste für einen Blinden, sagt Holzer. Es sorge für Entschleunigung. „An einer senkrechten Wand gibt es kein Tempo mehr, dein Gehirn bekommt Zeit nachzudenken.“ Unten im Tal ist ihm alles zu schnell. Da sei er ein Tollpatsch, müsse sich beim Einkauf an den Schultern seiner Frau festhalten.

          Nirvana am kältesten Berg der Erde

          Holzers Ziele sind die höchsten Berge jeden Kontinents; vier von sieben Gipfeln hat er schon bestiegen: den Elbrus im Kaukasus, den Kilimandscharo in Tansania, den Aconcagua in Argentinien und auch den kältesten Berg der Erde, den Mount McKinley in Alaska. Er erinnert sich gut daran. Bei minus 38 Grad wagten Holzer und sein Team am 30. Mai 2008 den letzten Anstieg zum Mount McKinley. 15 Kilogramm Körpergewicht hatte der Extremkletterer in zwei Wochen verloren, die Beine waren schwer wie Blei. Zweihundert Höhenmeter vor dem Gipfel peitschten den fünf Männern eisige Schneeböen ins Gesicht.

          Andy Holzer folgte allein dem Knirschen der Steigeisen seiner Vorderleute, die sich tief ins gefrorene Eis bohrten. Plötzlich übertönte der Wind das Geräusch. Holzer verlor die Orientierung, wusste nicht mehr, wo der Abgrund ist. Nur sein Hintermann konnte ihm noch helfen: Alle 200 Meter flüsterte er ihm ins Ohr, was er sah. Holzer stieg dem Bild nach. Falls er sich irrte, sollte ihm der Mann mit dem Eispickel gegen den Rucksack klopfen. „Wir sind gegangen wie im Nirvana.“

          „Du fühlst Dich als Mensch zweiter Klasse“

          Holzer kennt die Risiken solch kühner Grenzgänge. Am Berg, sagt er, sei die Gefahr offensichtlich, lasse sich kalkulieren. In seinem Heimatdorf sehen viele das anders: Ein Blinder gehöre nicht in die Berge. Jahrelang musste er nach einem Bergprofi suchen, der ihm das alpine Klettern beibrachte. „Mit 20, 25 Jahren hat mich das wahnsinnig geärgert“, sagt Holzer. „Du fühlst dich als Mensch zweiter Klasse.“ Noch heute betrachten manche ihre Route als entweiht, wenn der blinde Bergsteiger sie begangen hat.

          Die Jalousien sind zugezogen, der Arbeitsraum halb dunkel: Ein Blinder braucht keine Beleuchtung. Andy Holzer hockt vor seinem Computer und lauscht. Eine Sprachsoftware übersetzt ihm eingegangene E-Mails. Die beiden Arbeitsplätze sind das Basislager des Familienunternehmens Holzer. Hier organisieren Andy Holzer und seine Frau Sabine Vortragsreisen, suchen nach Sponsoren für teure Bergabenteuer, schneiden und vertonen Bilder und Videos für seine Multimediashow. „Es geht darum, Barrieren zu überwinden - am Berg wie im Leben.“

          „Von den Nachbarn kam nur Mitleid“

          Mit dieser Botschaft füllt der Extrembergsteiger Vortragssäle, reißt Manager, Banker, Verkäufer und Krankenpfleger aus ihrem Alltagstrott. Ein Blinder, der senkrecht den Fels hochklettert wie eine Spinne am Garagentor, der in die sauerstoff-ärmsten Gegenden dieser Erde vordringt - das berührt die Menschen, regt sie zu Träumen und Taten an. Viele Zuschauer haben Holzer geschrieben, dass er sie motiviert habe, etwas Neues anzufangen mit ihrem Leben.

          Holzer kennt sich aus im Überwinden von Hindernissen. Er wächst Ende der sechziger Jahre in Amlach auf, einem 300-Einwohner-Dorf in Osttirol. Seine Schwester Elisabeth kommt drei Jahre vor ihm zur Welt, stark sehbehindert. „Von den Nachbarn kam nur Mitleid. Wir mussten es irgendwie allein schaffen“, erzählt Vater Peter Holzer. Die Eltern lehnen den Vorschlag ab, Andy auf eine Blindenschule in Wien zu schicken. Sie wandern mit ihm, binden ihm eine Gummischnur an den Hosenbund und bringen ihm das Skifahren bei. „Wir wollten ihm das Gefühl geben, ein ganz normaler Junge zu sein“, sagt seine Mutter Maria Holzer.

          Andy sprudelt vor Tatendrang, kommt mit blauen Flecken und blutigen Knien nach Haus. Alles halb so schlimm. Er will nicht mit dem Schicksal hadern, sondern die Welt kennenlernen. Vor allem die Berge. Als Neunjähriger berührt Holzer erstmals ein Gipfelkreuz. Das pure Glück. „Für mich war das die Bestätigung, dass ein Berg eine Spitze hat, wo alles zusammenläuft“, sagt Holzer. Vor jedem Aufstieg bekreuzigt er sich. Sein Glaube gebe ihm Halt - wie das Kletterseil.

          „Was bringt dir der Berg, und was nimmt er dir?“

          Am 18. August 2002 wird dieser Glaube auf eine harte Prüfung gestellt. Es ist ein nasser Tag in den Lienzer Dolomiten. Unter Holzer öffnet sich der Abgrund, 400 Meter tief, über ihm die Laserz-Nordwand, eine fast senkrechte Kante, die 2614 Meter in den Himmel ragt. Sein Partner klettert knapp 50 Meter über ihm, als das Seil zwischen beiden nicht mehr weiterläuft. Intuitiv presst Holzer beide Hände aufs Seil. „Ich dachte, es kommt ein furchtbarer Ruck. Doch nichts passierte. Es war mucksmäuschenstill.“

          An diesem Tag verliert Andy Holzer seinen Kletterpartner Sepp Voithofer. Er sieht es nicht, doch er weiß es sofort. Das Seil hat sich in einem Haken verheddert, der Freund versucht es auszubalancieren, verliert das Gleichgewicht. Obwohl Andy Holzer keine Schuld trifft, zweifelt er erstmals am Sinn des Bergsteigens. Erst zwei Jahre später klettert er die Route noch einmal. „Irgendwann habe ich für mich eine Rechnung aufgemacht: Was bringt dir der Berg, und was nimmt er dir? Und ich habe mich für das Klettern entschieden.“

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