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Andy Holzer, blinder Extremkletterer : Seine Augen sind die Finger

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Holzer kennt die Risiken solch kühner Grenzgänge. Am Berg, sagt er, sei die Gefahr offensichtlich, lasse sich kalkulieren. In seinem Heimatdorf sehen viele das anders: Ein Blinder gehöre nicht in die Berge. Jahrelang musste er nach einem Bergprofi suchen, der ihm das alpine Klettern beibrachte. „Mit 20, 25 Jahren hat mich das wahnsinnig geärgert“, sagt Holzer. „Du fühlst dich als Mensch zweiter Klasse.“ Noch heute betrachten manche ihre Route als entweiht, wenn der blinde Bergsteiger sie begangen hat.

Die Jalousien sind zugezogen, der Arbeitsraum halb dunkel: Ein Blinder braucht keine Beleuchtung. Andy Holzer hockt vor seinem Computer und lauscht. Eine Sprachsoftware übersetzt ihm eingegangene E-Mails. Die beiden Arbeitsplätze sind das Basislager des Familienunternehmens Holzer. Hier organisieren Andy Holzer und seine Frau Sabine Vortragsreisen, suchen nach Sponsoren für teure Bergabenteuer, schneiden und vertonen Bilder und Videos für seine Multimediashow. „Es geht darum, Barrieren zu überwinden - am Berg wie im Leben.“

„Von den Nachbarn kam nur Mitleid“

Mit dieser Botschaft füllt der Extrembergsteiger Vortragssäle, reißt Manager, Banker, Verkäufer und Krankenpfleger aus ihrem Alltagstrott. Ein Blinder, der senkrecht den Fels hochklettert wie eine Spinne am Garagentor, der in die sauerstoff-ärmsten Gegenden dieser Erde vordringt - das berührt die Menschen, regt sie zu Träumen und Taten an. Viele Zuschauer haben Holzer geschrieben, dass er sie motiviert habe, etwas Neues anzufangen mit ihrem Leben.

Holzer kennt sich aus im Überwinden von Hindernissen. Er wächst Ende der sechziger Jahre in Amlach auf, einem 300-Einwohner-Dorf in Osttirol. Seine Schwester Elisabeth kommt drei Jahre vor ihm zur Welt, stark sehbehindert. „Von den Nachbarn kam nur Mitleid. Wir mussten es irgendwie allein schaffen“, erzählt Vater Peter Holzer. Die Eltern lehnen den Vorschlag ab, Andy auf eine Blindenschule in Wien zu schicken. Sie wandern mit ihm, binden ihm eine Gummischnur an den Hosenbund und bringen ihm das Skifahren bei. „Wir wollten ihm das Gefühl geben, ein ganz normaler Junge zu sein“, sagt seine Mutter Maria Holzer.

Andy sprudelt vor Tatendrang, kommt mit blauen Flecken und blutigen Knien nach Haus. Alles halb so schlimm. Er will nicht mit dem Schicksal hadern, sondern die Welt kennenlernen. Vor allem die Berge. Als Neunjähriger berührt Holzer erstmals ein Gipfelkreuz. Das pure Glück. „Für mich war das die Bestätigung, dass ein Berg eine Spitze hat, wo alles zusammenläuft“, sagt Holzer. Vor jedem Aufstieg bekreuzigt er sich. Sein Glaube gebe ihm Halt - wie das Kletterseil.

„Was bringt dir der Berg, und was nimmt er dir?“

Am 18. August 2002 wird dieser Glaube auf eine harte Prüfung gestellt. Es ist ein nasser Tag in den Lienzer Dolomiten. Unter Holzer öffnet sich der Abgrund, 400 Meter tief, über ihm die Laserz-Nordwand, eine fast senkrechte Kante, die 2614 Meter in den Himmel ragt. Sein Partner klettert knapp 50 Meter über ihm, als das Seil zwischen beiden nicht mehr weiterläuft. Intuitiv presst Holzer beide Hände aufs Seil. „Ich dachte, es kommt ein furchtbarer Ruck. Doch nichts passierte. Es war mucksmäuschenstill.“

An diesem Tag verliert Andy Holzer seinen Kletterpartner Sepp Voithofer. Er sieht es nicht, doch er weiß es sofort. Das Seil hat sich in einem Haken verheddert, der Freund versucht es auszubalancieren, verliert das Gleichgewicht. Obwohl Andy Holzer keine Schuld trifft, zweifelt er erstmals am Sinn des Bergsteigens. Erst zwei Jahre später klettert er die Route noch einmal. „Irgendwann habe ich für mich eine Rechnung aufgemacht: Was bringt dir der Berg, und was nimmt er dir? Und ich habe mich für das Klettern entschieden.“

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