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Handball-Bundesliga der Frauen : „Nicht genug Geld im Kessel“

  • -Aktualisiert am

Andreas Thiel sieht die Qualität beim HBF: „Wenn man sagt, die HBF sei nicht gut genug, macht man es sich ein bisschen einfach.“ Bild: Picture-Alliance

Die deutsche Handball-Bundesliga der Frauen verfolgt der Ruf, international nicht mithalten zu können. Der Vorsitzende Thiel sieht das anders – sieht aber vor allem bei einem Punkt Nachholbedarf.

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          Die Einstufung der Handball-Bundesliga der Frauen (HBF) kennt er gut. Andreas Thiel ist Vorsitzender der HBF und seit vielen Jahren Insider des Frauenhandballs. Es hat ihn gefreut, dass die Niederländerinnen am Sonntag in Kumamoto Weltmeister geworden sind. Schließlich strahlt der holländische Glanz aufs deutsche Oberhaus ab, obwohl es im europäischen Konzert nicht die erste Geige spielt. Oder?

          Thiel, 59 Jahre alt, antwortet: „Wenn man sagt, die HBF sei nicht gut genug, macht man es sich ein bisschen einfach. Ich höre auch manchmal, dass alle deutschen Spielerinnen ins Ausland müssten, damit die Nationalmannschaft immer um Medaillen mitspielt. Dem stimme ich nicht zu. Holland spielt hier. Und Holland ist Weltmeister geworden. Acht aus Holland und eine aus Spanien spielen in der HBF, wenn man das Finale am Sonntag gesehen hat, dazu war Lois Abbingh lange in Oldenburg und Tess Wester in Bietigheim. Die HBF ist also offenbar keine so schlechte Liga. Und überhaupt gibt es in Europa doch nur bei uns, in Frankreich, Dänemark, Ungarn und vielleicht noch Russland funktionierende Ligen. Schaut man jetzt auf diese WM, dann waren aus den Ländern mit funktionierenden Ligen Frankreich, Dänemark und Ungarn hinter uns. So schlecht war das also alles nicht.“

          Mehr Vollprofitum

          Bundestrainer Henk Groener möchte mehr Vollprofitum in seinem Team, und er forderte nicht zuletzt in der F.A.Z. mehr und härteres Training. Dem kann Thiel viel abgewinnen. Aber weibliche Vollprofis? Der frühere Weltklasse-Torwart, einst als „Hexer“ bekannt, sagt: „In Relation zum Etat wird bei unseren Frauen-Bundesligisten richtig gute Arbeit geleistet. Ein flächendeckendes Vollprofitum wird es bei uns im Frauenhandball nicht geben – dafür ist nicht genug Geld im Kessel. Jeder Standort muss sehen, wie er klarkommt. Dazu kommt das duale System: Bei uns müssen die Mädels nebenbei arbeiten. Und das ist richtig so. Ich würde meiner Tochter auch nicht raten, allein auf die Karte Handball zu setzen.“

          Thiel, der als Jurist auch den Handball berät, hat viele Spiele der Weltmeisterschaft in Japan angeschaut – und Unterschiede entdeckt, die es seit Jahren gibt. Man habe den Eindruck, dass Fitness und Athletik bei anderen Nationalmannschaften besser seien als bei den Deutschen. Dazu sagt er: „Die athletischen Voraussetzungen sind flächendeckend nicht gut genug bei uns. Da haben wir ganz klar Nachholbedarf. Wir müssen in der Jugend mehr machen in Sachen Athletik – aber Frankreich und Russland werden wir trotzdem nicht erreichen. Was ich bei den Niederländerinnen und den Norwegerinnen sehe, ist eine Mischung aus Siegeswillen und Lockerheit, der Spaß an der Herausforderung. Ich kann uns aber weder die Athletik der Russinnen noch die Lockerheit der Niederländerinnen überstülpen. Wir müssen immer über gute Torhüterinnen und eine gute Abwehr kommen. Am Ende werden große Spiele aber immer von großen Spielerinnen entschieden. Das war diesmal Estefana Polman.“

          In den Niederlanden sind die Erfolge mit dem Akademiesystem gekommen. Alle Spitzen-Spielerinnen trainieren in jungen Jahren an einem Ort, eine leistungsstarke Liga gibt es nicht. Das sei kein Modell für Deutschland, findet Thiel: „Wir brauchen eine Handball-Bundesliga. Die ist regional stark verwurzelt. Im Rahmen der DHB-Strukturreform ist ja ein Akademiesystem angedacht. An sechs Standorten in Deutschland trainieren die 14-, 15-jährigen Talente regional zwei Tage die Woche bei DHB-Trainern.

          Für die Schulbefreiung sorgt der DHB. Das finde ich vom Grundkonzept okay. Aber es bleiben Zweifel, denn der Teufel steckt im Detail. Da sind weite Strecken zurückzulegen, und man braucht Eltern, die das mittragen. Am einfachsten wäre es, die Talente mit 15 Jahren an einem Ort in Deutschland zusammenzutragen. So hat Holland das mit herausragendem Erfolg gemacht. Aber dafür ist Deutschland zu groß.“

          Trotz des verpassten Halbfinals sieht Thiel den deutschen Frauen-Handball in einer guten Verfassung: „Ich will das nicht zu negativ sehen. Das Abschneiden hatte auch mit Glück und Pech zu tun. Wir waren wirklich nah dran am Halbfinale. Mit Henk Groener wurde verlängert, und in einem Jahr kommt das nächste Turnier. Ist doch alles in Ordnung. Man darf nicht vergessen, dass Xenia Smits nicht dabei war. Die hat uns gefehlt, auch von der Persönlichkeit. Wenn sie in einem Jahr wieder dabei ist, haben wir mehr Körner im Rückraum.“

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          Aber was muss sich verbessern? „Wir brauchen ein Back-up für Dinah Eckerle im Tor und bessere Außen. Emily Bölk wird den nächsten Schritt machen, da bin ich sicher. Ansonsten brauchen wir Wettkampfhärte, und die holt man sich nun einmal über die großen Turniere. Man muss das mal erlebt haben, um am Ende die richtige Entscheidung zu treffen. Das lernt man nur, wenn man auch mal die falsche Entscheidung getroffen hat“, sagt der ehemalige Torwart Thiel. Er weiß das nur zu gut – aus der eigenen Laufbahn.

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