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Turn-WM in Glasgow : Bretschneider wagt den „Bretschneider“

  • -Aktualisiert am

Haltloser Moment: Andreas Bretschneider fliegt über das Reck. Bild: GES

Der „Bretschneider“ ist das spektakulärste und schwierigste Flugteil im Turnen. Im Reckfinale der WM will Andreas Bretschneider „sein“ Element unbedingt einbauen – und hofft darauf, dass ihn das Gerät nicht „wegwirft“.

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          Die gute Nachricht mit Blick auf das Reckfinale lautet: „Jeder, der durchturnt, hat die Chance auf eine Medaille.“ Die Entscheidungen an den Einzelgeräten, bei denen jeweils die besten acht Turner der Qualifikation an den Start gehen, bilden traditionell den Abschluss von Turn-Weltmeisterschaften, so auch an diesem Sonntag im schottischen Ort Glasgow.

          Die Startreihenfolge ist im Vorfeld ausgelost: Andreas Bretschneider ist der erste Turner, Kollege Fabian Hambüchen der letzte. Er habe versucht, sich das „schönzureden“, sagt Bretschneider, denn als Erster kann man nicht taktieren. Aber immerhin ist die Wartezeit kürzer. Wenn die Turner die Halle betreten, geht es sofort los, ohne das sogenannte kleine Einturnen. Einer turnt nach dem anderen weg, das macht den Wettkampf kurz, den Vergleich der Leistungen vermeintlich einfacher und somit das Ganze spannend. Für die mediale Vermarktung und ein breites Publikum sind die maximal halbstündigen Gerätefinals die denkbar ideale Konstellation.

          Runterfallen kostet einen Punkt

          Das Finale am Reck ist traditionell die letzte von fünf sonntäglichen Entscheidungen, die letzte Entscheidung nach insgesamt zehn langen Wettkampftagen. Die eiserne Stange gilt vielen als das spektakulärste Turngerät. Das hat vor allem mit den Flugteilen zu tun, jenen Momenten also, in denen der Turner die Stange loslässt, durch die Luft fliegt und ganz plötzlich wieder dran hängt und sich weiter um das Gerät dreht. „Es ist das Gerät, das dich gerne mal wegwirft“, meint Andreas Bretschneider, ganz so, als würde sich auch das Gerät bewegen und nicht nur er um das Gerät herum. Wegwerfen bedeutet Runterfallen und das geschieht meistens nach einem solchen Flugteil. Das Runterfallen wird mit einem Punkt Abzug bestraft und bedeutet deshalb fast automatisch, dass jede Chance auf eine Medaille dahin ist.

          Andreas Bretschneider hat ein ganz besonderes Flugteil in seinem Programm, und weil es so besonders ist, heißt es seit vergangenem Dezember „der Bretschneider“. Der Weltverband weist seit Jahrzehnten neuen Elementen den Namen desjenigen Turners zu, der es erfunden und zum ersten Mal erfolgreich vorgeführt hat. Vor allem aber weist der Weltverband dem Element einen Schwierigkeitsgrad zu, und erst der macht „den Bretschneider“ zu einem außergewöhnlichen Element.

          Denn nach Analyse und Vergleich mit dem bestehenden Katalog an Elementen beschloss man eine neue Kategorie zu schaffen, welcher der Buchstabe H zugeordnet ist. „Der Bretschneider“ ist also nun das erste H-Teil in der Historie des Männerturnens, das schwierigste Teil überhaupt. Neben der Ehre, namentlich in den internationalen Wertungsvorschriften verewigt zu sein, bedeutet das vor allen Dingen 0,8 Punkte, um die der Wert der Übung steigt.

          „Ich habe es zwei Tage in Folge gemacht, und das hat funktioniert“, sagte Andreas Bretschneider am Donnerstag über das Element, das er selbst nicht so recht bei seinem Namen nennen mag. In der Qualifikation hatte er mit Blick auf das Mannschaftsergebnis eine sichere Übung gezeigt und daher auf sein Element verzichtet, an diesem Sonntag will er es zeigen. Wichtig sei es, die Ruhe zu bewahren und „den Kopf auszuschalten“. Es sei „schwierig“ sagt Bretschneider, als sei das nicht so selbstverständlich.

          Was genau er da zeigt, ist auch schwierig zu erklären: Bretschneider braucht für den „Bretschneider“ viel Tempo, dazu nimmt er Anlauf, der beim Reckturnen aus Riesenfelgen besteht, also dem schnellen gleichmäßigen Umrunden der Stange in gestreckter Körperhaltung. Dann lässt er die Stange im Vorschwung, also ungefähr auf der Mitte des Weges vom senkrechten Hang in Richtung Handstandposition, los. Während des kurzen Fluges über die Stange dreht er sich mit angehockten Beinen zweimal um die Breiten- und zweimal um die Längsachse seines eigenen Körpers. In der idealen Variante ergreifen die Hände die Stange genau dann wieder, wenn alle Drehungen um die eigenen Achsen beendet sind. Der Körper streckt sich dann wieder und die Stange wird abermals die Achse, um die er sich weiter dreht.

          Entscheidend sind das rechte Timing beim Loslassen und die Einleitung des Drehimpulses. Aber Reckstange ist nicht gleich Reckstange, trotz zahlloser Normvorschriften sind die Eigenschaften der Geräte je nach Hersteller im Detail minimal unterschiedlich. Am Reck zu Hause in Chemnitz „fliegt es sich ein bisschen besser“, erklärt Bretschneider, aber mittlerweile wisse er auch, wie es in Glasgow am besten gehe. Er hält den Japaner Kohei Uchimura für den Favoriten wegen seiner Kombination von Höchstschwierigkeiten und seiner präzisen Ausführung. Letztere hat bei diesen Titelkämpfen bei den Kampfrichtern mehr Aufmerksamkeit erfahren als in den vergangenen Jahren.

          Olympiasieger und Weltmeister Epke Zonderland hat das Finale nicht erreicht, ausgewiesene Reckspezialisten gibt es nicht wirklich, daher ist das Feld relativ ausgeglichen. „Es kann immer wieder jeden erwischen“, brachte Andreas Bretschneider übrigens auch die schlechte Nachricht auf den Punkt.

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