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Andrea Petkovic im Interview : „Ich habe eine zerrissene Seele“

Drei Niederlagen in der ersten Runde: Andrea Petkovic hatte einen schlechten Saisonstart. Bild: dpa

Zwischen Freigeist und Disziplin: Vor dem Fed-Cup-Duell mit Australien am Wochenende spricht Andrea Petkovic im F.A.Z.-Interview über ihre Zurückhaltung bei politischen Themen, Zwiespälte und Grand-Slam-Pokale.

          Drei Erstrunden-Niederlagen - das Jahr hat für Sie nicht gut begonnen. Was haben Sie aus Australien mitgebracht, was haben Sie gelernt?

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Vieles. In Australien beginnt die Saison, man kommt aus der Vorbereitung, und ich wusste, ich hatte alles perfekt gemacht, ich hatte mich perfekt ernährt, war rechtzeitig schlafen gegangen, hatte mein ganzes Leben hintangestellt für das Tennis, für das Training. Diese Einstellung habe ich mit nach Australien genommen und dort genauso weitergemacht. Es waren am Ende fast sieben Wochen, die ich komplett im Tunnel war, und ich glaube im Nachhinein, das ist einfach zu viel, man ist dann leer, man kann sich nicht weiter fokussieren. Ich muss lernen, es etwas entspannter anzugehen.

          Täuscht der Eindruck, oder haben Sie die Niederlagen vergleichsweise gefasst ertragen?

          In Melbourne, ja, und in Brisbane im Einzel zunächst auch. Aber dann haben wir das Doppel in der ersten Runde verloren, und dann - mein Gehirn ist ein komisches Ding - fing es drei Tage später an, dass ich das Einzel hinterfragt habe. Dann kamen die Zweifel: War das Match wirklich gut? Hätte ich in der Vorbereitung vielleicht doch etwas anders machen sollen?

          Den Kopf ausschalten, das funktioniert nicht?

          Manchmal schaffe ich es, manchmal nicht. Dann fange ich an, alles zu reflektieren, und komme nicht mehr raus.

          Der Druck von innen ist schwieriger zu kontrollieren als der Druck von außen?

          Ja, mit dem äußeren Druck habe ich keine Probleme. Beim Fed Cup im letzten Jahr in Australien zum Beispiel hatten wir alle einen unglaublichen Druck, weil wir wussten: Wir sind extra nach Australien geflogen und werden drei Wochen unserer Sandplatzsaison in Europa in die Tonne treten können. Es war klar: Wir müssen gewinnen, wir müssen ins Finale einziehen, nur dann ist das auch zu Hause ein großes Ding, sonst interessiert es keinen, und wir haben drei Wochen umsonst verloren. Aber wir konnten mit diesem Druck umgehen, wir konnten ihn für eine höhere Aufmerksamkeit, für die nötige Konzentration nutzen. Auf der anderen Seite: Wenn der innere Druck zu stark wird, wenn ich sage, ich will, ich will, ich will, dann scheitere ich meistens.

          Auf der einen Seite ein Freigeist, auf der anderen ein Arbeitstier - wie passt das zusammen?

          Überhaupt nicht. Das ist mein größtes Problem, dass ich eine zerrissene Seele habe und sie nicht vereinen kann. Die Literatur, die ich lese, die Kunst, für die ich mich interessiere, all das ist freigeistig, ich mag die abstrakte und die moderne Kunst, ich mag Künstler, die Regeln brechen. Dann habe ich aber auch dieses Disziplin-Tier in mir, das alles in Form pressen muss und nicht nach links und rechts schaut. Dass ich diese beiden Seiten nicht vereinen kann, ist der rote Faden in meinem Leben, der mich immer wieder entzweit.

          Die Intensität Ihres Trainings haben Sie aber zurückgenommen.

          Ja, was das körperliche Training angeht, habe ich tatsächlich hinzugelernt, ich habe es deutlich reduziert, aber ich finde halt immer ein neues Feld, in dem ich meine Disziplin ausleben kann. In der Ernährung zum Beispiel. Ich habe das zwar nicht regelmäßig bis zum Exzess getrieben, aber vier, fünf Tage vor dem Turnier eben doch. Im Nachhinein waren das vor Australien schon wieder Anhaltspunkte, dass ich es zu perfekt machen wollte.

          Der Triathlet und Hawaii-Sieger Sebastian Kienle empfiehlt, nur 95 Prozent seines Lebens dem Diktat des Sports, des Trainings zu unterwerfen und den Rest für Lockerheit zu reservieren. Nur so könne man auf Dauer erfolgreich sein und nicht kaputt gehen am Leistungssport.

          Im Triathlon ist die Leistung ja noch viel messbarer als im Tennis, und wenn einer wie Sebastian das sagt und mit dieser Einstellung Hawaii gewinnt, dann sieht man, wie sehr sogar die rein physische Kraft vom Kopf abhängt. Dass ein Ironman-Sieger sagt, es helfe ihm, entspannter und erfolgreicher zu sein, wenn er mal eine Tafel Schokolade reinschaufelt und vielleicht 500 Gramm mehr wiegt als nötig, finde ich sehr interessant.

          Wenn man sich dem Sport vollständig unterordnet - was bleibt da übrig fürs richtige Leben?

          Bei mir kam manchmal das Gefühl hinzu, dass ich durch meine Verletzungen zwei Jahre verloren und nicht mehr so viel Zeit für die Tenniskarriere habe. Dass ich deshalb jetzt alles zu hundert Prozent machen müsse, das andere könnte ich ja noch hinterher tun. Aber genau so funktioniert es nicht. Ich werde am Tag meines Karriereendes meinen Geist nicht umswitchen können. Jetzt alles einem Ziel unterordnen und danach alles genießen, das wird nicht funktionieren. Es ist eine ganz wichtige Lektion für mich, dass ich jetzt schon versuche, alles, jedes Training, zu genießen, dass ich versuche, an den ganzen Kleinigkeiten Spaß zu haben, dass ich auch mal eine Auszeit nehme, ins Theater gehe, ins Museum - und dann eben nicht denke, um Gottes willen, jetzt habe ich keine acht Stunden Schlaf mehr, sondern nur noch siebeneinhalb.

          Mit den deutschen Frauen geht es für Petkovic am Wochenende gegen Australien

          Flugplätze, Hotels, Turniere, Matches - ist Spitzentennis so etwas wie eine eigene kleine Welt?

          Das gilt für viele Bereiche, den Sport, die Schauspielerei, die Kunst - man muss sich immer mal wieder rausholen aus dieser Welt. Dieselben Hotels, dieselben Plätze, dieselben Leute, dieselben Journalisten Woche für Woche, alle nehmen sich wichtig, und jeder hat ja auch einen wichtigen Job in diesem Umfeld, aber aufs Große und Ganze gesehen, sind wir alle bei weitem nicht so wichtig, wie wir denken.

          Am Wochenende treffen Sie mit dem deutschen Fed-Cup-Team in Stuttgart wieder auf Australien. Was macht den Reiz dieses Teamwettbewerbes aus?

          Es ist faszinierend, als Individualsportler zu sehen, was eine Mannschaft ausmachen kann, welche Energie man im Sport in einer Gemeinschaft produziert. Und es macht riesig Spaß, als Nationalteam für Deutschland zu spielen.

          Die deutschen Tennis-Damen, Angelique Kerber mal ausgenommen, spielen mal gut, mal schlecht, mal mehr erfolgreich, mal weniger, das gilt für Julia Görges, Sabine Lisicki und auch für Sie. Woher kommt diese fehlende Konstanz?

          Es liegt oft an Verletzungen, nach denen man sich erst wieder Siege und Selbstvertrauen erarbeiten muss. Als ich in den Top Ten war und verletzungsfrei, habe ich bei jedem Turnier immer mindestens drei, vier Matches gewonnen. Das funktioniert dann automatisch. Selbstvertrauen kann man nicht immer erklären, es ist manchmal einfach da. Ich glaube, über dauerhaftem Erfolg steht diese uneingeschränkte Zuversicht, dass nichts schiefgehen wird, das ist eigentlich naiv, aber du brauchst eine gewisse Naivität im Sport, du musst wie ein kleines Kind fest daran glauben, dass alles gut wird.

          Wo sehen Sie das größte Potential in Ihrer sportlichen Entwicklung?

          Beim Trainer, ganz klar. In Australien hat mich ja mein Vater betreut, wir suchen jetzt gemeinsam einen neuen Trainer für mich. Mir ist wichtig, dass ich jemanden finde, der perfekt zu mir passt, auch persönlich. Ich will vor jemandem fachlichen Respekt haben, aber auch geistig gefordert werden. Ich bin nicht mehr bereit, irgendjemanden zu nehmen, und habe den Luxus, meinen Vater im Rücken zu haben, der sich unheimlich gut auskennt. Ich kann verstehen, dass er nicht zu allen Turniere mit mir fahren will, weil er nicht will, dass die ganze Familie sich nur um mich dreht, außerdem will er seinen Job als Vereinstrainer weiterhin machen - das finde ich auch gut so.

          „Bevor ich schlafen gehe, sehe ich Grand-Slam-Pokale, die ich in die Höhe halte“

          Was muss ein Trainer können?

          Taktik, Trainingstechnik, andere Spielerinnen kennen - das gehört zur Grundausstattung. Das Wichtigste für einen Trainer ist aber, dass er eine sehr gute Menschenkenntnis hat. Dass er den Spieler begreift. Er muss Phasen erkennen, in denen der Spieler gegen sich selbst arbeitet, und er muss auch in diesen Phasen die Steuerung übernehmen. Ein Trainer muss in der Lage sein, dir ein gutes Gefühl zu geben, wenn es dir gerade verlorengeht.

          Sie sind im Fernstudium in Politik und Philosophie eingeschrieben. In diesem Zusammenhang: Warum hört man von Tennisspielern nie etwas, was gesellschafts- oder sportpolitisch von Bedeutung wäre? Warum nehmen Tennisspieler zum Beispiel nicht öffentlich Stellung gegen Pegida? Der Sport will doch weltoffen sein, tolerant, international.

          Es stimmt, dass wir uns so gut wie nie zu politischen Fragen äußern. Ich glaube, je professioneller ein Sport organisiert ist, desto wenig äußern sich die Sportler. Uns wird ja immer eingeimpft: Sage nichts zu politischen Themen, sage nichts zu Doping, da kannst du dich nur ins Abseits befördern.

          Ist es nicht feige, die große Einflussmöglichkeit, die große Resonanz, die man als Spitzensportler hat, nicht in dieser Richtung zu nutzen?

          Ja, das ist feige, und es ist auch etwas anderes: Es ist Bequemlichkeit. Es gibt immer Pro und Contra, und deshalb kriegst du für jede politische Äußerung Ärger und Reaktionen, mit denen du dich beschäftigen musst. Und bei mir ist es so, dass ich nicht gut spiele, wenn ich Ärger habe.

          Sie sind jetzt 27. Was treibt Sie noch an im Sport? Die Sehnsucht nach dem ganz großen Sieg? Irgendwann mal einen Grand-Slam-Pokal im Wohnzimmer stehen zu haben?

          Was ich sehe, bevor ich schlafen gehe, sind Grand-Slam-Pokale, die ich hochhalte. Ich glaube, es gibt keinen Tennisspieler unter den Top 100, der nicht dieses Ziel hat oder diesen Traum.

          Was kommt nach der Karriere?

          Das weiß ich noch nicht. Ich weiß nur, dass es zwei Dinge gibt, vor denen ich Angst habe. Die Angst vor mir selbst, dass ich mit der Bedeutungslosigkeit nicht zurechtkomme, wenn Tennis mal weg ist. Und die Angst davor, dass ich mal einen Job haben werde ohne Herausforderungen - und dass mir das egal wird.

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