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Andrea Petkovic : Die Sehnsucht nach eigener Stärke

  • -Aktualisiert am

Wieder voller Energie: Andrea Petkovic Bild: dpa

Erst der Titelgewinn in Marseille, nun ein Erfolgserlebnis in der Heimat gegen eine Freundin: Andrea Petkovic siegt beim Turnier in Nürnberg gegen Julia Görges. In Wimbledon aber darf sie nur dank einer Wildcard starten.

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          Schläger, Schläger in der Hand, wer ist die Beste im ganzen Land? Gemäß der Zahlen, die niemals lügen, lautet die richtige Antwort: Angelique Kerber, in der Weltrangliste auf Position sieben eingestuft. Weil die Kielerin aber nach den French Open eine kleine Verschnaufpause einlegt und nicht beim erstmals in Nürnberg ausgetragenen WTA-Sandplatzturnier aufschlägt, wurde die Tennisfrage im Frankenland zwischen zwei anderen Damen entschieden, die in den vergangenen Jahren einen ähnlichen Beitrag zur neuen Blüte im deutschen Damentennis geleistet haben.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Andrea Petkovic oder Julia Görges also lautete die Fifty-fifty-Frage, über die am Mittwoch auf dem Centre Court am Valznerweiher entschieden wurde. Die in ihrer Deutlichkeit überraschende Antwort lautete: Andrea Petkovic, die 6:1 und 7:5 gewann und in die Runde der letzten Acht einzog, in der sie auf Annika Beck trifft, die Karin Knapp mit 6:4 und 6:2 besiegte. „Ich war am Anfang angespannt, habe dann aber Jules Aufschlag gut gelesen und gut returniert. Wahrscheinlich deshalb, weil wir uns seit zweihundert Jahren kennen“, sagte die Darmstädterin, die ihr siebtes Match in Serie gewann.

          Die Veranstalter, die das Turnier von Barcelona für geplante drei Jahre nach Nürnberg umsiedelten, waren nicht gerade außer sich vor Freude, dass ihre beiden Zugnummern schon in der zweiten Runde des Wettbewerbs aufeinandertrafen. „Man muss es positiv sehen“, sagte Turnierdirektorin Sandra Reichel, „es steht auf jeden Fall eine im Viertelfinale.“

          Auch für die beiden Freundinnen, die gemeinsam als jubelnde Poster-Girls das Nürnberger Turnierplakat zieren, war die Auslosung alles andere als wunschgemäß verlaufen. Gleichwohl hatten sie ihr Bestes getan, um die Anspannung in erträgliche Maßen zu halten. „Das Match gegen Andrea ist eines wie jedes andere“, hatte die 24 Jahre alte Julia Görges behauptet, ihre eigene Einschätzung aber doch noch etwas relativiert: „Wir kennen uns in- und auswendig.“ Was sollte von einem solchen Freundschafts-Heimspiel erwartet werden?

          Umarmung und tröstende Worte

          Niemand konnte ahnen, wohin die auf Weltranglistenplatz 36 geführte Julia Görges die Bälle reihenweise plazierte: ins Netz, ins Aus, ins Nirgendwo. Nach einem starken Aufschlagspiel verlor die Bad Oldesloerin sechs Spiele nacheinander, weil Andrea Petkovic ruhiger, abgeklärter und fokussierter auftrat. Vor allem schien Görges ihre Rückhand über Nacht abhandengekommen.

          So war es nicht überraschend, dass die Norddeutsche, die offensichtlich eine leichte Blessur am Bein behinderte, ihrer Freundin auch mit einem Rückhandfehler half, nach 1:23 Stunden den vierten Matchball zu nutzen. Am Ende des Wiedersehens, das nur der auf Weltranglistenposition 103 geführten Andrea Petkovic Freude bereitete, stand eine herzliche Umarmung samt tröstenden Worten.

          Beide sind im Leiden vereint

          Es war schon ein paar Jährchen her, seit sich die beiden einmal auf der Profitour gegenüberstanden hatten. Im Januar 2008, als Petkovic und Görges noch nicht viel mehr waren als vielversprechende Jungprofis mit einem Weltranglistenplatz um die hundert, trafen sie in Sydney in der Qualifikation aufeinander. Damals wehrte die Jüngere zwei Matchbälle ab und gewann in drei Sätzen.

          Danach spielten die beiden Damen nur noch miteinander: im Fed Cup, wo sie Auf- und Abstiege erlebten, oder sporadisch bei Turnieren, wo sie sich mit überschaubarem Erfolg als Doppel versuchten. Zuletzt waren die beiden vor allem in ihren Leiden vereint. Wobei es Andrea Petkovic stets schlimmer erwischte als Julia Görges. Meniskuseinriss, Stressfraktur, Bänderriss, wieder Kniebeschwerden - in den vergangenen eineinhalb Jahren ist die Darmstädterin mehrmals monatelang aus der Bahn geworfen worden.

          Petkovic kann sich doppelt freuen

          Derzeit versucht die ehemalige Weltranglistenneunte wieder Tritt zu fassen. Nach dem Titelgewinn am vergangenen Sonntag beim unterklassigen ITF-Turnier in Marseille habe sie „wieder mehr Vertrauen“ in ihren Körper gefunden, sagte Andrea Petkovic, die auch im Ranking wieder Stück für Stück vorrückt. Julia Görges dagegen wurde in den zurückliegenden Wochen von Schwächeanfällen und zuletzt von Schmerzen am Handgelenk behindert, was unter anderem zu ihrem Erstrundenaus in Paris führte.

          In Nürnberg konnte sich Andrea Petkovic doppelt freuen, war ihr doch tags zuvor von ihrer Mutter Amira und Bundestrainerin Barbara Rittner eine frohe Botschaft überbracht worden, die vom All England Club kam: Der Veranstalter gab Andrea Petkovic eine Wildcard für das Turnier in Wimbledon in eineinhalb Wochen. Beim Saisonhöhepunkt auf Rasen muss die Hessin also nicht den Umweg über die Qualifikation gehen. Vor drei Wochen bei den French Open war sie bei dem Versuch gescheitert, sich in der Qualifikation ins Hauptfeld durchzuschlagen, und hatte sich danach aus Frust tagelang daheim in Darmstadt verkrümelt. Im deutschen Damenduell hat Andrea Petkovic bewiesen, dass sie es demnächst wieder aus eigener Stärke heraus in die Hauptfelder der Grand-Slam-Turniere schaffen könnte.

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