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Baseball in Amerika : Bloß keinen Fanghandschuh zu Weihnachten

  • -Aktualisiert am

Immer weniger junge Amerikaner interessieren sich für Baseball. Bild: AFP

Immer weniger junge Amerikaner interessieren sich für Baseball. Auch der Erfolg des frisch gekürten Meisters Houston Astros kann die Probleme im amerikanischen Baseball nicht verdecken.

          3 Min.

          Das Lamento kommt in Wellen daher und hat etwas vom Gezeitenwechsel von Ebbe und Flut. Allerdings sind die Abstände kürzer geworden. Die Warnungen, dass Amerikas einstmals mit Abstand populärste Sportart ganz langsam aussterbe, begannen schon vor hundert Jahren, aber sie klangen noch nie so besorgt, seit der neue Geschäftsführer von Major League Baseball im Amt ist. Der sagte 2015, dass seine Profiliga mit ihren 30 Klubs einem besonderen Problem entgegensehe: „Die stärkste Prognose dazu, wie sich das Interesse eines Publikums entwickelt, ist, ob jemand bereits als Kind das Spiel gespielt hat.“ Und in dieser Altersgruppe hat Baseball amerikaweit deutlich gegenüber anderen Aktivitäten verloren.

          Bob Manfred mochte zwar nicht so weit gehen, zu behaupten, dass Baseball vom Tode bedroht ist. Aber der Trend ist deutlich: Immer weniger junge Amerikaner interessieren sich für den knallharten Lederklops und wünschen sich etwas anderes als den dicken Fanghandschuh zu Weihnachten. Und das Durchschnittsalter der Fernsehzuschauer, die sich für das Geschehen in der Profiliga interessieren, entwickelt sich nach Informationen der Demoskopen beständig nach oben.

          Es liegt inzwischen bei über Mitte fünfzig und damit klar über dem der stärksten Konkurrenz – der National Football League mit 47 und der National Basketball Association mit 37 Jahren. Umso erstaunlicher, was zuletzt jeweils im Spätherbst passiert ist, wenn im Rahmen der Play-offs die Kandidaten für die Finalserie der Meisterschaftssaison ermittelt werden, die den anspruchsvollen Titel „World Series“ trägt. Da versammelte sich eine erstaunliche Menge von Neugierigen vor den Fernsehgeräten. Egal ob bei der Auseinandersetzung zwischen den Chicago Cubs und Cleveland Indians im vergangenen Jahr oder zwischen den Houstons Astros und den Los Angeles Dodgers in diesem Jahr.

          Ganz offensichtlich interessieren sich doch noch immer mehr als 25 Millionen Amerikaner dafür, wer Meister wird und auf welche Weise, allen Unkenrufen zum Trotz. Das Geheimnis dieser enormen Anteilnahme mag hauptsächlich darin liegen, welche Mannschaften sich in den vergangenen Jahren um den Titel stritten: Die Cubs hatten vor dem Erfolg im vergangenen Jahr zum letzten Mal 1908 gewonnen. Die Indians laufen seit 1948 dem großen Triumph hinterher. Die Dodgers erleben seit 1988 eine Flaute. Und die Houston Astros, die am Mittwoch gegen LA eine knisternde Serie im siebten Spiel 4:3 für sich entschieden, waren seit Gründung 1965 noch nie Meister gewesen. Mit anderen Worten: Es passt zu den nostalgischen Verlustgefühlen, dass schon eine Weile lang nicht mehr die „üblichen Verdächtigen“ mit den größten Geldtöpfen ums Championat kämpfen, sondern die Teams mit dem Ballast der ewigen Verlierer.

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          Solch ein Stoff weckt fast automatisch Sympathien unter Sportanhängern landesweit. Der Reiz umgekippter Kräfteverhältnisse und die Solidaritätsgefühle für eine Stadt wie Houston, die im August von Hurrikan Harvey und massiven Überschwemmungen heimgesucht worden war, können allerdings nicht die strukturellen Probleme verdecken. Tatsächlich leidet Baseball an einer Reihe von Mängeln. Das Spiel, das von keiner Uhr regiert wird, sondern – vergleichbar mit dem Tennis – von einer archaischen Zählweise und Taktung, plätschert langsam dahin. Es dauert in der Profiliga um die drei Stunden. Zu lange für junge Menschen, die mit zackig schnellen Videospielen aufgewachsen sind, bei denen ein Vergnügen an Kontemplation und Gelassenheit nicht mehr kultiviert wird.

          Obendrein wurde herausgefunden, dass die Bindung zum Baseball ganz offensichtlich mit althergebrachten familiären Strukturen zusammenhängt. Eine Studie an der Universität Nebraska kam zu dem Ergebnis, dass 95 Prozent aller Collegespieler aus einem Milieu mit zwei Eltern stammen. Wer in einem vaterlosen Haushalt aufwächst, dem fehlt die unmittelbare Anleitung für Baseball. Und vermutlich auch das Geld, das aufgebracht werden muss, um früh genug einen Platz im Fördersystem dieses Sports zu finden.

          Medial gut vermarktete Leitfiguren produziert das Spiel auch nicht mehr so wie früher, als die Biographien von Stars wie Babe Ruth oder Lou Gehrig dank Hollywood erfolgreich für Kinomaterial genutzt wurden. Statt dessen geriet zuletzt eine ganze Generation von Topspielern in den Doping-Strudel, wurde nach und nach erwischt und trübte so das Image einer Sportart, die nicht nur von Muskelkraft lebt, sondern von vielen taktischen Finessen und blitzschnellen, reflexhaften Reaktionen der Akteure.

          Major League Baseball steht zwar wirtschaftlich solide da. Aber es gibt immer wieder mahnende Stimmen. „Wenn Baseball nichts tut, dann wird die Sportart vermutlich noch in Jahren auf dem jetzigen Niveau weiter existieren“, sagte vor einer Weile Rich Luker, ein Psychologe, der sich seit langem mit dem demoskopischen Material rund um Baseball beschäftigt. „Aber in zwanzig Jahren wird man den Platz auf der Bildfläche verlieren.“

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