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American Football : Seattles „Cinderella-Story“ begeistert Amerika

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„Eine unglaubliche Leistung, Wahnsinn”: Die Seattle Seahawks und Cameron Morrah überraschen die NFL Bild: dpa

Das Football-Team der Seattle Seahawks befindet sich derzeit völlig überraschend auf einem Höhenflug und schreiben in den NFL-Play-offs Geschichte. Dabei befindet sich die Stadt sportlich in der Krise. Nun treten die Seahawks in Chicago an.

          Es gibt wahrlich schönere Flecken in Amerika als Seattle im Januar. Wegen anhaltender Regenfälle wurde gerade wieder eine Flutwarnung herausgegeben, und die starken Niederschläge sollen, glaubt man den Vorhersagen der Meteorologen, mindestens bis Mittwoch andauern. Doch die tief hängenden und grauen Wolken sind im Januar 2011 für die „Seattleites“, wie sich die Einwohner der Stadt nennen, viel leichter zu ertragen als in den Vorjahren.

          Denn das Football-Team der Seattle Seahawks befindet sich völlig überraschend auf einem Höhenflug und bietet derzeit eine „Cinderella-Story“, wie sie alle Amerikaner lieben. Die kleinen und scheinbar chancenlosen „Seeadler“ setzen sich gegen die ganz Großen durch. Vor einer Woche blamierten sich die New Orleans Saints durch eine 36:41-Niederlage in Seattle zum Play-off-Auftakt der National FootballLeague NFL. Dabei waren die Seahawks gegen den Meister trotz Heimvorteil der krasseste Außenseiter in der Geschichte der NFL.

          Schließlich hatten sie sich nach einer schwachen Vorrunde mit nur sieben Siegen, aber neun Niederlagen gerade so für die Play-offs qualifiziert - und somit für eine Premiere in der Liga-Historie gesorgt. „Wir haben gerade den Weltmeister besiegt, ein großartiges Gefühl“, sagte Quarterback Matt Hasselbeck nach Spielende. „Es klingt verrückt, aber ich weiß gar nicht, wie es jetzt weitergeht. Aber das ist egal, wir treffen uns am Montag wieder, und bis dahin wissen wir, wer der nächste Gegner ist“, war selbst Trainer Pete Carroll vom Triumph überrascht worden.

          „Niemand traut uns etwas zu, aber das ist uns egal“

          Die große Begeisterung hat sich mittlerweile gelegt - und der Viertelfinal-Gegner steht auch fest. An diesem Sonntag (19.00 Uhr MEZ) spielen die Seahawks bei den Chicago Bears und wollen dort ihre Erfolgsgeschichte fortsetzen - auch wenn die Statistiken dagegen sprechen. Footballoutsiders.com, eine anerkannte Website von Fachjournalisten, die sich auf hochentwickelte, statistische Analysen spezialisiert haben und den Fernsehsender ESPN mit Football-Fakten aller Art beliefern, hat errechnet, dass die Bears zu 92,1 Prozent siegen. Von den acht verbliebenen Mannschaften in den Play-offs hat Seattle ohnehin die geringste Chance, am 6. Februar in Dallas den Superbowl zu gewinnen - laut Football Outsiders liegt die Wahrscheinlichkeit bei 0,3 Prozent.

          In Chicago selbst gelten die Seahawks bereits als entfedert, obwohl sie am 17. Oktober dort überraschend 23:20 gewannen. Die Fans handeln schon öffentlich mit Tickets für ein mögliches Halbfinale am 23. Januar zwischen den rivalisierenden Bears und den Green Bay Packers. Derzeit liegen die Preise zwischen 388 und 8800 Dollar pro Eintrittskarte. „Niemand traut uns etwas zu, aber das ist uns egal. Denn jeder in unserer Kabine weiß, dass wir auch in Chicago gewinnen können - und nur das zählt“, entgegnet Carroll allen Pessimisten.

          Der 59 Jahre alte Trainer hat erst seit einem Jahr das Sagen in Seattle. Er und sein Team mussten viel Spott über sich ergehen lassen, als sie die West-Division der National Football Conference (NFC) gewannen und dadurch die Playoffs erreichten. Nach der Sensation gegen die Saints ist die Häme dem Respekt und der Anerkennung gewichen.

          „Eine unglaubliche Leistung, Wahnsinn“

          Der entscheidende Touchdown-Lauf von Runningback Marshawn Lynch über 67 Yards zum 41:30 knapp dreieinhalb Minuten vor dem Spielende hat selbst die Chicago Bears verblüfft. „Eine unglaubliche Leistung, Wahnsinn“, sagte Defensive End Julius Peppers. In Seattle hat der Sieg ein Selbstwertgefühl ausgelöst, wie es schon lange nicht mehr zu spüren war.

          Überall wehen die hell- und dunkelblauen Fahnen mit dem gefährlich dreinschauenden Adlerkopf. Derart Flagge hatten sie in der Hafenstadt am Pazifik zuletzt 2006 gezeigt, als die Footballer durch eine 10:21-Niederlage im Superbowl gegen die Pittsburgh Steelers so nah am ersten Titelgewinn waren wie noch nie. Seitdem ging es langsam, aber stetig bergab - mit den Seahawks und den anderen sportlichen Aushängeschildern der Stadt. Es regnete wie immer viel in Seattle, aber es hagelte regelrecht Pleiten für die Profi-Teams.

          Die aktuelle Seahawks-Saison-Statistik lautet 8:9

          Nachdem keine Sponsoren für den Neubau einer Arena gefunden werden konnten, verließ mit den SuperSonics das geliebte Basketball-Team 2008 die Stadt, zog nach Oklahoma City um und nahm mit Kevin Durant den kommenden Star der Liga gleich mit. Die Seattle Mariners gingen im selben Jahr in die Geschichte der Major League Baseball ein, weil sie die erste Mannschaft waren, die mehr als 100 Millionen Dollar an ihre Spieler zahlte - und im Gegenzug mehr als 100 Niederlagen (101) kassierte.

          Die Seahawks gewannen in den vergangenen drei Jahren nur ein Drittel ihrer Partien (16:32). Die aktuelle Saison-Statistik lautet 8:9. Wenn das Team erstmals seit 2008 wieder eine Spielzeit mit einer positiven Bilanz abschließen will, hat es nur eine Möglichkeit - den Superbowl-Sieg.

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